Nachruf:Eine Welt-Journalistin

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Nachruf: Navina Sundaram wurde 1945 in Indien geboren und lebte zuletzt in Hamburg.

Navina Sundaram wurde 1945 in Indien geboren und lebte zuletzt in Hamburg.

(Foto: imago stock&people)

"Bekennen" und "Berichten" waren für sie keine Gegensätze: Zum Tod der ARD-Reporterin Navina Sundaram.

Von Johann Hinrich Claussen

Als sie ihre journalistische Laufbahn begann, waren die Wörter "Frauenquote" und "Migrationshintergrund" noch nicht erfunden worden. Dabei war Navina Sundaram genau dies, ohne dass sie es so hätte nennen müssen: Die erste Journalistin nicht-deutscher Herkunft, die im deutschen Fernsehen große Sendungen produzierte und präsentierte. Im Weltspiegel und bei Panorama hatte sie Entfaltungsmöglichkeiten, die andernorts noch undenkbar waren. In einem einstündigen Interview mit Marietta Schwarz hat sie erst Anfang diesen Jahres im Deutschlandfunk ihre faszinierende Geschichte erzählt.

Navina Sundaram stammt aus einer weltläufigen und geistreichen indisch-ungarischen Familie. Ihre Tante Amrita Sher-Gil gilt als bedeutendste bildende Künstlerin der klassischen Moderne in Indien. Auch ihr Bruder Vivan Sundaram ist ein global anerkannter Konzeptkünstler. Geboren wurde sie 1945 in Indien. Der Geist des säkularen Aufbruchs unter Staatsgründer Jawaharlal Nehru prägte auch ihre intellektuelle Biographie. Menschenrechte, Demokratie, postkoloniale Entwicklung wurden zu ihren Herzensanliegen. Autoritäre Kulturen und traditionelle Religionen dagegen erschienen ihr zeitlebens als Inbegriffe von Unterdrückung und Rückschrittlichkeit. John Lennons "Imagine" war deshalb eines ihrer Lieblingslieder.

Sie verband eine engagierte Haltung mit journalistischer Professionalität

Eher durch Zufall und noch ohne Deutschkenntnis stieg sie 1963 im deutschen Fernsehen ein, wo sie beim NDR ihre professionelle Heimat und Förderer wie Egon Monk oder Axel Eggebrecht fand. Sie moderierte schon 1963 die in Indien produzierte Serie Asiatische Miniaturen, es heißt, sie habe den Text dazu einfach auswendig gelernt. 1966 ging sie noch einmal zurück nach Indien, wo sie in Neu-Delhi als Regie- und Redaktionsassistentin arbeitete. Von 1970 an war sie dann feste Redakteurin beim NDR, später auch als Auslandskorrespondentin.

Was man von Sundaram lernen kann, ist, wie sich im Journalismus eine engagierte Haltung mit einer präzisen Professionalität verbinden lassen. "Bekennen" und "Berichten" waren für sie keine Gegensätze, sondern sollten ein Wechselspiel eingehen. Sie berichtete über Dinge, die ihr ein Anliegen waren, verletzte dabei aber nicht die Regeln gewissenhafter Recherche und publizistischer Fairness.

Die Liste ihrer journalistischen Filme ist lang und vielfältig. Bemerkenswert ist, wie sie Auslands- und Inlandsberichterstattung zu verbinden wusste. Was sie über Dekolonialisierung und fortwährende Ausbeutung des globalen Südens zu berichten hatte, spiegelte sich in dem, was sie über die Situation von Migranten in Deutschland berichtete. Manche Recherche brachte sie in bedrohliche Situationen. Auf der Website "Die Fünfte Wand" - mit dem feinen Untertitel "Innenansichten einer Außenseiterin oder Außenansichten einer Innenseiterin" - präsentiert sie ihre wichtigsten Filme.

Eine lange, schwere Krankheit band diese Welt-Journalistin am Ende an ihre Hamburger Wohnung. Was sie aber noch an Kraft besaß, das nutzte sie - zum Beispiel um das künstlerische Erbe ihrer Tante zu pflegen, über die sie auch einst einen einfühlsamen Film gedreht hat. In der Nacht zum Montag ist sie verstorben, eine aufrechte Frau.

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