Süddeutsche Zeitung

Maischberger-Talk über sexuelle Vielfalt:Conchita Wurst sperrt sich gegen Klischee-Klatsch

Für Akzeptanz von sexueller Vielfalt werben? Hatte sich die Redaktion von Talkerin Maischberger nicht auf die Agenda geschrieben, ihre Gästeliste zementiert Vorurteile. Conchita Wurst boykottiert zu Recht die Suggestivfragen der Moderatorin.

Von Johanna Bruckner

Wollte man eine Talkshow über "sexuelle Vielfalt" der Lächerlichkeit preisgeben - wie wäre vorzugehen? Man würde sich vielleicht eine Drag-Queen einladen (für den Glamour-Faktor), dazu ein Pärchen, in dem ein Partner früher mal ein anderes Geschlecht hatte (was trotz Geschlechtsumwandlung deutlich zu sehen ist, für den Freak-Faktor), und - why not? - einen Schwulen, der ein Kind von einer Leihmutter hat austragen lassen (machen die Promis schließlich auch, hierzulande aber ein Tabu, deshalb wahlweise Glamour- oder Freak-Faktor).

Kurzum: Man arbeitet sich vordergründig am politisch korrekten englischen Schlagwort "LGBT" ab (steht für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Bestätigt mit der konkreten Auswahl dann aber sämtliche kruden Vorurteile über "Homos" und "Transen".

Womöglich verfolgte Sandra Maischberger mit ihrem Dienstagabend-Talk zur Frage "Mann, Frau, egal?" tatsächlich hehre Ziele. Nur war die Sendung von vornherein darauf angelegt, Klischees zu fördern, statt sie abzubauen. Aufklären? Für die Akzeptanz von sexueller Vielfalt werben? Die Gästeliste schien eher nach den Kriterien "bringt Quote" und "ist schön konflikträchtig" zusammengestellt worden zu sein. Prominentester Gast des Abends war Conchita Wurst: Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014, Travestie-Künstlerin aus Österreich, "die Frau mit Bart", wie Maischberger ihren Besuch ankündigte.

Der Stargast, der mit bürgerlichem Namen Tom Neuwirth heißt, durfte dann auch erst einmal berichten, wie das so ist seit dem Sieg in Kopenhagen ("Ich lebe meinen Traum, und das ist ein Privileg"). Was es - ja, zum 578. Mal - mit dem Nachnamen auf sich hat (wurst wie egal). Und dann interessierte die Moderatorin auch noch, ob sich die beiden eigentlich verstehen, also Tom und Conchita? Antwort: "Sie verpassen sich immer knapp im Spiegel."

Die Kunstfigur Wurst spielt gezielt mit dem Konstrukt Geschlecht

Ohne Frage, Conchita Wurst ist eine wichtige Figur der europäischen LGBT-Bewegung. Sie ist schon im Europaparlament aufgetreten und hat vor UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gesungen. Aber Wurst ist keine Transgender-Frau, sondern Drag-Künstlerin (worauf das Management im Zweifelsfall explizit hinweist). Die Kunstfigur Wurst spielt gezielt mit dem Konstrukt Geschlecht, wird dafür bewundert - und kann bei Anfeindungen auf die Rückendeckung ihrer Fans bauen.

Privat lebt Neuwirth als schwuler Mann. Er ist niemand, der darunter leidet, im falschen Körper zu stecken; der im Alltag mit den gesellschaftlichen Vorstellungen zu kämpfen hat, wie eine Frau oder ein Mann sein sollte; der deshalb sein gefühltes Geschlecht verbirgt. Hätte so jemand die Frage nicht besser beantworten können, wie es in Deutschland um die Akzeptanz sexueller Vielfalt bestellt ist?

Das sah offenbar auch Wurst so. Mehrmals bremste sie Maischberger ein, wenn diese versuchte, ihr eine leidvolle Jugend in der vermeintlich ignoranten österreichischen Provinz anzudichten. Sie habe die bedingungslose Liebe ihrer Eltern genossen, sagte die 26-Jährige. "Teenager zu sein, macht niemandem Spaß." Der Gast machte es der Gastgeberin schwer, wollte sich zu Recht nicht auf deren Suggestivfragen einlassen.

Sie sehe sich selbst nicht als Ikone, sagte Wurst: "Ich bin wahnsinnig egoistisch, ich mache das alles in erster Linie nur für mich selbst." Ja, natürlich spreche sie vor bedeutenden Gremien, aber da versuche sie so "subjektiv" wie möglich zu sein. "Es gibt nicht die ultimative Wahrheit." Man dürfe nicht den Fehler machen, andere missionieren zu wollen. Umgekehrt wehrte sie sich gegen den "überstrapazierten" Begriff Toleranz - "ich will ja nicht toleriert werden, ich will nicht, dass man quasi ein Auge zudrückt".

