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Maischberger-Talk über sexuelle Vielfalt:Conchita Wurst sperrt sich gegen Klischee-Klatsch

MENSCHEN BEI MAISCHBERGER

Sandra Maischberger mit ihren Gästen Michaela Freifrau Heereman (Theologin und Mutter), Alice Schwarzer (Publizistin), Conchita Wurst (Sängerin), Alicia und Nicki King (Transsexuelle mit Ehefrau), Björn Höcke (AfD, Partei- und Fraktionschef Thüringen)

(Foto: WDR/Max Kohr)

Für Akzeptanz von sexueller Vielfalt werben? Hatte sich die Redaktion von Talkerin Maischberger nicht auf die Agenda geschrieben, ihre Gästeliste zementiert Vorurteile. Conchita Wurst boykottiert zu Recht die Suggestivfragen der Moderatorin.

Wollte man eine Talkshow über "sexuelle Vielfalt" der Lächerlichkeit preisgeben - wie wäre vorzugehen? Man würde sich vielleicht eine Drag-Queen einladen (für den Glamour-Faktor), dazu ein Pärchen, in dem ein Partner früher mal ein anderes Geschlecht hatte (was trotz Geschlechtsumwandlung deutlich zu sehen ist, für den Freak-Faktor), und - why not? - einen Schwulen, der ein Kind von einer Leihmutter hat austragen lassen (machen die Promis schließlich auch, hierzulande aber ein Tabu, deshalb wahlweise Glamour- oder Freak-Faktor).

Kurzum: Man arbeitet sich vordergründig am politisch korrekten englischen Schlagwort "LGBT" ab (steht für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Bestätigt mit der konkreten Auswahl dann aber sämtliche kruden Vorurteile über "Homos" und "Transen".

Womöglich verfolgte Sandra Maischberger mit ihrem Dienstagabend-Talk zur Frage "Mann, Frau, egal?" tatsächlich hehre Ziele. Nur war die Sendung von vornherein darauf angelegt, Klischees zu fördern, statt sie abzubauen. Aufklären? Für die Akzeptanz von sexueller Vielfalt werben? Die Gästeliste schien eher nach den Kriterien "bringt Quote" und "ist schön konflikträchtig" zusammengestellt worden zu sein. Prominentester Gast des Abends war Conchita Wurst: Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014, Travestie-Künstlerin aus Österreich, "die Frau mit Bart", wie Maischberger ihren Besuch ankündigte.

Der Stargast, der mit bürgerlichem Namen Tom Neuwirth heißt, durfte dann auch erst einmal berichten, wie das so ist seit dem Sieg in Kopenhagen ("Ich lebe meinen Traum, und das ist ein Privileg"). Was es - ja, zum 578. Mal - mit dem Nachnamen auf sich hat (wurst wie egal). Und dann interessierte die Moderatorin auch noch, ob sich die beiden eigentlich verstehen, also Tom und Conchita? Antwort: "Sie verpassen sich immer knapp im Spiegel."

Die Kunstfigur Wurst spielt gezielt mit dem Konstrukt Geschlecht

Ohne Frage, Conchita Wurst ist eine wichtige Figur der europäischen LGBT-Bewegung. Sie ist schon im Europaparlament aufgetreten und hat vor UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gesungen. Aber Wurst ist keine Transgender-Frau, sondern Drag-Künstlerin (worauf das Management im Zweifelsfall explizit hinweist). Die Kunstfigur Wurst spielt gezielt mit dem Konstrukt Geschlecht, wird dafür bewundert - und kann bei Anfeindungen auf die Rückendeckung ihrer Fans bauen.

Privat lebt Neuwirth als schwuler Mann. Er ist niemand, der darunter leidet, im falschen Körper zu stecken; der im Alltag mit den gesellschaftlichen Vorstellungen zu kämpfen hat, wie eine Frau oder ein Mann sein sollte; der deshalb sein gefühltes Geschlecht verbirgt. Hätte so jemand die Frage nicht besser beantworten können, wie es in Deutschland um die Akzeptanz sexueller Vielfalt bestellt ist?

Das sah offenbar auch Wurst so. Mehrmals bremste sie Maischberger ein, wenn diese versuchte, ihr eine leidvolle Jugend in der vermeintlich ignoranten österreichischen Provinz anzudichten. Sie habe die bedingungslose Liebe ihrer Eltern genossen, sagte die 26-Jährige. "Teenager zu sein, macht niemandem Spaß." Der Gast machte es der Gastgeberin schwer, wollte sich zu Recht nicht auf deren Suggestivfragen einlassen.

Sie sehe sich selbst nicht als Ikone, sagte Wurst: "Ich bin wahnsinnig egoistisch, ich mache das alles in erster Linie nur für mich selbst." Ja, natürlich spreche sie vor bedeutenden Gremien, aber da versuche sie so "subjektiv" wie möglich zu sein. "Es gibt nicht die ultimative Wahrheit." Man dürfe nicht den Fehler machen, andere missionieren zu wollen. Umgekehrt wehrte sie sich gegen den "überstrapazierten" Begriff Toleranz - "ich will ja nicht toleriert werden, ich will nicht, dass man quasi ein Auge zudrückt".

Wurst wirkte so sperrig wie ehrlich, und am Ende war es doch gut, dass sie eingeladen worden war. Denn während Alice Schwarzer noch über weibliche und männliche Anteile dozierte, die jeder Mensch in sich trage, und AfD-Politiker Björn Höcke das in Talkshows so beliebte Spiel "Respekt-ist-nicht-gleich-Toleranz-ist-nicht-gleich-Akzeptanz" spielte, setzte die Travestie-Künstlerin da an, wo die Debatte längst ist: Es gibt Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und mehr - findet euch damit ab. Und dann lasst uns über eine rechtliche Gleichstellung in Sachen Ehe und Adoption sprechen.