bedeckt München 20°

Wohnen in Serien:Die Corona-WG

Herrenhaus oder doch lieber Meerblick? Wer Serien schaut, wird schnell zum stillen Mitbewohner der Protagonisten.

(Foto: ITV; imago images/Prod.DB; Scene Therapy; Reuters)

Wer Serien schaut, wird irgendwann zum stillen Mitbewohner der Protagonisten. Aber würde man es in den Wohnungen aus "Sherlock" oder "Friends" auch im Home-Office aushalten?

Von SZ-Autorinnen und Autoren

Die Waltons

Schlimmer Verdacht: Ist rückwärts das neue vorwärts? Die Waltons spielen zwar in den Dreißiger und Vierziger Jahren, aber sie sind erschreckenderweise die ideale Wohnform für die Ausgangsbeschränkung. Weil sowieso alle sozial relevanten Personen in einem Haushalt leben, verstößt hier keiner gegen Regeln, wenn man einfach so lebt wie immer. Aus einem Paar alter Arbeitslatzhosen von Opa Walton kann Mutter Olivia locker Gesichtsmasken für die ganze Familie nähen. Es gibt viel Natur, immer ein warmes gemeinsames Essen und nicht einmal der notorisch introvertierte John Boy muss eine derart grauenhafte Vereinsamung fürchten, wie sie allein lebenden Städtern ohne ihr Lieblingscafé angeblich droht. Aber Büroarbeit? Ständig werden Konflikte auf anrührende Weise bewältigt, Großmutter Esther erteilt Ratschläge, und einer heult immer. Und das bei den dünnen Wänden, durch die, wenn endlich mal Ruhe ist, jemand noch "Gute Nacht, John Boy" säuseln muss. Hier Home-Office? Kreisch!!!

Gilmore Girls

"Where you lead, I will follow", singt Carole King im Feel-Good-Intro von Gilmore Girls. Auch wenn "Wohin du mich führst, folge ich" dieser Tage nur innerhalb des Hauses gelten kann: Im Häuschen von Rory und ihrer jung gebliebenen Mutter Lorelai ließe es sich bestens aushalten. Die beiden leben in harmonischer Gemeinschaft und wenn das für eine Mutter-Tochter-Beziehung nicht schon traumhaft genug klingt, dann vielleicht das goldene Herbstlicht, das dort immer hereinstrahlt, oder, dass alles gemütlich vollgerempelt ist. Gardinen, antike Lampen, Kissen überall. Gilmore Girls wurde abgedreht, bevor sich Minimalismus als Interieurtrend durchsetzte. (Marie Kondo würde hier einiges loslassen wollen, Lorelais Metallica-Bandshirts, oder Rorys Bücher zumindest mal gründlichst überprüfen.) Traumhaft wäre aber auch das Wissen um eine so eingeschworene Gemeinschaft hinter den Haustüren, wie es sie im Serienort Stars Hollow gibt. Spaziergänge über den schmucken Dorfplatz wären unter Social-Distancing-Auflagen ja immer noch möglich.

Big Little Lies

Die Räume sind weit, graublau gestrichen, die bodentiefen Fenster rahmen jeden Ausblick zu einem sanft bewegten Gemälde. Und was für Ausblicke: Das Haus der Wrights steht auf einer hohen Klippe in der Nähe von Monterey, Kalifornien. Der Pazifik glitzert dunkelblau, es weht immer ein Wind und die weiße Gischt der Wellen schlägt an die Felsen. Das Beste an diesem sehr teuer aussehenden Architektenhaus ist aber die Terrasse aus grau anverwitterten Holzplanken, aus der an zwei Stellen alte kalifornische Kiefern herauswachsen. Hier isst die Familie Wright - gespielt von Nicole Kidman, Alexander Skarsgård und hübschen blonden Zwillingsjungs - oft Frühstück. Sie ist keine glückliche Familie. Fast alle Häuser in Big Little Lies sind Fassaden, hinter denen sich Schlimmes verbirgt und bei den Wrights das Allerschlimmste. Ihr Haus ist bei aller Schönheit auch immer ein wenig bedrohlich, die Klippe, der raue Ozean, die dunklen Kiefern im Wind. Langweilig würde es hier im Home Office sicher nicht.

