Netflix-Doku über Juventus Turin Immer nur siegen?

Selbst wenn sich Torwart Buffon, Rechtsaußen Cuadrado und ihre Kollegen nur zum Mannschaftsbild aufstellen, verklärt die Doku das zum Abenteuer.

(Foto: Netflix)

Es ist ein hartes Jahr für den italienischen Fußball. Aber eine Doku-Serie über den FC Juventus Turin zeigt nur Glanz und Glorie. Am Verein liegt das nicht.

Von Birgit Schönau

Gianluigi Buffon wohnt in einem großen rosa Altbau. Gonzalo Higuain stutzt sich alle zwei Wochen den Bart. Und Federico Bernardeschi fläzt gern mit seinen Bulldoggen auf dem Sofa. Einblicke ins Privatleben von Spielern des FC Juventus aus Turin, zu sehen in der Doku-Serie First Team: Juventus FC, die von diesem Freitag an beim Streaming-Anbieter Netflix zu sehen ist. Drei Folgen sind schon fertig, zwei weitere sollen zum Saisonende im Sommer 2018 folgen. Zum ersten Mal zeigt Netflix Fußball, also tut man vorsorglich schon mal so, als hätte man das Genre neu erfunden. Ein "tiefgründiges Verständnis über Spieler, Trainer und Manager des Vereins" werde da vermittelt, die "spannendsten Geschichten" würden verfolgt, heißt es in der Ankündigung.

Die Doku-Serie ist das Ergebnis viermonatiger Recherche - und erinnert an Bildungsfernsehen

Schön wär's. Die neue Netflix-Serie, Ergebnis viermonatiger Recherchearbeit auf Trainingsplätzen, in Fußballstadien und einigen Spieler-Privatwohnungen, ist in etwa so aufregend und temporeich wie Bildungsfernsehen. Nur leider ohne Bildung. Denn über das, was Juventus so legendär, so einzigartig und so schillernd macht, wie es gebetsmühlenhaft von allen Beteiligten behauptet wird, erfährt man so gut wie nichts. Dabei ist dieser Verein, der vor 120 Jahren von Turiner Gymnasiasten gegründet wurde und seit 1923 der Industriellenfamilie Agnelli gehört, tatsächlich einer der interessantesten Sportklubs der Welt. Emblematisch spiegelte und prägte der FC Juventus ein ganzes italienisches Jahrhundert, in dem die Agnellis als Besitzer des Autokonzerns Fiat, bis heute größter privater Arbeitgeber im Land, über alle politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen hinweg den Ton angaben. Sie erfanden jenen "Juventus-Stil", der die Industrialisierung des Fußballs voranbrachte, eine unerreichte Mischung aus eiserner Disziplin und lässiger Divenhaftigkeit.

Auf Netflix ist davon nicht viel zu sehen. Stattdessen wird langatmig eine Heldensaga abgespult, bei der das Aufstellen zum Mannschaftsfoto allen Ernstes schon zum großen Abenteuer verklärt wird. Es folgen, in chronologischer Abfolge, die Einsätze der Saison, vom traditionellen Auftakt auf einem Dorfplatz in Piemont über jede Menge Zusammenschnitte von Liga- und Champions-League-Spielen bis zum Weihnachtsfest in Turin. Dazwischen ein Flug im Privatjet zu einer Sponsorenveranstaltung und ein paar Bilder vom Training und aus den Wohnküchen der Spieler.

Überhaupt - die Spieler! An ihnen haftet kein Schweißtropfen, kein Pickel und kein Stäubchen. Keimfrei, konventionell und vollkommen unberauschend, richtig ernüchternd aber wird es, wenn die Protagonisten anfangen zu reden. "Es wird ein extrem, extrem, extrem hartes Jahr", sagt da etwa Präsident Andrea Agnelli im Park jener Rokoko-Villa, in der schon sein Urgroßvater die Sommerfrische verbrachte, und es hört sich an, als wolle er gleich seine ehrfürchtig lauschenden Profis ans Fließband abkommandieren.

Allerdings hat Agnelli recht: Es ist ein hartes Jahr, nicht nur für Juventus, sondern für den gesamten italienischen Fußball, der nach der verpatzten WM-Qualifikation der Nationalmannschaft gerade heftig an Attraktivität einbüßt. Pech für die Netflix-Macher, die unverdrossen weiter Glanz und Glorie verbreiten. "Hier kann man sich nie ausruhen, man muss immer siegen", erklärt da markig Trainer Massimiliano Allegri. Als Sohn eines Hafenarbeiters aus Livorno ist Allegri eigentlich weniger für staatstragende Sprüche als für deftige Schimpfkanonaden bekannt. Wenigstens eine davon hätte man, auch ohne Untertitel, gern gehört, damit endlich ein bisschen Leben in die Bude kommt. Hatte Fußball nicht im entferntesten Sinne irgendwas mit Unterhaltung zu tun?

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Stattdessen faltet der notorische Lebensakrobat Gigi Buffon seine Welttorhüter-Hände um das Lenkrad seines Dienst-Fiats und verkündet: "Mich interessiert nur, dass meine Kollegen und ich auf dem Platz alles für die Sache geben." Später sagt Buffon noch: "Ich will wichtige Werte vermitteln." Aber da ist man schon längst zur Erholung auf Youtube gewesen, bei einem alten Video mit der italienischen Nationalmannschaft. Kichernd und mit hochrotem Kopf erzählt da Buffon dreckige Witze.

Viele Spitzenklubs halten wenig von kritischem Journalismus. Der FC Juventus ist da offener

Netflix verhört lieber Higuain im Badezimmer und erntet das Geständnis: "Die Familie ist nicht nur wichtig. Sie ist fundamental." Juventus kann man die Verbreitung solcher Banalitäten kaum vorwerfen. Der Klub ist in den sozialen Medien aktiv und kommuniziert direkt mit den Fans. Außerdem gibt es noch den Klub-Fernsehsender Juventus TV. Das bedeutet indes nicht, dass man unabhängigen Journalismus überflüssig findet. Anders als manch anderer Spitzenklub in Europa verlangt Juve bei Interviews weder die Fragen vorab noch nachher die Vorlage zur Autorisierung, sprich: Glättung. In Italien erscheinen drei landesweit vertriebene Sport-Tageszeitungen und die Erfahrung zeigt, dass Legenden ohne Filter entstehen. Nur Niederlagen bringen wirklich schlechte Presse. Wenn Netflix die Doku also nicht interessant machen will, ist das eher die Entscheidung der Macher, die ein Publikum erwarten, das aus der Welt des Fußballs alle Brosamen schluckt, die man ihm hinwirft.

Angeblich sind 13 Millionen Italiener Juve-Fans. Im Ausland kommen noch ein paar Millionen hinzu. Sie alle werden schon jetzt quasi rund um die Uhr mit Geschichten aus ihrem Lieblingsklub versorgt, kritisch und unkritisch, faktenorientiert oder reißerisch. Fußballfans sind ein anspruchsvolles, sehr informiertes Publikum, da müssen die Anbieter schon originell sein, um ihr Produkt durchzusetzen. Nach der Juve-Serie hat Netflix angeblich weitere Fußball-Dokus im Visier. Wenn das stimmt, hilft nur hartes Training.

First Team: Juventus FC, auf Netflix.