"Mittagsmagazin"-Umzug nach Leipzig:"Ostdeutsche Perspektiven"

"Mittagsmagazin"-Umzug nach Leipzig: MDR-Chefredakteurin Julia Krittian: Castings mit Personen "aus Ost, aus West, mit und ohne Migrationshintergrund".

MDR-Chefredakteurin Julia Krittian: Castings mit Personen "aus Ost, aus West, mit und ohne Migrationshintergrund".

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Wie wichtig ist die Herkunft für einen Moderatorenjob beim "Mittagsmagazin"? Warum ein Auftritt von MDR-Chefredakteurin Julia Krittian in dem Streit für Widersprüche sorgt.

Von Claudia Tieschky

Im nächsten Jahr übernimmt der MDR das Mittagsmagazin Mima vom RBB, und viele der meist freien Mitarbeiter des ARD-Magazins hoffen, dass es für sie dann irgendwie weitergeht, nur eben in Leipzig statt in Berlin. Das ist die Ausgangslage, wenn jetzt öffentlich ein Streit darüber geführt wird, ob der MDR beim Auswahlverfahren für die Moderation des neuen Mima zweien der bisherigen Moderatoren die Chancengleichheit bei der Bewerbung verwehrt hat, weil sie nicht ostdeutsch sind. Konkret: Aimen Abdulaziz-Said, Hamburger, und Nadia Kailouli, die aus der Nähe von Köln stammt.

Sie hatten am vergangenen Freitag in wortgleichen Tweets angekündigt, die Sendung 2024 nicht mehr zu moderieren. Denn "laut MDR-Chefredakteurin soll die künftige Moderation einen ost-deutschen Hintergrund haben. Das muss ich so akzeptieren".

Moderationsjob nur bei Ost-Herkunft? Der MDR könnte sich zu diesem Suchprofil zum Beispiel auch offen bekennen, schließlich hat er das Mima übernommen, damit mehr Ost in die ARD findet.

Aber der Sender ließ auf Anfrage am Sonntag ausrichten, es sei "nicht richtig, dass es ausschließlich eine ostdeutsche Herkunft sein muss".

Das Problem: Aussagen der MDR-Chefredakteurin Julia Krittian ließen sich offenbar anders verstehen. Am 29. Juni war Krittian einer Online-Redaktionskonferenz des RBB-Mittagsmagazins zugeschaltet. Sie sprach dort über das neue Mima und die erhoffte stärkere "bundesweite Sichtbarkeit von ostdeutscher Lebenswirklichkeit", wie das die MDR-Intendantin Karola Wille nennt. Mehrere Teilnehmer der Sitzung, mit denen die SZ gesprochen hat, schildern ihren Eindruck, dass den Ausführungen zufolge die künftig moderierende Person einen ostdeutschem Hintergrund mitbringen solle. Nicht alle Befragten erinnern sich an den konkreten Wortlaut Krittians, die das Thema Moderation auch nur kurz angesprochen habe. Aber alle Befragten erklärten, sie hätten aus dem Gehörten diese Interpretation gewonnen. Haben sie sich also alle vertan und Julia Krittian komplett missverstanden?

Wie ist der Widerspruch zwischen dem Eindruck der Mitarbeiter und dem Senderstatement zu erklären?

Wenig hilfreich für die Aufklärung ist, was der MDR antwortet, wenn man fragt, wie der Widerspruch zwischen dem Eindruck der Mitarbeiter und dem Statement des Senders zu erklären ist: "Wie ausgeführt, ist es weder die Haltung von Julia Krittian noch des MDR, dass ein ostdeutscher Hintergrund ein zwingendes Kriterium für eine Moderation im MDR ist." Richtig sei, "dass dem MDR auch ostdeutsche Perspektiven wichtig sind." Dass es keine zwingende Vorgabe gebe, so der MDR, erkenne man schon an den Castings, "die wir bereits durchgeführt haben". Daran hätten "Menschen mit verschiedenen persönlichen Prägungen und Hintergründen teilgenommen - aus Ost, aus West, mit und ohne Migrationshintergrund".

"Mittagsmagazin"-Umzug nach Leipzig: Aimen Abdulaziz-Said mit Susann Reichenbach im RBB-Mittagsmagazin.

Aimen Abdulaziz-Said mit Susann Reichenbach im RBB-Mittagsmagazin.

(Foto: Gundula Krause/dpa)

Kailouli und Abdelaziz-Said waren zu diesen Castings, die am Wochenende nach Krittians Auftritt begannen, nicht eingeladen. Der MDR erklärte gegenüber der NDR-Sendung Zapp, dass die beiden sich nicht beworben hätten. Das klang, als hätten sie sich bewerben müssen, um zum Casting zu kommen. Natürlich aber kann ein Sender aber Bewerber einladen, an denen er Interesse hat. Das ist ohnehin die Praxis, wenn Moderationen vergeben werden. Und Kailouli und Abdulaziz-Said wären als aktuelle Mima-Moderatoren keine abwegige Option für ein Casting gewesen. Erst etwa eine Woche vor den Castings aber sollen nach SZ-Informationen die beiden Moderatoren von den bereits bevorstehenden Probeaufnahmen erfahren und in einer Mail nachgefragt haben, warum sie nicht eingeladen wurden. Krittians Ausführungen in der Redaktionssitzung - beziehungsweise die Botschaft, die man daraus gewinnen konnte - könnten sie dann direkt als Antwort verstanden haben.

Eine andere Schilderung, die die SZ erreichte, geht so: den Moderatoren sei von einer RBB-Führungskraft geraten worden, sich erst dann beim MDR zu positionieren, wenn die ARD das neue Mima beim MDR in einer Pressemitteilung öffentlich machen werde. Falls das stimmt, hätte ihnen allerdings der RBB mit einem schlechten Rat übel mitgespielt, nicht der MDR. Der RBB bestätigt auf Anfrage "diese Darstellung ausdrücklich nicht, wir werden unseren internen Austausch aber jetzt nicht nachträglich öffentlich machen", hieß es.

Die SZ sprach inzwischen mit zwei anderen Moderatoren, die beim Casting des MDR waren und bestätigten, dass sie nicht gewartet, sondern sich selber beim MDR beworben beziehungsweise den Kontakt gesucht hatten, nachdem klar wurde, dass die Federführung des Magazins wechseln würde.

Als die ARD dann schließlich tatsächlich ihre Pressemitteilung zum neuen Mima herausgab - es war am Tag nach Krittians Auftritt beim RBB-Team - wäre es jedenfalls zu spät gewesen. Unmittelbar danach begannen die Castings und Kailouli und Abdulaziz-Said verschickten ihre Tweets, aus denen deutlich wird, wie sie sich fühlen.

Beim RBB dürfte man über die ganze Sache nicht glücklich sein, zumal es weiter um die Frage geht, ob Mima-Mitarbeiter mit nach Leipzig wechseln. In der Antwort, die der MDR auf die SZ-Anfrage zu Krittians Auftritt schickte, lässt sich der RBB-Chefredakteur David Biesinger so zitieren: "Ich bin dem MDR sehr dankbar für das kollegiale, konstruktive Miteinander. Umso bedauerlicher ist es, dass die Vertraulichkeit von Gesprächen nicht geachtet und Dinge aus dem Kontext gerissen werden." Eine Antwort auf die Widersprüche ist das nicht.

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