Downton Abbey

Ja, es ist elitär, sich in ein Kaminzimmer zurückzuziehen, um über ein paar Dinge mal ganz in Ruhe allein nachdenken zu können, das so groß ist, dass man eine Vierzimmerwohnung dort unterbringen könnte. So will doch kein Mensch wohnen! Unter diesen bedrückenden Kassettendecken, mit Blick auf einen Kamin, der schaut, als ob er einen gleich auffressen will, mit diesen fünf Meter hohen Samtvorhängen, hinter denen sich die Gespenster der Vergangenheit verbergen. Aber jetzt? Jetzt wäre es wirklich eine Freude in Highclere Castle einzuziehen und dort ein paar Flickflacks in der Bibliothek zu vollführen, ohne dabei im Mindesten Gefahr zu laufen, eine Vase oder ein Teeservice umzustoßen. Quarantäne mit Auslauf. Ach, wie oft war man in diesem englischen Schloss zu Gast, das in der Serie Downton Abbey heißt. Hier wurde die Familie Lord und Lady Grantham und die vielen Bediensteten Anfang des 20. Jahrhunderts von allen Stürmen der unbarmherzig aufziehenden Moderne durchgeschüttelt: Gleichberechtigung, Arbeiteraufstände, stinkende Automobile! Aber Leuten, die immer drei Meter Abstand zu allen anderen Menschen und zu allen Dingen halten, kann nichts wirklich etwas anhaben, so ein Virus schon gar nicht.

Friends

Die Wohnung mitten in Greenwich Village hat ein offenes Wohnzimmer mit einer großen Fensterfront, eine vollausgestattete Küche, und um die Miete, die heute nicht zu bezahlen wäre, muss man sich ohnehin keine Sorgen machen: Die Bude gehört der Oma, ein New Yorker Traum der Neunziger mit blasslila Wänden. Der Kühlschrank ist immer gut gefüllt, es ist blitzsauber und rumtrampeln darf man auch, seit der Nachbar von unten drunter gestorben ist. Außerdem gibt es einen Balkon zum Grillen, Knutschen, Rumschreien; Holzfußboden und das dringend in jeder Wohnung benötigte Ramsch-Kammerl für herumliegenden Mist (vielleicht wohnt aber auch noch Monicas Exfreund Richard darin, wer weiß das schon). Das Schönste an dieser Wohnung: Es ist immer jemand da. Und nicht nur irgendjemand, es sind deine Freunde. Der Satz "Hello people who do not live here", den Monica einmal genervt ihrem vollen Wohnzimmer entgegenruft, als sie erschöpft nach Hause kommt, würde in diesen Tagen wohl niemandem einfallen: Wie schön wäre es, wenn man mal wieder Besuch hätte. Was dagegen auf gar keinen Fall funktioniert: Home-Office. Denn ständig streiten Ross und Rachel lauthals, Joey und Chandler setzen Bowlingkugeln in Brand und Monica kocht Marmelade. Dann vielleicht doch lieber zu Richard ins Kammerl sperren bis das Schlimmste vorbei ist.

Braunschlag

Eines vorweg: In Braunschlag zu wohnen, ob mit oder ohne Home-Office, ist eine Strafe. Denn Geschmack sucht man in dem fiktiven Ort im niederösterreichischen Waldviertel ebenso vergeblich wie Sitte oder Moral. Jeder versucht in diesem verschachtelten Spießernest, irgendwie durch-, im besten Falle rauszukommen. Andernfalls sind die Braunschlager gefangen zwischen ausgestopften Tieren, Airbrush-Kunst an der Wand, Messing-Bogenlampen und Bettwäsche in Zebra-Optik. Früher oder später dürfte man sich, was das Neureich-Schick-Interieur betrifft, wie Heinz-Christian Strache in der Ibiza-Villa oder Modedesigner Rudolph Mooshammer fühlen. Gut, der verschlagene Bürgermeister Tschach könnte immerhin hilfreiche Lektionen im Kurzarbeit-Tricksen geben, Discobesitzer Pfeisinger für ausreichende Alkohol sorgen. Aber dann man halt dann doch mit dem Schlimmsten rechnen in Braunschlag - einem schießwütigen Senioren im Coronawahn oder libidobeflügelten Priestern. Dafür hat man von allen Orten aus einen Blick ins Grüne.

