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Amazon-Doku "Lorena":Nach dem Leid

Lorena

Lorena Bobbitt, 25 Jahre später. Sie wurde damals freigesprochen - wegen zeitweiser Unzurechnungsfähigkeit als Folge ihrer Vergewaltigungserfahrungen.

(Foto: Amazon)
  • 1993 schnitt Lorena Bobbitt ihrem Ehemann John Wayne Bobbitt den Penis ab.
  • Die Gerichtsprozesse - teils live im TV übertragen - stießen die öffentliche Debatte über häusliche Gewalt in den USA an.
  • In der Amazon-Doku "Lorena" kommen die Beteiligten erneut zu Wort - sie zeigt Mechanismen auf, die bis heute existieren.

In einer Nacht im Juni 1993 nimmt Lorena Bobbitt ein Küchenmesser und schneidet ihrem Ehemann John Wayne Bobbitt den Penis ab. Das Glied wird später gefunden und von Chirurgen wieder angenäht. Der Fall ist sofort ein Medienereignis. Reporter stürmen in das kleine Städtchen Manassas in Virginia, Komiker von David Letterman bis zum Saturday -Night -Live-Ensemble haben großen Spaß an der Geschichte.

Hinter Skandallust und Lächerlichkeit stößt der Fall allerdings auch eine grundsätzliche landesweite Diskussion an. Denn auf die Tat folgen zwei Gerichtsprozesse. Im ersten sitzt John Wayne Bobbitt auf der Anklagebank, seine Frau wirft ihm regelmäßige Vergewaltigung und Misshandlungen vor. Er wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der zweite gilt Lorenas Tat. Auch sie wird freigesprochen, wegen zeitweiser Unzurechnungsfähigkeit als Folge ihrer Vergewaltigungserfahrungen. Zwei augenscheinlich widersprüchliche Urteile, die ausdrücken, wie ratlos die Justiz all dem gegenüberstand. Die Dokuserie Lorena erzählt im Abstand von 25 Jahren von den Ereignissen und macht klar, dass sie auch heute noch relevant sind.

Lange vor Reality-TV konnte das Publikum einfach nicht wegsehen

Häusliche Gewalt war vor dem Fall Bobbitt kein großes öffentliches Thema, es steht nicht nur in den USA eher im Hintergrund. In Deutschland war Vergewaltigung in der Ehe noch bis 1997 nicht strafbar, in Virginia zur Tatzeit nur unter bestimmten Umständen. Nun drängte das Problem durch die Gerichtsprozesse umso lauter an die Öffentlichkeit, vor allem ins Fernsehen. Nachdem in John Wayne Bobbitts Verhandlung noch keine Kameras zugelassen waren, wurde von dem gegen Lorena jedes Wort, jede Träne live übertragen. Jahre vor dem eigentlichen Durchbruch des Reality-TVs konnte das Publikum einfach nicht wegsehen. Bei CNN riefen massenweise empörte Zuschauer an, weil der Sender zwischendurch seiner Aufgabe als Nachrichtensender nachkam. Er hatte die Übertragung aus dem Gerichtssaal für die Unterzeichnung eines Vertrags zur atomaren Abrüstung in der Ukraine unterbrochen.

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Die neue Amazon-Doku Lorena von Regisseur Joshua Rofé lässt in vier etwa einstündigen Folgen Lorena und John Wayne heute neben Anwälten, Jurymitgliedern und Journalisten zu Wort kommen und bedient sich am umfangreichen Originalmaterial. Da sie ihre Collage nicht weiter kommentiert, bringt sie Zuschauer zunächst in eine unangenehme Position. Der Fall fordert geradezu dazu auf, Partei zu ergreifen, doch zunächst steht Wort gegen Wort. Heute würde man sagen, zwei Narrative konkurrieren. Im einen ist John Wayne Bobbitt ein harmloser Dummkopf, den seine rach- und eifersüchtige Frau verstümmelt. Im anderen weiß sich Lorena nach unzähligen Demütigungen nicht anders zu helfen, als gewissermaßen die Waffe ihres Vergewaltigers zu zerstören. Der Medienrummel um den Fall scheint nicht nur die Entwicklung zu voyeuristischer wie atemloser Live-Skandalisierung vorweggenommen zu haben, sondern auch das postfaktische Zeitalter.

Implizit zeigt die Dokumentation, wie beides miteinander zusammenhängt. Nach seinem Prozess erklärt der Skandal-Talker Howard Stern John Wayne Bobbitt zum Helden. Er hält eine groteske Spendengala für ihn ab, bei der nackte Frauen vorgeführt und von einer Jury bewertet werden, in der unter anderem ein Ku-Klux-Klan-Chef sitzt, und in der ein riesiger Penis den Spendenstand anzeigt.

John Wayne Bobbitt wird zum Symbol, ein Veteran eines Geschlechterkriegs, in dem sich manche Männer schon vor einem Vierteljahrhundert wähnten. Später lässt er sich selbst schlecht aussehen, versucht aus seiner Prominenz mit Auftritten in Pornos Geld zu machen. Wayne wird mehrmals wegen Angriffen auf Frauen verurteilt, streitet diese aber ebenso wie Lorenas Anschuldigungen bis heute ab. Bobbitt spricht selbst nie aus, wo seine politische Sympathie heute liegt, die Kamera zeigt aber sein eindeutiges Nummernschild: DJTRUMP. Die Doku bietet an, sein Verhalten mit Misshandlungserfahrungen in seiner Kindheit zu erklären.

Auf der anderen Seite der Geschichte wird Lorena ebenfalls zu einem Symbol, diesmal der Frauenbewegung. Die Komikerin Whoopie Goldberg drückt es so aus: Während sich zuvor nur Frauen andauernd vor Vergewaltigungen hätten fürchten müssen, hätten es nun auch die Männer mit der Angst zu tun bekommen. Die Sympathien der Doku-Macher wandern immer mehr zu ihrer Titelheldin, und doch lassen sie diese nicht einfach davonkommen: Sie heißen ihre Tat nicht gut. Doch davon abgesehen wirkt die heutige Lorena im Nachgang der Vorkommnisse als die gefestigtere Person; auch das Recht in Fällen von häuslicher Gewalt wurde gestärkt.

Lorena ist nicht nur eine packende True-Crime-Doku, die bisweilen selbst ins Voyeuristische abgleitet. Interessant und mehr als Nacherzählung eines kuriosen skandalträchtigen Falls wird sie aber vor allem, weil sie stets die Gegenwart miterzählt. Sie erinnert an #Aufschrei und #MeToo, an die mediale Gier nach Aufregung, klaren Helden und Schurken. Sie zeigt Mentalitäten und Mechanismen auf, die damals wie heute existieren.

Lorena , bei Amazon Prime Video

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