Show "Böhmi brutzelt":Die Sendung für den Bauch

Böhmi brutzelt

Höflich am Herd: Moderatorin Aminata Belli und Jan Böhmermann.

(Foto: Ben Knabe/ZDF)

Jan Böhmermann kocht jetzt in einer sehr aufgeräumten TV-Küche mit Gästen. Wobei - was heißt hier kochen?

Von Claudia Fromme

Das Geheimnis einer guten Kochshow ist, dass zumindest einer kochen kann. In der Regel ist das der Gastgeber. Eigentlich. Weil für Jan Böhmermann Regeln nicht erfunden wurden, kann er leidlich kochen und lädt trotzdem Gäste ein, es mit ihm zu tun. Klingt zumindest unkonventionell. Böhmi brutzelt heißt die Sendung, die bei ZDF Neo läuft, der Auftakt war am Samstag, fünf weitere Shows folgen. Eine soll im August an einem späten Freitag im ZDF-Hauptprogramm laufen, mutmaßlich ein Testballon, wie das da so läuft.

Wer das ZDF Magazin Royale kennt, hört das Wasser leise simmern: Hat Böhmermann sporadisch im Rahmen der Show doch schon vorher mit Gästen gekocht, kurz im TV, in längerer Version im Internet. In einer Weihnachtsfolge steht der Ärzte-Drummer Bela B. mit einem Norwegerpullover (Aufschrift: "Merry Christmas Ya Filthy Animal") in der Küche. Es ist angekündigt, dass er Plätzchen backt. Böhmermann (im Rentierpullover) fragt: "Du bist also Bäcker, du backst wirklich?" Bela B. guckt ihn entgeistert an: "Nee, null, absolut nicht, nee." Dann lachen sie beide über die irre Redaktion, die einen Nichtbäcker zum Backen einlädt, und stechen ungelenk Plätzchen in Form halber Hakenkreuze und Revolver aus und garnieren die gebackenen Kekse mit rohem Ei und Streugut. Als der passionierte Hobbykoch Jürgen von der Lippe zu Gast ist, reicht ihm Böhmermann seine Hollandaise zum Kosten und fragt: "Was fehlt?" Jürgen von der Lippe sagt: "Alles."

Man tauscht sich über das Leben aus - es gibt keine Gag-Schreiber mit Synapsenbrand

So lustig wird es nun nicht. Vielleicht, weil es eben ein eigenes Kochformat ist mit Hauptprogrammambitionen, vielleicht, weil die Gäste nicht die größten Witzknicker sind, vielleicht, weil sie das auch gar nicht sein müssen. Wenn Böhmermann draufsteht, wartet man gelerntermaßen auf den gehobenen oder ungehobelten Witz, der ist hier aber weitgehend von der Zutatenliste gestrichen. Nichts anderes hat er vorher angekündigt. Es solle eine "Show für Bauch und Herz statt den Kopf" sein, in der man Leute zusammenbringt, die sich über ihr Leben und Kulturen austauschen, nicht eine, in der die Gag-Autoren Synapsenbrand bekommen. In der ersten Staffel sind zu Gast: Musiker Xatar, Tänzerin Motsi Mabuse, Influencer Riccardo Simonetti, TV-Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim, Moderatorin Aminata Belli, Pianist Igor Levit.

Den Anfang macht der Gangster-Rapper und Hip-Hop-Produzent Xatar ("Baba aller Babas"). Der führt ein derart schillerndes Leben, dass der Regisseur Fatih Akin es verfilmen will. Xatar ist erfolgreich im Musikgeschäft, besitzt Köfte-Imbisse in Bonn und Dubai und saß fünf Jahre im Knast, weil er einen Goldtransporter überfallen hat. Da stehen also der böse Junge Xatar und der Polizistensohn Böhmermann in einer sehr aufgeräumten TV-Küche mit japanischem Ahorn im Kübel und japanischen Fusuma-Elementen unter der Decke und plaudern darüber, wie es ist, wenn das SEK wiederholt die Wohnungstür sprengt. Nebenbei arbeiten sie mit Fleisch. Xatar bereitet Köfte zu. Wie das geht, hat er sich von seiner Mutter am Telefon erklären lassen. Böhmermann macht Rindsrouladen mit Rinderhack. Dazu gibt es eine alkoholfreie Saftbegleitung. Nach dem ersten Fake-Zweigelt-Schluck macht Xatar ein sehr saures Gesicht.

Der Master bereitet ein leichtes Sommergericht aus der Heimat: Grünkohl mit Pinkel

Dafür, dass beide erklärtermaßen nicht sonderlich gut kochen können, sieht es im Studio ziemlich unfallfrei aus. Vielleicht, weil sie mehr erhitzen als kochen. Jede Zutat ist vorgeschnippelt und liegt schon im richtigen Töpfchen. Der Fokus ist klar: Das Kochen ist immer nur eine Rampe, um über die Biografie des Gastes und seine Sicht auf die Welt zu reden. Es gibt zwar wie beim großen Alfred Biolek, der am vergangenen Freitag verstorben ist, keine von innen beleuchtete Pfeffermühle und nur wohldosiert das offensive "Mmmmh" als Kommentar zum Mahl des anderen, aber sonst erinnert vieles an das Vorbild Alfredissimo!, das immer mehr eine gehobene Talkshow am Herd war als eine Kochsendung. Es gibt kein Publikum, gab es bei Biolek auch nicht, dem Gespräch dient das Werkeln ohne unmittelbare Reaktionen sehr.

Ein bisschen mehr Würze könnte Böhmi brutzelt gleichwohl vertragen. Da stehen, in den zwei Folgen, die bislang zur Voransicht freigegeben sind, zwei Menschen in der Küche, die sich sehr einig sind. Der Moderator ist ausgesucht höflich, der Gast auch, nichts gegen einzuwenden, aber durchweg spannend ist das nicht. Manchmal aber hilft der Zufall. In der zweiten Folge bereitet die Let's Dance-Jurorin Motsi Mabuse südafrikanisches Chakalaka mit Hühnchen zu, statt Salz kippt sie aus Versehen Zucker in alle Töpfe. Böhmermann richtet ein leichtes Sommergericht aus seiner Bremer Heimat an: Grünkohl mit Pinkel. Es sieht aus wie ein Kuhfladen. Beide kosten, beide verziehen höflich das Gesicht. Braucht man eine weitere Kochshow? Unbedingt. Ganz einfach, weil sie keine ist.

ZDF Neo, samstags um 19.45 Uhr, in der ZDF-Mediathek ist die Show bereits am Freitag um 10 Uhr abrufbar.

© SZ/tyc
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