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Meinung im Journalismus:Vielfalt und Freiheit

Meinung vs. Kommentar

"Meinung" oder "Kommentar" - sind das wirklich zwei Begriffe für dieselbe Sache?

(Foto: Christian Tönsmann)

Traditionellen Medien wird häufig vorgeworfen, Meinung zu machen. Aber in einer Welt, in der jeder ständig seine Standpunkte posten kann, braucht es da überhaupt noch Meinungsjournalismus? Und was muss er leisten?

Von Meredith Haaf

Kurt Tucholsky, der in seinen Texten mit Meinung glücklicherweise nicht sparte, schrieb im Jahr 1922 über die Mediengesellschaft seiner Zeit folgende bemerkenswerten Sätze: "Das Malheur ist nicht, dass die Leute Zeitung lesen. Das Malheur ist, dass sie eine Zeitung lesen. Ihr Blatt, das Blatt. Was in dieser Zeitung steht, ist allemal wahr (...) festgestellt und erledigt." Den wenigsten sei bewusst, dass die Zeitungen unter der stumpfen Prämisse operierten, "dass man die Meinung des Lesers machen kann, wie man Strümpfe herstellt". Tucholsky hat viel geschrieben, was noch heute stimmt - in diesem Fall hat sich mit den Zeiten auch das mediengesellschaftliche Malheur zutiefst verändert. Längst werden weder Zeitungen noch andere traditionelle Medien als monolithische Verkündungsorgane gelesen. Insbesondere aber hat sich die Rolle der Meinung im öffentlichen Raum verändert - und das beeinflusst die Medien selbst mindestens so wie Leserinnen und Leser.

Das zeigte sich zuletzt an der Entscheidung der Tagesthemen-Redaktion, ihren täglichen "Kommentar" in "Meinung" umzubenennen und dessen Anmoderation zu überarbeiten: Die jeweils meinende Person wird nun kurz mit Hintergrund und Expertise vorgestellt, anstatt wie vorher: "Und nun kommentiert XY vom Westdeutschen Rundfunk." Chefredakteur Marcus Bornheim erklärte, man wolle auch Kritik und Vorwürfen von Parteilichkeit begegnen, indem man noch deutlicher mache, dass der Inhalt des Kommentars vor allem Sache des Kommentators oder der Kommentatorin sei, also eine Meinung unter vielen.

Ob das aufgeht, kann Bornheim knapp vier Wochen später nur begrenzt beantworten: "Im Vorfeld der Entscheidung haben wir auf Kommentare viele verärgerte E-Mails, Briefe oder Nachrichten auf Social Media erhalten. Seit der Umbenennung sind es deutlich weniger geworden." Er glaubt, es liegt an der neuen Transparenz, und an dem Verständnis dafür, dass die Tagesthemen-Kommentare von fachkundigen Journalisten kämen und nicht gleichzusetzen seien mit "selbsterklärten Experten" in den sozialen Netzwerken. Wobei es auch eine dieser Resonanzflauten sein könne, die alle Redaktionen ab und zu erleben. In jedem Fall bietet die - auf den ersten Blick wie ein recht triviales Aufmerksamkeitsmanöver wirkende - Umbenennung Anlass, darüber nachzudenken, was die Rolle von Meinungen im Journalismus heute ist.

Anders als die Wahrheit ist eine Meinung wandelbar - sie muss das sogar sein

Meinung ist in der Alltagspraxis oft weniger, als sie sein sollte, und ihr wird mehr Geltung zugebilligt, als sie eigentlich beanspruchen kann oder - im besten Fall - will. Hannah Arendt hat die Meinung als "Gegenteil der Wahrheit" im erkenntnistheoretischen Sinn beschrieben, als Produkt eines komplexen intellektuellen Einfühlungsprozesses: Es gelte mithilfe der Vorstellungskraft, "aber ohne die eigene Identität aufzugeben, einen Standort in der Welt einzunehmen, der nicht der meinige ist, und mir von diesem Standort aus eine eigene Meinung zu bilden". Meinungen sind also gerade nicht unbedingt emotional grundiert. Schon gar nicht sind sie absolut. Anders als die Wahrheit ist eine Meinung wandelbar, muss das sogar sein. Das gilt auch für Meinungen, die Journalisten äußern.

Doch nicht nur das Wort "Meinung" wird inflationär gebraucht, sondern auch der Begriff "Kommentar". Den kann im Internet prinzipiell jeder hinterlassen, in Form von Bewertungen auf Trip Advisor oder Zalando; in Foren oder unter Artikeln. In der journalistischen Praxis wiederum bezeichnet ein "Kommentar" im Normalfall die eindeutig bewertende Einordnung einer Nachricht. Ein Kommentar sollte bei der Meinungsbildung helfen: Nicht indem er wie die Nachricht einfach Information liefert und ordnet, sondern indem er auch einen Gedanken formuliert und dem Lesenden zur Zustimmung oder zum Widerspruch anbietet. Er basiert - anders als die meisten Internetkommentare - nicht in erster Linie auf persönlicher Erfahrung.

