bedeckt München

20 Jahre Gilmore Girls:Plötzlich traten Frauen auf, die sich in Backkataloge von Bands vergruben

Der manische Sammler popkulturellen Wissens ist gemeinhin eine männlich besetzte Rolle. Am besten lässt sich das an der Figur des Musikfans studieren, wie sie etwa in Nick Hornbys "High Fidelity" oder Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" zelebriert wird. Da sucht ein Held Zuflucht in der Popmusik, saugt sie auf und bildet daraus seine Identität. Mit den Gilmore Girls traten plötzlich Frauen auf, die gleichermaßen nerdig sein durften, die sich mit dem Eifer eines wahren Fans in die Backkataloge von Bands vergruben oder Filmdialoge auswendig mitsprachen.

Ein enthusiastischer Willen zur Spezialisierung

Vor allem die Beziehung zwischen Rory und Lane - beide auf unterschiedliche Weise Außenseiterinnen an ihren Schulen - lebte von diesem enthusiastischen Willen zur Spezialisierung. Es konnte vorkommen, dass die Freundinnen minutenlang darüber diskutierten, welche Musik am besten das Gefühl der Niedergeschlagenheit verkörperte, das sie empfanden. War es eine Joy-Division-, eine Nick-Cave- oder eine Robert-Smith-Niedergeschlagenheit? Nein, es war eine Johny-Cash-Niedergeschlagenheit, genauer gesagt eine "San-Quentin-mäßige-es-ist-ein-langer-Weg-nach-Hause-und-mein-Pferd-wurde-gerade-erschossen-aber-mein-Mädchen-ist-an-meiner-Seite-Niedergeschlagenheit".

Es ist kaum möglich, dieses engmaschige Netz an Verweisen komplett zu durchschauen, und genau darum ging es auch. Die Sprache, die die weiblichen Hauptfiguren sprachen, war eine, die nur sie verstanden. Die Serie griff das Motiv des Fantums auf, überspitzte es und nutze es als Selbstermächtigungsstrategie ihrer Protagonistinnen. Die nerdigen Züge der Hauptfiguren waren ein Zeichen der Andersartigkeit, ein positives freilich, ein Ausdruck der Überlegenheit. Mit ihrem popkulturellen Wissen konnten die Gilmore-Girls-Frauen jeden Gesprächspartner schachmatt setzten, sie wappneten sich damit gegen die Außenwelt, ob das nun übergriffige Anmachversuche, mobbende Klassenkameraden oder schwierige Familienmitglieder waren.

Dabei gab es durchaus einige Männer, die Einblicke in diesen erlesenen Club haben durften. Nur mussten sie eben entweder die Überlegenheit der Protagonistinnen neidlos anerkennen oder zumindest ansatzweise mitreden können. Rory etwa wurde auf ihren ersten Freund aufmerksam, weil er ihre Anspielung auf den Film "Rosemaries Baby" verstand, auf ihren zweiten, weil er sich mit Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" auskannte.

Mit der Zeit verlor die "Gilmore-Girls"-Sprache ihren hermetischen Zauber

Leider geriet über die Jahre dieser Aspekt der Serie in den Hintergrund. Die Sprache der Gilmore Girls verlor ihren hermetischen Zauber, sie wurde immer durchlässiger für Außenstehende. Rory studierte zwar an der Eliteuniversität Yale und arbeitete daran, Journalistin zu werden, aber man sah sie gegen Ende mehr über den Milliardärssohn nachdenken, mit dem sie liiert war, als über griechische Philosophen oder feministische Autorinnen. Ihre Freundin Lane wurde zwar Schlagzeugerin in einer Band, musste dann aber ihr Rock-'n'-Roll-Leben gegen die Mutterschaft von Zwillingen tauschen.

Unabhängig davon, ob die vier jüngsten und letzten Folgen, eigentlich ja Filme auf Netflix die Geschichte in diesem Sinne weiterführen und sich auf das besinnen, was die Gilmore Girls einmal so besonders gemacht hat, auf die Gedanken von ein paar sehr lustigen und ziemlich nerdigen Frauen, die ihre Welt aus Romanfiguren, Liedtexten und Filmzitaten erschaffen - immerhin gibt es einen Schatz von Büchern, Platten und Filmen aus dem Gilmore-Girls-Universum, mit dem man sich darüber hinweg trösten kann.

© SZ.de/doer/bbr/cag
Zur SZ-Startseite
Serien (v.l.o.n.r.u) Deutschland 89, Servus Baby, Oktoberfest 1900, Mrs. America

Fernsehen und Streaming
:Das sind die Serien des Monats

"Deutschland 89" ist bester Geschichts-Pop, "Oktoberfest 1900" macht München zu einer Art bayerischem Chicago, und "Mrs. America" ist gerade mit einem Emmy ausgezeichnet worden. Unsere Empfehlungen vom September.

Von SZ-Autoren

Lesen Sie mehr zum Thema