"Bild"-Chef Kai Diekmann im Gespräch:Angekommen in der Mitte

SZ: Anders gefragt: Wie viel Auflage dürfen Sie noch verlieren, um trotzdem weiter Gewinn zu machen?

Diekmann: Noch mal: Entscheidend ist nicht Auflage, sondern rentable Auflage. Die, mit der Sie Geld verdienen. Da ist Bild so erfolgreich wie nie zuvor.

SZ: Wie hoch kann der Verkaufspreis sein? Wird Bild irgendwann einen Euro kosten?

Diekmann: Klar kann Bild mal einen Euro kosten. Selbst dann wären wir immer noch sehr preiswert. Sorge machen mir allerdings die Kollegen, die sich nicht trauen, für guten Journalismus auch gutes Geld zu verlangen. Der Spiegel hat zuletzt seinen Verkaufspreis von 3,70 Euro auf 3,80 Euro erhöht, also gerade mal um 10 Cent. Das ist lächerlich.

SZ: Beim Spiegel redet man über einen möglichen Heftpreis von fünf Euro.

Diekmann: Geredet wird viel. Tatsache ist: Ein Cappuccino kostet drei bis vier Euro. Für exklusive Informationen über Kabinettsaffären, Kunduz oder Käßmann zahlen Zeitungsleser deutlich weniger. Das ist ein krasses Missverhältnis. Auch die SZ ist viel zu billig.

SZ: Wie sieht es im Online-Journalismus aus? Rupert Murdoch will nach der Times jetzt auch bei seinen Boulevardtiteln Sun und News of the World im Netz Geld verlangen. Können Sie sich das für bild.de auch vorstellen?

Diekmann: Ich rechne mit Mischmodellen. Aber wollen wir nur über Zahlen, Daten, Preise sprechen? Ich bin doch kein Verlagsmanager.

SZ: Wie hat sich das Blatt, wie hat sich der deutsche Boulevardjournalismus unter Ihnen verändert?

Diekmann: Bild ist in der gesellschaftlichen Mitte angekommen und echtes Leitmedium geworden. Wer heute Gehör finden will, kommt um Bild nicht herum. Das ist eine große publizistische Leistung - und zwar der ganzen Redaktion. Bild ist nicht der Chefredakteur, Bild ist Teamarbeit.

SZ: Der Boulevardjournalismus ist nicht die gesellschaftliche Mitte.

Diekmann: Das hätten Sie wohl gerne. Alle sogenannten Qualitätsmedien sind bunter geworden: Die FAZ widmet der neuen Nase der spanischen Kronprinzessin profunde Analysen, Ihrer Zeitung liegt Britney Spears sehr am Herzen.

SZ: Richtig ist, dass wir stärker als bisher über gesellschaftliche Themen berichten.

Diekmann: Ach ja? Gehört dazu auch "Wer hat Angst vor Jörg Kachelmann?", neulich im SZ Magazin? Ich las das und dachte nur: Hallo? Wir sind Bild, nicht Ihr!

SZ: Das SZ-Magazin erscheint in eigener redaktioneller Verantwortung und nicht in der Verantwortung der Chefredaktion der SZ. Trotzdem haben Sie in diesem Fall Recht. Die Geschichte war auch bei uns im Haus umstritten.

Diekmann: Das ist ein hübscher Begriff für Grenzüberschreitung: Fünf seiner Ex-Frauen und Kolleginnen berichten über einen der Vergewaltigung verdächtigen Mann - anonym! Na bravo. Nur ein Rat: Wer sich auf das Terrain des Boulevards begibt, muss es beherrschen. Sonst rutscht er aus. Aber während Sie auf dem Boulevard wildern, sind wir ruhiger geworden. Klarer strukturiert, bürgerlicher.

SZ: Bürgerlich? Das glauben Sie doch selbst nicht, Herr Diekmann.

Diekmann: Bürgerlich ist nicht mehr Buddenbrooks, und die gesellschaftliche Mitte liegt weder in Lübeck noch in Grünwald bei München. Glauben Sie etwa immer noch an guten und bösen Journalismus? Hat Ihnen mein 100-Tage-Blog nicht gezeigt, dass Sie ebenso viele Fehler machen wie wir?

SZ: Alle Zeitungen machen Fehler. Aber bei Bild sind Persönlichkeitsrechtsverletzungen Teil des Systems. Und das mit dem Blog haben Sie doch nur gemacht, weil Bild keine eigene Medienseite hat.

Diekmann: Unsinn. Persönlichkeitsrechtsverletzungen sind bei uns so wenig System wie bei der SZ - oder war die SZ-Enthüllung über eine angebliche Affäre zwischen Sandra Maischberger und Gerhard Schröder etwa eine vorsätzliche Verletzung der Persönlichkeitsrechte? So gesehen sollten Sie froh sein, dass Bild keine Medienseite hat.

SZ: Das ist Unsinn. Die SZ hat das nie behauptet, sondern lediglich berichtet, dass ein englisches Boulevardblatt diese angebliche Affäre in die Welt gesetzt hat. Wer Ihnen zuhört, Herr Diekmann, hat den Eindruck, Sie parlieren nett, bloggen lustige Sachen und schweben irgendwie über allem. Lenken Sie nicht ab. Erschrecken Sie nicht selbst darüber, wie Ihre Leute mitunter arbeiten? Wie war das mit Charlotte Roche, der Moderatorin? Bild hat groß und fett über eine Tragödie in ihrem Privatleben berichtet und dazu Telefonterror betrieben.

Diekmann: Das stimmt nicht, und deshalb hat der Stern für eine ähnliche Behauptung eine Unterlassungsverfügung kassiert. Aber solche Berichte sind immer Gratwanderungen.

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