Italien nach dem WM-Aus "Wir sollten den Job gleich Buffon überlassen"

Abschied der alten Männer: Kapitän Gianluigi Buffon (rechts) ging mit Stil, Nationaltrainer Gian Piero Ventura ging ohne Stil. Viele andere wollen bleiben.

(Foto: Daniel Dal Zennaro/dpa)
  • Nach dem WM-Aus proben Italiens Fußballer den Aufstand.
  • Einige fordern, dass die gesamte Verbandsspitze zurücktritt, damit ein Neuanfang möglich ist.
  • Doch die alten Funktionäre wollen dies verhindern: Sie präferieren Carlo Ancelotti als neuen Nationalcoach, der ihnen ihre Posten sichert.
Von Birgit Schönau, Rom

Carlo Ancelotti schweigt, obwohl sich in Italien gerade alle über ihn den Mund fusselig reden und ihn beschwören als Mann der Vorsehung. Eisern schweigen, das ist auch mit Abstand das Klügste in dieser Situation. Denn die Lage ist so: Die italienische Nationalmannschaft hat am Montagabend gegen Schweden die WM-Qualifikation verpasst. Zuletzt geschah das 1958, da war Ancelotti, Jahrgang 1959, noch gar nicht auf der Welt. Jetzt soll er den Karren aus dem Dreck ziehen, und das mit einer Nationalmannschaft, die nach dem Abschied der Routiniers Gianluigi Buffon, Andrea Barzagli und Daniele De Rossi neu zu erfinden wäre.

Vor allem aber soll Ancelotti den Verantwortlichen für das Desaster im Verband als deus ex machina die Posten sichern.

Kneifen war für Buffon keine Option

Nationaltrainer Gian Piero Ventura ist bislang als Einziger nicht mehr im Amt, zurückgetreten ist er allerdings nicht. Schon am Abend der entscheidenden Nullnummer von San Siro hatte Ventura Kapitän Buffon den Vortritt gelassen, als es darum ging, nach dem Schlusspfiff vor der Nation Stellung zu beziehen. Buffon tat das im Moment größter emotionaler Erschütterung, unter Tränen. Er hatte sich seinen Abschied von der Nationalmannschaft anders vorgestellt, aber Kneifen war für den Kapitän keine Option. Ebenso wenig wie für Daniele De Rossi, der zuvor Ventura die Einwechslung mit dem Argument verweigert hatte: "Wir müssen das Spiel gewinnen, da brauchen wir nicht mich, sondern Insigne, der macht Tore." Später betrat De Rossi noch den Mannschaftsbus der Schweden, um sich für die Pfiffe des italienischen Publikums gegen die schwedische Hymne zu entschuldigen. Und um den Siegern Glück zu wünschen für die WM.

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Ventura tat nichts dergleichen, sondern wartete still ab. Mit einem Rücktritt hätte er auf jene 1,5 Millionen Euro verzichtet, die ihm bis zum Vertragsende 2018 noch zustehen. Dieser Preis der Würde war dem 69-Jährigen offenbar zu hoch. Stoisch überhörte er die Rücktrittforderungen aus den Medien, von Spielern, Klubpräsidenten und vom Vorsitzenden des Olympischen Komitees. Bis ihn Verbandspräsident Carlo Tavecchio nach 48 Stunden in den goldenen Ruhestand entließ.

Tavecchio hatte diesen Trainer, der in seiner langen Laufbahn nicht mehr Erfolge vorzuweisen hatte als einen Aufstieg von der dritten in die zweite Liga, entgegen allen Warnungen im Sommer 2016 berufen. Ventura war willig und billig, das reichte dem mächtigsten Mann in Italiens Fußball. Jetzt will der 74-jährige Tavecchio, den die Uefa gleich nach seinem Amtsantritt 2014 wegen rassistischer Äußerungen für ein halbes Jahr gesperrt hatte, nicht auf einen Zipfel dieser Macht verzichten. Wie zuvor schon Ventura denkt auch Tavecchio nicht an Rücktritt. Stattdessen verspricht er allen, bei der Vorstandssitzung nächsten Montag jenes Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, das die Azzurri wieder ans Laufen bringen soll: "Ich denke da an eine international bekannte Ausnahmepersönlichkeit." An Ancelotti, der seit seiner Entlassung in München in Vancouver auf Angebote wartet.

Ein starker Mann soll also das Problem lösen, vor allem aber garantieren, dass alles bleibt, wie es ist. Dass also jener radikale Neuanfang verhindert wird, nach dem die Aktiven und das Publikum lechzen. Namentlich unter den Spielern zeigt das Stimmungsbarometer auf Krawall. Ventura hatte seinen Kredit schon vor den Playoffs verspielt, in der Presse zirkulieren jetzt SMS von Spielern, die das bestätigen: "Wir sollten den Job gleich Buffon überlassen!" Mancher Spieler fühlt sich von den alten Herren im Verband im Stich gelassen, ja betrogen. Die Spielervereinigung verlangt bereits den Rücktritt des gesamten Vorstands. Sprecher Damiano Tommasi sagte am Freitag der Gazzetta dello Sport: "Reformen sind mit diesen Leuten, die nach dem Desaster noch nicht mal den Mut hatten, vor die Presse zu treten, einfach nicht möglich. Wenn wir nicht zur WM fahren, liegt das auch daran, dass man in diesem Verband seit Jahren keine sportlichen Projekte mehr verfolgt." Tommasi wollte einen Spielerstreik in der Liga nicht ausschließen, "und ich weiß, dass die Tifosi diesmal auf unserer Seite wären".