Nachlese zum Bodensee-"Tatort":Wenn Wein das Hirn vernebelt

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Tatort Bodensee Konstanz

"Hm, der ist gut." Klara Blum und Matteo Lüthi bei der Weinprobe.

(Foto: SWR/Martin Furch)

Sie wollen mitreden über den "Tatort"? Hier erfahren Sie, warum Klara Blum in "Château Mort" wie ein Teenager gluckst und Perlmann sich selbst "dummes kleines Pferd" nennt. Die Nachlese - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Von Carolin Gasteiger

Darum geht's:

Aus dem Bodensee wird die Leiche eines jungen Mannes gezogen. In seinem Rucksack finden die Kommissare Blum und Perlmann eine gut erhaltene Flasche Wein und in seinem Wohnwagen historische Unterlagen aus der Biedermeier-Zeit. Der Mordfall in "Château Mort" hängt mit einem Fall aus dem 19. Jahrhundert zusammen und dem Hochzeitswein der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Blums und Perlmanns Schweizer Kollege Matteo Lüthi versucht unterdessen, Steuerschwindlern auf die Spur zu kommen, die ihr in der Schweiz gebunkertes Geld in teurem Wein anlegen - eben dem Hochzeitswein der Droste. Puh. Um all das zu entwirren, wollen Blum und Lüthi zusammenarbeiten, auf dem direkten Dienstweg. Das hat nicht nur berufliche Folgen.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Bezeichnender Dialog:

Als Matteo Lüthi erfährt, dass Blum und Perlmann die bei der Leiche gefundene Flasche Wein ausgerechnet von dem Weinexperten Hans Lichius analysieren lassen, ist er fassungslos.

Blum: Weine fälschen, geht das denn?

Lüthi: Aber sicher. Die Flaschen werden doch nie geöffnet. Bei den aberwitzigen Preisen, die sie erzielen können, würde doch niemand auf die Idee kommen, die Flaschen zu trinken.

Blum (geht ans Telefon): Herr Lichius! Ja, das lässt sich einrichten. Ähm, ja, ich werde pünktlich sein. Ich kann heute Abend das Untersuchungsergebnis der Flasche abholen.

Lüthi: Wie? Sie haben Lichius den Wein zur Prüfung überlassen?

Blum: Er ist europaweit einer der größten Weinexperten.

Lüthi: Und Anbieter der angeblichen Droste-Weine. Er hat praktischerweise gleich selbst die Echthheit der Weine zertifiziert. ... Hier, und Sie überlassen ihm Ihr zentrales Beweismittel. Das ist, als ob Sie Ihren Hund über die Ferien zur Pflege dem Tierpräparator übergeben würden.

Blum (gluckst wie ein Teenager): Hm, grober Ermittlungsfehler.

Lüthi: Naja, konnten Sie ja nicht wissen.

Blum: Kommen Sie doch einfach heute Abend mit.

Lüthi: Ja, wenn Sie unbedingt wollen.

Blum: Ja.

Beste Szene:

Insgesamt dümpelt dieser Tatort ziemlich vor sich hin - leider ist das schon fast symptomatisch für das Team vom Bodensee. Aber in dieser Szene sprühen zumindest ansatzweise die Funken: Ein guter Tropfen edlen Weines, Kerzenlicht, Gitarrengeklimper. Es ist kein intimes Tête-à-tête zwischen Klara Blum und Matteo Lüthi, sondern eine Degustation im Haus von "Weinpapst" Hans Lichius. Aber Blum hat nur Augen für Lüthi. Und während der "Weinpapst" das Bouquet analysiert und zum abermaligen Schwenken rät, hängt die Kommissarin seelig über ihrem Weinglas und schließt genüsslich die Augen. Dabei wirkt sie wie ein verliebter Teenager - irgendwie süß. "Ha, der ist gut. Der ist gut", murmelt Lüthi vor sich hin, als er gekostet hat. Das dürfte die Kommissarin auch denken, aber nicht über den Wein.

Die Erkenntnis:

Endlich ist klar, warum den Kommissaren aus Konstanz der Schwung fehlt: Sie sind zu Höherem berufen. Perlmann braucht eine eigene Literatursendung (oder zumindest ein Seminar über Annette von Droste-Hülshoff, die ihn sehr zu begeistern scheint) - und Klara Blum endlich einen Mann an ihrer Seite. Wenn die Macher diese Schiene weiterverfolgen, wäre das ein idealer Anfang vom Ende des Bodensee-Tatorts. Bis zum endgültigen Aus 2016 könnte sich da noch einiges tun.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Perlmann bekommt ein Fleißkärtchen für so viel persönlichen Einsatz. Denn anders als seine Chefin macht er seinen Job. Blum lässt sich vom guten Wein - und von Lüthi - ihr Hirn vernebeln und verliert zunehmend das Interesse am Fall. Ein Rätsel für Perlmann, der nur Droste-Hülshoff zitieren kann: "Liebster Perlmann, ergründe mein Geheimnis, Du dummes kleines Pferd." Aber von wegen klein und dumm - ohne ihren Kollegen wäre Blum völlig aufgeschmissen. Anstatt das zu würdigen, tituliert sie ihren Partner auch noch als "Berufskrüppel". Armer Perlmann!

Flop:

An sich war es eine charmante Idee, die Kommissare vom Bodensee auf "zwei Zeitebenen" ermitteln zu lassen, wie es in der Programmankündigung heißt. Aber wer sich auf Blum und Perlmann in altertümlichen Kostümen gefreut hat, wird enttäuscht. Die historischen Szenen wirken fehl am Platz und wie aus einer Arte-Dokumentation geklaut. Dem Fall helfen sie jedenfalls nichts. Geschichte verknüpft mit Steuerflucht und Weinfälschung ist für einen Tatort einfach zu viel.

Bester Auftritt:

Als durchtriebene Auktionshaus-Chefin zeigt Sibylle Canonica, wie gut Theaterschauspieler dem Tatort tun können. Sie macht nicht viel, aber das sehr überzeugend. Zunächst kalt, unnahbar und verschlagen, entwickelt sie zum Ende hin sogar diabolische Züge.

Den kennt man doch:

Felix von Manteuffel spielt den überheblichen und gönnerhaften "Weinpapst". Hans Lichius zeigt eine ganz andere Facette als sein letzter Tatort-Auftritt: Im Kölner Fall "Ohnmacht" spielte von Manteuffel einen verbitterten Vater.

Die Schlusspointe:

Herrlich schräg. Ein völlig betrunkener Perlmann wird endlich aus seinem dunklen Keller befreit und erklärt lallend, wie er den Fall gelöst habe - mit Unterstützung der sterblichen Überreste von Levin, dem früheren Verlobten von Annette von Droste-Hülshoff. Da haben sich die Macher wohl gedacht: "Auch schon egal."

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