Umfragen zeigen, dass es für Medienkonsumenten schwieriger wird, zu unterscheiden

Tatsächlich entstehen die kommentierenden Beiträge der Tagesthemen nicht durch gemeinsame Meinungsfindung, wie Marcus Bornheim erklärt: "In der großen Konferenz der Nachrichtenredaktionen aller Landesrundfunkanstalten wird festgelegt, was das Thema ist. Dann schlagen die Redaktionen jeweils eine Kollegin oder einen Kollegen vor, die sie für besonders geeignet halten, zu kommentieren. Und darüber wird dann abgestimmt - ohne dass bekannt ist, welche Meinung später vertreten wird." Im Lichte dessen ergibt die Bezeichnung der Meinung als Meinung jedenfalls Sinn - viele Medien (wie auch diese Zeitung) kennzeichnen die Bereiche, in denen Kommentare, Leitartikel oder Essays erscheinen, mit diesem Begriff. Umfragen zeigen immer wieder, dass es gerade im Internet für Medienkonsumenten schwieriger wird, zu unterscheiden.

Zudem etabliert sich immer mehr ein Konsens, es sei zentrale Aufgabe von Redaktionen, Meinungsvielfalt zu zeigen und auch zu erzeugen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist dazu sogar laut Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet. Die Zeit etwa gründete höchst öffentlichkeitswirksam im vergangenen Jahr ein neues Ressort "Streit", in dem Kontroversen in Textform ausgetragen werden; bei den Tagesthemen gibt es nun zudem das Format des Pro und Contra. Auch in den USA - wo Meinungs- und Nachrichtenredaktionen meist streng getrennt arbeiten müssen - ist der Meinungsjournalismus in Bewegung, wenn auch gegenläufig: Kleinere Redaktionen schaffen ihre Meinungsseiten aus Personalnot lieber gleich ab.

Und braucht es überhaupt Meinungsjournalismus in einer Zeit, in der Meinungen wie Heu in der Öffentlichkeit vorhanden sind? Jeder Mensch kann heute ja nicht nur eine haben, sondern sie relativ ungestört im Kanal seiner Wahl veröffentlichen. Daraus werden dann im schlimmsten Fall sogenannte "Shitstorms", die es bisweilen wiederum selbst zur Nachricht bringen.

Dennoch wird ausgerechnet den traditionellen Medien besonders häufig vorgeworfen, Meinung zu machen. Historisch hat das eine gewisse Tradition und nicht, wie viele Medienschaffende glauben, mit dem großen medialen Konsens zur Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 begonnen. "Der Vorwurf an die Presse, Tatsachen und eigene Ansichten nicht sauber auseinanderzuhalten, ist so alt wie die Presse selbst", sagt Medienhistoriker Jürgen Wilke und zitiert den Medienkritiker Kaspar Stieler, der 1765 schrieb: "Denn man lieset die Zeitungen darum nicht, dass man daraus gelehrt und in beurteilung der Sachen geschickt werde, sondern dass man allein wissen wolle, was sich hier und dar begiebet. Derowegen die Zeitungsschreiber mit allem unzeitlichen Richten zu erkennen geben, dass sie nicht viel neues zu berichten haben, sondern bloß das Blat zu erfüllen, einen Senf darüber her machen (...)." Schon vor 250 Jahren ärgerte man sich also darüber, nicht einfach "die reinen Fakten" von der Zeitung zu erhalten, sondern auch den Senf des Redakteurs dazu.

Meinungen zu haben und zu hören ist eine Art Ausdauersport

Der Wunsch, vor der Meinung der anderen seine Ruhe haben zu wollen, sitzt offenbar tief im Menschen. Die Meinungsfreiheit wiederum beinhaltet die Gesetzmäßigkeit, dass es zu jeder Meinung eine Gegenmeinung gibt. Meinungen zu haben und zu hören ist eine Art Ausdauersport. Zugleich sagt Jürgen Wilke, dass die Expansion der sozialen Medien den Bedarf der Menschen signalisiere, die eigene Meinung auszudrücken - auch über das eigene Umfeld hinaus. Dadurch entsteht natürlich eine gewisse Konkurrenz: Nun geht es nicht nur darum, überhaupt Gehör zu finden, sondern auch Geltungsmacht. Diese ist es wohl mehr als der Inhalt der jeweiligen Meinung, die Leser und Zuschauer aufbringt: dass der das im Fernsehen sagen, die das in der Zeitung schreiben darf.

Längst stehen traditionelle Medien nicht mehr über diesem Kampf, das Prinzip "Strümpfe machen", wie Tucholsky es satirisch kritisierte, funktioniert nicht mehr. Doch für die Rolle der Meinungen in der Öffentlichkeit muss das kein Nachteil sein. Es könnte für alle Beteiligten auch einen Weg nach vorne aufzeigen: Weg vom Prinzip Strumpffabrik, hin zu einer anspruchsvollen Meinungsbildung. So, dass sie Vielfalt und Freiheit ernst nimmt, aber sich eben auch immer wieder selbst überprüft.

© SZ/ebri/tyc/tmh

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