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Krimi-Serie:Nebel im Revier

Der Deutsch-Norweger Tobias Santelmann (rechts, mit Ellen Dorrit Petersen) ist in Norwegen ein Star. In Der Grenzgänger spielt er den Polizisten Nikolai, der in einem Mordfall ermittelt – in dem sein Bruder der Hauptverdächtige ist.

(Foto: Sky)

Ermittler, die in zwei Ländern recherchieren, sind zu einem eigenen Genre geworden. Auch sonst kombiniert "Der Grenzgänger" Zutaten anderer Polizeiformate - und schafft doch etwas Eigenes.

Es dauert eine Autofahrt lang, und der sonst so pflichtbewusste Kommissar Nikolai Andreassen ist ein anderer Mensch. Sein Bruder Lars weint auf dem Beifahrersitz, gerade hat er ihm einen Mord gestanden. "Ich bin dein Bruder", sagt Lars. Es ist eine Erpressung, die nicht ausgesprochen werden muss.

Nach Babylon Berlin ist Der Grenzgänger die nächste Eigenproduktion von Sky. Die achtteilige Thriller-Serie ist in deutsch-norwegischer Zusammenarbeit unter anderem mit dem Sender TV2 und Netflix entstanden. Im vergangenen Jahr lief die Serie erfolgreich im norwegischen Fernsehen (Grenseland), seit März ist sie unter dem Titel Borderliner unter anderem in Großbritannien, den USA und Russland auf Netflix. Nun startet sie auf Sky. Die erste Folge soll am Freitag auch für Nicht-Abonnenten frei zum Streaming veröffentlicht werden.

Um Verbrechen aufzuklären, ermittelt der Kommissar Nikolai Andreassen wenn nötig auch gegen andere Polizisten. Einen beliebten Kollegen auf seinem Revier in Oslo hat er eben wegen Korruption und Beihilfe zum Mord an einer Informantin verhaftet. Nikolai tut, was er für richtig hält, auch wenn er damit bei manchen Vorgesetzten und Kollegen aneckt. Vor seiner Aussage vor Gericht besucht Nikolai seinen Bruder auf dem Land, der in ihrem Heimatort an der schwedischen Grenze ebenfalls als Polizist arbeitet. Als dort in der Nacht ein Bekannter erhängt an einem Baum gefunden wird, glaubt Nikolai nicht an einen Suizid. Er drängt die lokalen Polizisten zu ermitteln und hilft ihnen dabei - bis ihm sein Bruder gesteht, dass er den Mann betrunken gemacht und im Streit erwürgt hat. Um seinen Bruder zu schützen, der als Witwer seine zwei Kinder alleine großzieht, hilft ihm Nikolai, den Mord zu vertuschen. Er sabotiert die Ermittlungen, bricht in die Gerichtsmedizin ein und legt falsche Spuren.

Die Aufnahmen von verschneiten Wäldern und eisigen Seen sind schön und bedrohlich zugleich

Der Grenzgänger (Regie: Bård Fjulsrud und Gunnar Vikene) hat die Qualität von Nordic-Noir-Krimiserien wie der mehrfach adaptierten dänisch-schwedisch-deutschen Produktion Die Brücke (an der auch die deutsche Produzentin Sigrid Strohmann beteiligt war) oder The Killing, dem Remake der dänischen Krimi-Reihe um Kommissarin Lund. Die Serie ist hart und realistisch inszeniert, Verdächtige und Zeugen sind maulfaul, und die Panorama-Aufnahmen von verschneiten Wäldern und eisigen Seen gleichzeitig überwältigend schön und bedrohlich. Sogar im Polizeirevier ist es düster und neblig. Nikolai bleibt ein Held, obwohl er ein Verbrechen vertuscht, der Mörder und seine Komplizen sind keine Monster, sondern Menschen, die falsche Entscheidungen getroffen haben. Bedeutende Hinweise in dem komplexen Fall sind subtil eingestreut, was die Serie eindrucksvoller macht als klassische nordische Fernsehkrimis.

Im Ausland wird die Serie auch dafür gelobt, dass die Hauptfigur Nikolai (Tobias Santelmann, Homeland) ein schwuler Kommissar ist, ohne dass das groß thematisiert würde. Seine Beziehung zum Bruder der getöteten Informantin hält er auch vor seiner Familie geheim. Der Deutsch-Norweger Santelmann ist in Norwegen ein Star, unter anderem wegen seiner Rolle als Wikinger-Anführer in der BBC-Serie The Last Kingdom. Sein Spiel als Supercop auf moralischen Abwegen ist bestechend, vor allem wenn er im Auto neben seinem Bruder mit seinem Gewissen ringt. Wie sich Lars bei der Vertuschung immer mehr verstrickt, entwickelt einen großen Sog.

Grenzüberschreitende Ermittler-Teams haben sich seit Die Brücke zu einem eigenen Krimi-Subgenre entwickelt. Beim Polizeiruf aus Frankfurt an der Oder (ARD) arbeiten die Ermittler mit Kollegen aus Polen zusammen, in der ZDF-Reihe Die Toten vom Bodensee gibt es Unterstützung aus Österreich, in der Serie Das Verschwinden (ARD) aus Tschechien. Der Grenzgänger spielt nur mit der Nähe zur Grenze. Grenzpolizisten helfen der Mordkommission, Nikolais Kollegin ermittelt hinter der Grenze, nachdem Nikolai geholfen hat, dort einen Zeugen zu verstecken. Und auch sonst kombiniert Der Grenzgänger Zutaten anderer erfolgreicher Krimis: die familiäre Verstrickung des Ermittlers in den Fall (Broadchurch); ein Vorzeigepolizist, der seine Prinzipien verrät (Line of Duty); und all die Geheimnisse der Kleinstadtbewohner, hinter die Nikolai, ohne es zu wollen, kommt (Twin Peaks) - zum Beispiel erfährt er, dass das Mordopfer seinen kleinen Sohn missbraucht haben soll. Mehr als sehr grobe Anleihen sind das aber nicht: Als Mischung aus psychologisch ausgeleuchtetem Familiendrama im Gewand eines düsteren Nordic-Noir-Krimis ist die Serie einzigartig.

Der Grenzgänger, Sky Atlantic, Freitag, 20.15 Uhr.