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Katharina Wackernagel im ARD-Film "Herbstkind":Frauen am Rande des Wahnsinns

Wenn das Fernsehen schwierige Frauenrollen zu vergeben hat, kommt Katharina Wackernagel ins Spiel. Im ARD-Drama "Herbstkind" mimt sie eine Mutter, die ihr Baby nicht lieben kann. Und zwar so, dass man trotzdem gerne hinschaut. Wie schafft sie das, Tabus der Wohlstandsgesellschaft so wohlfeil zu brechen? Ein Besuch.

Herbstkind ARD Katharina Wackernagel

Das Problem, sich selbst zu verstehen: Emilia kann mit ihrem neugeborenen Sohn nicht umgehen, weil sie nichts für ihn empfindet. Die Frau für solche Rollen ist Katharina Wackernagel.

(Foto: Erika Hauri)

Es gibt in dem Film Herbstkind eine ziemlich simple Art das Glück hinzumalen. Da ist die Frau, der Mann, das helle Haus, vor dem Haus eine Weide. Sie werden ein Kind bekommen, sie sind ein stabiles Paar, die Verhältnisse sind gesichert, besser geht es gar nicht. Aber hinter der Weide fährt der Regionalzug durch die flache Landschaft bei Bad Aibling, und als das Kind dann geboren ist, da rennt die Frau ohne Jacke über die nebelige Weide auf die Gleisstrecke mit der roten Bahn zu, und vom Glück ist nichts übrig.

Wie kann das sein? Der vom BR hergestellte Fernsehfilm erzählt von einem Tabu der Wohlstandsgesellschaft: Von Müttern, die nach der Geburt in eine tiefdunkle Krise fallen, anstatt die Freude zu fühlen, die sie selbst und alle Welt erwartet haben. Von Frauen, die dachten, sie würden ihr Kind über alles lieben und sich selbst nicht mehr verstehen, weil sie mit dem Neugeborenen nicht umgehen können, weil sie nichts für es empfinden und über allem die Mythen der Mutterschaft wabern.

Das Thema ist wichtig, die Aufklärung darüber ist wichtig. Es ist wichtig, die Öffentlichkeit ganz einfach besser damit vertraut zu machen, dass Frauen so etwas passiert, dass es häufig passiert, und dass es Hilfe gibt.

Klar ist das kein Feuerwerk der ganz bunten Sorte in diesem Familienfilm, den die ARD bemerkenswert prominent im Programm platziert. Aber am Ende, als die junge Mutter Emmi nicht mehr im Supermarkt schweres Obst auf das schreiende Kind häuft und nicht mehr mit Todesgedanken umgeht, als sie zur Therapie kommt und sich auch sonst helfen lässt, da kommt etwas ganz Leichtes zurück.

Die Rolle der Emmi ist natürlich ein Wahnsinn. Sie muss die sensiblen Nuancen von Rückzug, Scham und Hilflosigkeit offenlegen, aber bitteschön so, dass der Zuschauer immer noch gerne hinsieht, und schließlich die langsame Heilung. Langsame Heilung ist so ziemlich gleichbedeutend mit dem Gegenteil von Spannung.

Die Frau für die Rollen am Rande des Wahnsinns im deutschen Fernsehen heißt Katharina Wackernagel, 34. Das kann die exaltierte Französin Sydelia sein, die im roten Kleid einen Aufstand der Dauerpraktikanten anzettelt (Résiste!) oder die Mutter, die gegen die ganze Welt beharrlich zu ihrer geschädigten Tochter steht in Contergan, oder eben die Emmi in Herbstkind.

Der Kontrast zum Extremen ihrer Rollen ist das gleichmäßige schöne Gesicht mit dem breiten Mund, mit der großen Klappe. Weitere Wackernagel-Werte: frauliche Figur, mädchenhafte Begeisterungsfähigkeit, tiefe Stimme. An einem der letzten warmen Tage in Prenzlauer Berg, als alles auf die Sonnenseite schlurft, trägt sie schwarz, puderiges Make-Up, rosenholzfarbenen Lippenstift.