Marinella Soldi wird Rai-Präsidentin:Mit Mut ins Tollhaus

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Beim zweiten Versuch das Ziel erreicht: Marinella Soldi.

(Foto: Matteo Carcano/imago/Independent Photo Agency)

Italiens öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Rai hat eine neue Präsidentin. Über die neue Frau an der Spitze.

Von Oliver Meiler, Rom

Marinella Soldi, 54 Jahre alt, aus Figline Valdarno bei Florenz, setzt sich in ein Tollhaus. Das Büro im 7. und obersten Stock an der Viale Mazzini 14 in Rom hat sie schon mal bezogen. Soldi ist zur neuen Präsidentin der Rai gewählt worden, Italiens öffentlich-rechtlicher Sendeanstalt. Und vielleicht muss man die Losung auf ihrem Profil bei Linkedin als Indiz dafür verstehen, dass sie weiß, worauf sie sich da einlässt, es ist ein verkürztes Zitat von Charles Darwin: "Nicht die stärksten überleben, sondern diejenigen, die sich am besten dem Wandel anpassen ..."

Die Rai diente den politischen Parteien in Italien immer schon als Pfründenstadl und Postenbasar. Für unpolitische Manager, wie Soldi eine ist, war es deshalb immer schwierig, bei der Rai Karriere zu machen. Selbst die Besten fielen dem Kalkül der Parteien und dem grotesken Feilschen zum Opfer. Fast alles an der Rai ist Politik, bis tief hinein in die Programme. Rai Uno und seine Tagesschau, der TG1, ist normalerweise regierungsnah, während etlichen Jahrzehnten hiess das: Democrazia Cristiana. Rai Due und der TG2 stehen traditionell der Rechten zu, Rai Tre und der TG3 der Linken. In der Summe sollen die Meinungskanäle fair verteilt sein, was natürlich nur leidlich gelingt.

2015 hatte sie Matteo Renzi schon mal für die Präsidentschaft vorgeschlagen

Soldi war nun schon zum zweiten Mal Kandidatin für die Spitze: 2015 hatte sie der damalige Premier Matteo Renzi für die Präsidentschaft vorgeschlagen. Und wie damals regte sich auch jetzt wieder viel Unmut in der zuständigen Parlamentskommission. Vor allem die Postfaschisten und die Cinque Stelle fanden, sie würden übergangen. Mit dem Profil von Marinella Soldi hat das allerdings nichts zu tun. An ihrer Eignung zweifelt nämlich niemand, sie soll die großmütterliche Rai entstauben und modernisieren.

Soldi gilt als Kosmopolitin, sie spricht vier Sprachen. Als sie acht Jahre alt war, zog ihre Familie nach London, wo sie groß wurde. Sie studierte Wirtschaft an der London School of Economics, hängte in Paris einen MBA an und arbeitete dann einige Jahre für die Beraterfirma McKinsey. Ihr eigentlicher Traum wäre es aber gewesen, für das große Wirtschaftsblatt The Economist zu schreiben, wie sie in einem Interview sagte. Zu den Medien fand sie stattdessen beim Musiksender MTV, bei dem sie jung viele hohe Positionen bekleidete. Als sie mit 30 Mutter wurde, gründete sie ihre eigene Gesellschaft und coachte Führungspersonal.

Aus einer kleinen Pay-TV-Realität wie "Discovery" machte sie den drittgrößten Pol

2009 holte sie der amerikanische Konzern Discovery als Managing Director für Südeuropa. Damals war Discovery in Italien eine kleine Pay-TV-Realität, versteckt auf den hinteren Positionen der Sendeplätze. Soldi übersiedelte die Plattform auf das digitale terrestrische Fernsehen, kaufte Sender dazu, lancierte eigene Produktionen. Mittlerweile zählt Discovery in Italien sieben Free-TV-Kanäle und sechs Bezahlsender, man ist damit der drittgrößte Pol neben der Rai und Silvio Berlusconis Mediaset. Ihre Verdienste wurden von der Mutterzentrale in New York so hoch eingeschätzt, dass Soldi Chefin für das gesamte europäische Geschäft des Networks wurde. Den Sitz verlegte man deshalb nach Mailand.

Soldi ist die Wahl von Mario Draghi, dem parteilosen Premier Italiens. Draghis erklärtes Ziel ist es, an möglichst vielen Spitzen des staatlichen Apparats Leute mit Meriten und Expertise zu platzieren. Am Besten solche ohne Parteibuch und politische Verbindlichkeiten - für einen Wandel.

© SZ/hy
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