Wurst wirkte so sperrig wie ehrlich, und am Ende war es doch gut, dass sie eingeladen worden war. Denn während Alice Schwarzer noch über weibliche und männliche Anteile dozierte, die jeder Mensch in sich trage, und AfD-Politiker Björn Höcke das in Talkshows so beliebte Spiel "Respekt-ist-nicht-gleich-Toleranz-ist-nicht-gleich-Akzeptanz" spielte, setzte die Travestie-Künstlerin da an, wo die Debatte längst ist: Es gibt Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und mehr - findet euch damit ab. Und dann lasst uns über eine rechtliche Gleichstellung in Sachen Ehe und Adoption sprechen.

Amüsant, aber nicht aussagekräftig

Das tat Sandra Maischberger zwar auch - irgendwie. Zunächst wurde, reichlich uncharmant, das Ehepaar Alicia und Nicki King vom Podium komplimentiert. Das war insofern nicht schlimm, als dass auch das Transgender-Pärchen - Alicia kam als Alexander zur Welt - eher in die Kategorie Showbiz gehört: Die beiden stellen ihr Glamourleben an der Côte d'Azur regelmäßig in der Vox-Sendung "Goodbye Deutschland" zur Schau. Passend dazu erzählte Alicia King von einer Outing-Party nach ihrer Geschlechtsumwandlung: "300 Leute, richtig schön mit Diskothek, Lounge-Bereich, Büffet, Künstlern, die aufgetreten sind". Das mag zwar amüsant sein, aber aussagekräftig ist es nur bedingt.

Natürlich ist die Perspektive eines Transgenders wichtig, der sich erst in fortgeschrittenem Alter frei fühlt, sich zu seinem gefühlten Geschlecht zu bekennen, und dann den beschwerlichen Weg der Geschlechtsumwandlung und -anerkennung geht. Aber: Heute gibt es Eltern, die ihren Kindern von Klein auf ermöglichen, das Geschlecht zu leben, dem sie sich zugehörig fühlen. Es gibt Psychologen, die auf das Thema Transgender spezialisiert sind, und Ärzte, die diesen Kindern den Schmerz einer "falschen" Pubertät ersparen können. Warum wurde das nicht einmal erwähnt?

Möglicherweise, weil Sandra Maischberger noch einen weiteren Gast einführen wollte: Johannes Zeller, schwul, ließ sein Kind von einer Leihmutter in Thailand austragen. Dazu hatte nicht nur Frauenrechtlerin Schwarzer eine Meinung, auch AfD-Mann und Vierfach-Vater Höcke und die katholische Theologin und sechsfache Mutter Michaela Freifrau Heereman schalteten sich noch einmal in die Debatte ein. Überraschenderweise waren alle Parteien einer Meinung: Leihmutterschaft geht nicht (Schwarzer) - und schon gar nicht für Schwule (Höcke und Heereman).

Die Gründe der Ablehnung waren freilich sehr unterschiedlich: Schwarzer dachte vor allem an die Gefühle der gekauften Mütter. Dem selbsternannten "Anwalt der Kinder" Höcke ging es darum, dass ein Baby "optimal die Polarität der beiden Geschlechter spürt" - das sei nur in der klassischen Familie gewährleistet, die im Übrigen ja auch für unser Land ganz, ganz wichtig sei. Und die Freifrau wehrte sich dagegen, dass Heterosexualität und Familie "entnaturalisiert" würden.

"Das ist aber ein hübsches Foto, Herr Wowereit und ich"

Ach ja ... Was sonst noch war? Frau Maischberger bot Herrn Höcke Alkoholika an, damit er den Abend besser ertrage ("Wenn Sie ein Bier brauchen, sagen Sie Bescheid"). Frau Schwarzer freute sich über die Bebilderung der Sendung ("Das ist aber ein hübsches Foto, Herr Wowereit und ich. Das ist Sommer, oder?"). Und an irgendeiner Stelle einigte man sich darauf, dass ein Viertklässler nun wirklich nicht wissen muss, was Analverkehr ist.

Am Ende befand Conchita Wurst, dass hier doch Dinge "verstrickt" worden seien. Und auf die Abschlussfrage von Sandra Maischberger, ob denn noch viel zu tun sei, gab sie die Antwort, die 75 Minuten Sendung offenbart hatten: "Ja. Es ist wahnsinnig viel zu tun."

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