Münster-Tatort "Hinkebein" Krimi war gestern

Wenn die Knochenfräse den Brustkorb aufreißt, wird Kommissar Thiel speiübel. Aber der Ermittler kotzt nicht, weil jedem Ekelmoment durch Witzeleien seiner Kollegen der Saft entzogen wird. Der Münster-"Tatort" ist eine Persiflage, die sich von der Idee verabschiedet, am Sonntagabend müsse es ein Krimi sein. Im aktuellen Fall wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben.

Von Holger Gertz

Irgendwann sagt Kommissar Thiel zum Rechtsmediziner Boerne: "Heute wollen Sie mich wohl mit aller Gewalt zum Kotzen bringen". Boerne gibt sich alle Mühe, indem er dem Mordopfer geräuschvoll den Brustkorb aufhebelt und die Knochenfräse ansetzt.

Eben fühlt Karl-Friedrich Boerne (r.) noch den Lauf einer Waffe auf der Zunge, bald darauf sagt er: "Ich hatte gerade meine Mundhygiene beendet, als mir die klirrende Kälte des Todes förmlich in den Schlund fuhr."

(Foto: dapd)

Aber Thiel kotzt nicht, weil jedem Ekelmoment durch die Witzeleien der Ermittler der Saft entzogen wird. Und wenn sich Spannung aufzubauen scheint, grätscht Boerne dazwischen mit Hilfe seiner Klassenstreber-Diktion. Wer ihn sieht und hört, kann ihn unmöglich ernst nehmen. Eben fühlte Boerne noch den Lauf einer Waffe auf der Zunge, bald darauf sagt er: "Ich hatte gerade meine Mundhygiene beendet, als mir die klirrende Kälte des Todes förmlich in den Schlund fuhr."

Das Münsteraner Tatort-Team hat die Botschaft des Publikums verstanden, das Publikum hat genug vom ewigen "Wo waren Sie am Dienstag zwischen elf und halb zwölf?" Also haben sie sich in Münster von der Idee verabschiedet, der Tatort sei ein Krimi. Sie machen sich lustig. Im aktuellen Fall wird dieses Prinzip zu neuen Gipfeln getrieben. Thiel ermittelt ohne Hose. Vor einer Kühlkammer steht ein possierlicher Inder herum.

Das Kommissariat kriegt Besuch von einer russischen Delegation, die natürlich auch am Fundort der Leiche herumtrampeln darf. Das alles wirkt wie ein Gruß an die Fangemeinde, die sich immer via Twitter über die fehlende Realitätsnähe der Fälle beklagt. Thiel und Boerne, also Axel Prahl und Jan-Josef Liefers, sind solche Kategorien wurscht.

Das hier ist ein Tatort-Verschnitt, eine Persiflage, die ganz gut funktioniert, weil die Dialoge sitzen. Und weil Sequenzen aus großen Filmen und kleinen Tatorten durchschimmern. Der Verdächtige hat eine Verbrechervisage wie früher nur Horst Frank. Dass Boerne mal was mit der Ermordeten hatte, kennt man aus den Fällen mit dem verzagten Herrn Ballauf.

Außerdem spielt der Täter von letzter Woche diesmal auch wieder mit, ein Zufall. Voller Absicht allerdings brummt Thiel: "So, Boerne, was is' - haben Sie jetzt langsam mal Ihren Lieblingsteddy gefunden?" Am Ende sind Thiel und Boerne wie Netzer und Delling, an einem guten Tag.

ARD, Sonntag, 20:15 Uhr.

Der "Tatort: Hinkebein" in der Das Erste Mediathek

Und dann auch noch der Oberzyniker

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