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"Handelsblatt"-Spitze:"Wir können unseren Journalismus ja nicht selbst verkaufen"

Sebastian Matthes, 43, soll spätestens im Januar die Chefredaktion des "Handelsblatts" übernehmen.

(Foto: Handelsblatt)

Beim "Handelsblatt" wird überraschend der Chefredakteur ausgetauscht. Jetzt soll es ein Digitalexperte richten. Die Erwartungen an ihn sind hoch.

Von Elisa Britzelmeier und Caspar Busse

Für Sebastian Matthes gibt es kein spannenderes Thema als die Digitalisierung. Das sagt er zumindest in seinem Podcast Handelsblatt Disrupt, dort diskutiert er als bisheriger Digitalchef der Wirtschaftszeitung jede Woche mit Menschen aus Politik, Finanzen und Unternehmen über "neue Ideen und die digitale Welt". Und darum geht es ihm auch am Telefon im Gespräch mit der SZ, einen Tag nachdem bekannt wurde, dass Matthes, 43, von Januar 2021 an die Chefredaktion beim Handelsblatt übernimmt.

Der Wechsel an der Spitze von Deutschlands größter Wirtschaftszeitung, die nächstes Jahr 75 Jahre alt wird, kommt abrupt und überraschend. Am Mittwoch wurde die Redaktion informiert, dass Sven Afhüppe, 49, spätestens zum Jahresende gehen wird. Auch sein Stellvertreter, der ehemalige Spiegel-Mann Thomas Tuma, wird laut Insidern seine Funktion verlieren. Der Wechsel erfolge "aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zur weiteren strategischen Entwicklung", hieß es. Es dürfte also ordentlich zur Sache gegangen sein, angeblich ging die Digitalisierung des journalistischen Angebots zu langsam voran. Die Unruhe in der Redaktion ist groß, zumal gleichzeitig gespart wird und Stellen abgebaut werden sollen. Jetzt geht auch noch die Angst um, dass künftig Redaktionelles und Geschäftliches stärker vermischt wird.

"Wir können unseren Journalismus ja nicht selbst verkaufen"

Matthes selbst sagt dazu, er stehe für "klare und scharfe Grenzen zum Verlag, zur Anzeigenabteilung etwa". Gleichzeitig könne die Redaktion mit ihren Inhalten aber auch nicht allein erfolgreich sein. "Wir können unseren Journalismus ja nicht selbst verkaufen." Deswegen müsse sich an relevanten Schnittstellen der Austausch zwischen den Abteilungen verbessern, zum Beispiel, dass erst einmal eine Marktanalyse gemacht wird, wenn die Redaktion eine Idee für einen Podcast hat.

Die wirtschaftliche Lage der Handelsblatt Media Group in Düsseldorf, kurz HMG, gilt jedenfalls als schwierig, neben dem Handelsblatt gehört unter anderem auch die Wirtschaftswoche dazu. Die Anzeigen sind rückläufig, das Veranstaltungsgeschäft ist praktisch am Boden, Büros, Hotels und Flugzeuge - dort wurde viel Handelsblatt gelesen - sind leer. Das Unternehmen gehört dem Stuttgarter Verleger Dieter von Holtzbrinck, 78, der zudem den Tagesspiegel in Berlin sowie, zusammen mit seinem Bruder Stefan, die Zeit kontrolliert.

Von 2010 bis 2018 war Gabor Steingart Chefredakteur, später Herausgeber des Handelsblatts, schied dann aber ebenfalls plötzlich aus. Holtzbrinck müsse schon seit Langem Geld für die HMG zuschießen, zuletzt habe er die Finanzierung umgestellt, sagen Beteiligte aus dem Verlag. Die Lage bei der HMG ist unübersichtlich, Geschäftsführer Oliver Voigt fällt derzeit aus, Digitalgeschäftsführer Gerrit Schumann ging im September, Geschäftsführerin Andrea Wasmuth, erst seit August im Amt, hält die Stellung. Entscheidungen kommen derzeit aus Stuttgart, unter anderem von Holtzbrinck-Finanzchef Oliver Finsterwalder.

Jetzt soll es beim Handelsblatt also Matthes richten, gleichzeitig wird ein Herausgeberbeirat gebildet. Von der Unternehmensführung wird er als Digitalexperte präsentiert, manche kritisieren, er habe wenig journalistisches Profil und kein großes Netzwerk. Matthes ist seit 2018 stellvertretender Chefredakteur und für Digitales beim Handelsblatt zuständig, er kam von der deutschen Ausgabe der Internetzeitung Huffington Post, bei der er Chefredakteur war und die inzwischen eingestellt wurde. Die stand vor allem für Klickzahlen. Diesen Reichweitenjournalismus bezeichnet Matthes heute selbst als "Irrtum der gesamten Branche". Was er sich nun vorstellt, klingt anders: Er will Abonnenten gewinnen - besonders im Digitalen natürlich. Das ist auch die Vorgabe aus Stuttgart: Nach SZ-Informationen sollen 65 neue Digitalabos pro Tag gemacht werden.

Das wird nicht leicht: Das Handelsblatt setzt bereits seit 2018 auf eine harte Paywall und ist zuletzt digital gewachsen. Laut IVW hatte das Handelsblatt im dritten Quartal 2020 insgesamt fast 87 000 Abonnements, davon knapp 59 000 Digital-Abos. Man habe das richtige Geschäftsmodell gefunden, glaubt Matthes - ein Selbstläufer sei es aber nicht. "Und das ist eine Aufgabe, die auch die Redaktion betrifft."

Zuletzt war immer wieder über eine Einstellung der Print-Ausgabe diskutiert worden

Wenn man mehr Digitalabonnenten gewinnen wolle, sagt Matthes, müsse man sich fragen, welche Themenbereiche man stärken soll - und welche man besser weglässt. Die Stärken des Handelsblatts sieht er bei wirtschaftspolitischen Analysen und exklusiven Recherchen zu Konzernen, man müsse alles daransetzen, diese zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Leserinnen und Leser zu bringen. Reduziert habe man dagegen zuletzt die Berichterstattung über die Modeindustrie, um die Kapazitäten anders zu nutzen: "Ich will Recherche und Investigation stärken." Die Digitalisierung interessiert ihn auch als journalistisches Thema. Künftig werde sich das Handelsblatt "weiter mit dem beschäftigen, worin wir gut sind" - und ganz besonders damit, wie die großen Unternehmen in Deutschland "mit wichtigen technologischen Fragen der Zukunft umgehen, vom Maschinenbau über die Auto- bis zur Chemieindustrie", sagt er.

Zuletzt war immer wieder spekuliert worden, die gedruckte Version des Handelsblatts könnte nur noch zum Wochenende erscheinen, den Rest der Woche dann als digitales Angebot. Als Abkehr von der gedruckten Zeitung will Matthes die Entscheidung für ihn aber auf keinen Fall verstanden wissen. "Das gedruckte Handelsblatt wird es auf jeden Fall weiter geben. Es ist sozusagen das Best-of des digitalen Handelsblatt-Programms." Noch haben immerhin fast 28 000 Menschen dieses gedruckte Best-of abonniert.

© SZ/tyc
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