Chilling Adventures of Sabrina

Das Haus der Spellmans wirkt von außen so, wie man sich ein echtes Hexenhaus vor-stellt: Schwarz angestrichen, mit hohen Kaminen und Kainsgrube im Garten. Von innen ist es - mal abgesehen vom durchaus gruseligen Bestattungsinstitut im Keller - urgemütlich und liebevoll eingerichtet. Sabrina, ihr Cousin Ambrose und ihre Tan-ten Hilda und Zelda erholen sich dort von ihren Konflikten in der Hexenwelt und mit dem dunklen Lord bei Tee und frischem Gebäck. Und wer Ruhe braucht, findet sie gewiss in einem der unzähligen Zimmer im Haus. Und das Beste: Wenn die Arbeit mal wieder nervt, können die Hexen einem mit ihrer Zauberkraft bestimmt unter die Arme greifen.

Better Call Saul

Jimmy McGill ist ein Vorreiter. Und sein Schlaf-Wohn-Ankleide-Anwaltsbüro im Hinterzimmer eines asiatischen Nagelstudios grundsätzlich mal nichts weniger als visionär. Ein fixkosten-optimierter Co-Working-Space, der das Platzproblem in Ballungsräumen löst. Und trotzdem ganz nebenbei auch noch den Anspruch vieler Städteplaner erfüllt, Arbeits- und Wohnstätten (und die sie verbindenden Wege) sollten die Begegnung unterschiedlicher Soziotope ermöglichen. Ansonsten wäre die Schlafstätte freilich Geschmackssache - es mag eben nicht jeder den Schreibtisch verschieben, um Platz fürs Bett zu schaffen -, wenn, ja wenn Corona nicht auch hier alles ändern würde. Zumindest solange die Nagelstudios noch geschlossen sind, hat man den geräumigen Platz mit den Massagesesseln schließlich auch tagsüber ganz für sich. Genau wie das Gurkenwasser. Entspannte Entscheidung also.

Bad Banks

Nachdem die ambitionierte Nachwuchsbankerin Jana Liekam bei einer Frankfurter Großbank angeheuert hat, bekommt sie als Einstand ein architektonisches Statussymbol in Form eines Wolkenkratzer-Apartments gestellt: Rundum verglast, mit einem Inneinrichtungskonzept, das alle der Welt bekannten Weiß- und Grautöne in einer Wohnung vereinen zu wollen scheint und einer Dachterrasse von der Durchschnittsgröße einer Münchner Studenten-WG. Beeindruckend, aber: Homeoffice dort? Auf keinen Fall, die Gefahr, in diesem sterilen Glaskäfig in eine Billy-Murraysche-Lost-in-Translation-Melancholie zu verfallen, ist viel zu groß. Außerdem ließe sich in der fingerabdruckfreien Edelstahl-Küche wohl abgesehen von Schampus, Kaviar und Koks kein Pausensnack auftreiben und wer aus Prokrastinationsgründen anfinge, Fenster zu putzen, wäre damit vermutlich noch beschäftigt, wenn der Coronavirus-Impfstoff schon lange marktreif ist.

