Germany's Next Topmodel "Für mich ist das großer Kinderfasching hier"

Heidi Klum (2.v.l), mit den Finalistinnen Cäcilia (links), Simone und Sayana in der Arena.

(Foto: dpa)

Auch im 14. Jahr von "GNTM" gibt es eine Siegerin, bei der es um nichts anderes geht als ihren Körper. Wer für Gleichberechtigung ist, kann das nicht unterstützen. Erst recht nicht ironisch. Thomas Gottschalk erdet die Sendung auf seine Weise.

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Es gibt eine Szene in der Sitcom "How I met your mother", in der erzählt der Protagonist seinen Kindern, wie es dazu kommen konnte, dass er sich mal einen Porno anschaute: Die Videokassette sei ganz von allein aus seiner Hand geschwebt, durch die Luft, hinein in den Videorekorder. Von derselben unsichtbaren Macht sei er dann auch selbst auf die Couch befördert worden - und konnte gar nicht anders, als sich den Porno anzusehen.

Menschen in ganz Deutschland ging es gestern Abend ähnlich: Sie kamen abends zur Wohnungstür herein, eine unsichtbare Macht drückte sie auf die Couch, ein unsichtbarer Finger schaltete den Fernseher ein und traf zufälligerweise den Sender Pro7. Da lief das Finale von "Germany's Next Topmodel". Eigentlich wollte man ja wieder aufstehen, aber irgendein Schelm hatte, sowas Blödes, vorher die Couch mit Montagekleber beschmiert, und so kam es, dass man sich die Sendung trotzdem ansah. Ansehen musste, jawohl!

Das 14. Finale von GNTM war, wie konnte es anders sein, ein drei Stunden andauernder Wettkampf in einem Düsseldorfer Kolosseum des 21. Jahrhunderts. Die Unbarmherzigkeit der Sendung und ihrer Herrscherin erinnert an den römischen Kaiser Caligula, unter dem das öffentliche Zersägen von Menschen en vogue war.

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Zu Beginn der ersten Folge dieser Staffel hatte Klum noch gesagt, "Diversity" sei ihr extrem wichtig. Um diesen Eindruck hat sie sich auch im Finale redlich bemüht. Aber es bleibt nur ein Eindruck. Unter den Finalistinnen ist eine Tamilin und - zumindest als Gast - eine Transgender-Kandidatin, die den "Personality Award" bekommt, weil sie so viel für ihren Traum gekämpft hat. Aber, und da zeigt sich die dominante Seite dieser kolossalen Inszenierung, der "Personality Award" ist halt auch nur ein Trostpreis für jene, die nicht konform genug waren, um Siegerin zu werden. Und die Tamilin erreicht nur den zweiten Platz.

Dazu tragen die drei Finalistinnen Kleider, auf denen Dinge stehen wie "Gott ist eine Frau" und "Die Zukunft ist weiblich". Die Models aus den Vorrunden treten auf, um Pappschilder mit "feministischen" Sprüchen darauf hochzuhalten, die eine halbe Minute zu sehen sein dürfen.

Einen der wenigen klugen Sätze des Abends sagt die Kandidatin Sayana, als sie die jungen Frauen im Fernsehpublikum bittet, sie mögen ihre Ausbildung nicht vernachlässigen. Nur wird man für sowas bei Klum nicht Topmodel-Gewinnerin. Das schafft dann Simone mit dem Satz: "Dank Germany's Next Topmodel hab' ich gelernt, mit Druck und Fairness und Hass umzugehen, und unsere Welt zu verstehen zu respektieren und zu akzeptieren." Puh. Das war so lang, dass es dann auch wieder für zwei Stunden reicht.

Den Personality Award wirklich verdient hätte: Thomas Gottschalk

Der Zirkus wird erstmal mit viel Musik (Jonas Brothers, Tokio Hotel, Ellie Goulding) und Thomas Gottschalk fortgesetzt. Thomas Gottschalk ist es übrigens, der an diesem Abend wirklich den Personality Award verdient hätte. Er macht die Sendung mit trockenen Sprüchen ("Ich hab nichts mit der Sache zu tun"; "Für mich ist das großer Kinderfasching hier") und missmutigem Rentnerblick sehr viel erträglicher. Sehr komisch wird es auch, als Gottschalk erklärt, man werde die Frauen jetzt noch einzeln in einer "MAZ" vorstellen. Denn es weiß heutzutage natürlich niemand mehr, was eine MAZ ist. Gottschalk ist das aber wurscht, und man kommt nicht ganz dahinter, was er Klum für einen Gefallen schuldet, dass er an diesem Abend auftritt.

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Klums oberflächliche Bemühungen um Gleichberechtigung einerseits und Emotion andererseits täuschen nicht darüber hinweg, dass "Germany's Next Topmodel" auch in seinem 14. Jahr nur eines ist: ein über vier Monate gedehnter Huldigungs-Tanz darum, wer von den teilnehmenden Frauen denn nun den "schönsten" Körper hat. Und im Klum-Universum bedeutet das, den Körper zu haben, den man hinterher am wenigsten photoshoppen muss. Daran ändert das Model Winnie Harlow als Gastjurorin nichts, das an der Hautkrankheit Vitiligo erkrankt ist, genauso wenig wie der Trostpreis für die Transfrau.

Über allem steht Heidi Klums Angewohnheit, aus Dingen, die gerade "in" sind, so sehr jede Authentizität herauszuzuzeln, dass sie zurückbleiben wie eine leere Weißwursthaut: ungenießbar. Klum inszeniert eine Hochzeit zwischen einem der Models und ihrem Freund (denn Hochzeiten boomen gerade) und stülpt sich das Thema Feminismus über wie ein Fashion-Accessoire, bereit, es auf dem Wühltisch zu entsorgen, wenn die Saison vorbei ist.