The New Pope

Home-Office ist eine frevelhafte Untertreibung, der Papst ist ja vielmehr im Office Home. Bessergesagt: Die Päpste. Denn Paolo Sorrentino präsentiert in seiner Meisterserie The Young Pope (Staffel 1) und The New Pope (Staffel 2) gleich mehrere Kirchenoberhäupter. Jude Law flaniert darin als nicht immer glaubensfester Posterboypapst durch die leere Sixtinische Kapelle, John Malkovic wandelt als Nachfolger durch die Vatikanischen Gärten mit einer Mitarbeiterin, für die er sich mehr interessiert, als für botanische Wunder. Irgendwo in den Gemäuern läuft immer ein Spiel des SSC Neapel, fließt bester Wein und Nonnen widmen sich Revolutionsplänen oder Poledances. Wer gerade in der balkonlosen Dreizimmerwohnung zwischen Kinderbetreuung, Haus- und Heimarbeit den Verstand verliert, könnte neidisch werden auf diese Päpste. Würde die Serie nicht ständig die Frage aufwerfen, ob hier wirklich mächtige Männer an einem opulenten Arbeitsplatz zu sehen sind. Oder ob diese Männer nicht selbst nur Arbeitsplatz sind, an dem überwältigende höhere oder innere Mächte wirken.

Batman

In Zeiten, in denen Batman noch kein seelisch verschatteter Rachevogel war, sondern eine eher cognac-dödelige Strumpfhosenkreuzung aus James Bond und Sherlock Holmes (Adam West spielte ihn damals mit der verballerten Lässigkeit der Sechzigerjahre), war auch Wayne Manor noch lebenswert. Und wie! Wenn das Batphone - eine eindeutige Referenz an den Heißen Draht des Kalten Krieges - klingelte, die Polizei Batman also erreichen wollte, traf man dessen alter ego, Bruce Wayne, auf dem Landsitz meist in Schöngeistiges vertieft an: eine Schachpartie mit seinem "Mündel" Dick Grayson (also Batmans Assistent Robyn) etwa. Dann kam der Spaß: Ein in der Büste von William Shakespeare versteckter Knopf ließ das Bücherregal im Arbeitszimmer verschwinden und legte zwei Stangen frei. Batpoles hießen die, und sie waren denen in Feuerwehrstationen nicht unähnlich. Mit dem Unterschied, dass, wer immer an ihnen hinunterrutsche, automatisch die Heldenkostümierung angezogen bekam. Einen Butler gab es auch. Wir fassen also zusammen: prächtiger Garten, Funslide, Bedienstete und automatisiertes Bekleiden. Um es in den Worten Robyns zu sagen: "Heiliges Paradies - wer würde woanders leben wollen?"

Sherlock

Allein der bordeauxfarbene Ohrensessel. Dann der Kamin, die Bücher, Notizen, eine Schmetterlingssammlung. Durch die bodentiefen Fenster flutet Licht, so die Samtvorhänge erst mal aufgezogen sind, und zum Ausruhen steht das Kanapee an der Wand. Die großgemusterte Tapete wäre der ideale Hintergrund für Videokonferenzen. Und zur Abschreckung könnte man auch den Totenkopf auf dem Kaminsims in Szene setzen. Die Baker Street 221b, wo Sherlock Holmes in der BBC-Miniserie wohnt, wäre hervorragend geeignet. Wo könnte man besser aus dem Home-Office arbeiten, als in der Unterkunft eines Detektiv-Genies, der noch dazu ab und an die Geige fürs Hauskonzert auspackt? Wo könnte man kreativer werden als zwischen Barock und Bibliothek? Lediglich mit der Verpflegung könnte es eng werden, da Sherlock in seinem Kühlschrank statt frischem Gemüse lieber tiefgekühlte Daumen deponiert. Wie gut, dass Sherlock zur Untermiete wohnt und seine Vermieterin Mrs. Hudson Tee serviert.

© SZ vom 22.04.2020/tmh

Fernsehnutzung in Zeiten von Corona
:Alle schauen hin oder träumen sich weg

Wird durch Corona mehr Fernsehen geschaut? Und vor allem: Sind eher Unterhaltungssendungen besonders gefragt - oder Ablenkung? Dazu liegt nun eine erstaunliche Studie vor.

Von Lisa Priller-Gebhardt

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite