bedeckt München 19°
vgwortpixel

Gastbeitrag des verstorbenen Publizisten:Wie Roger Willemsen das Dschungelcamp lobte und das Fernsehen zerlegte

Willemsen war Fernsehmensch - und grandioser Fernsehkritiker. Zum Beispiel, wenn er sich Gedanken über das Dschungelcamp machte.

Roger Willemsen war nicht nur ein Protagonist des Fernsehens, er war auch einer der bissigsten Kritiker dieses Mediums. Sein Gastbeitrag zum RTL-Dschungelcamp erschien 2014 in der Süddeutschen Zeitung. Darin brachte der Publizist wie kein Zweiter auf den Punkt, warum das Format fasziniert - und was grundsätzlich fehlt im deutschen TV. Anlässlich des Todes von Roger Willemsen veröffentlichen wir den Text erneut.

Es gibt unter Menschen die Lebenden und die Erloschenen. Die letzteren tun das Erwartbare, sagen das Erwartbare, überfordern keinen und fühlen sich wohl in Stereotypen. Die Lebenden dagegen sind unvorhersehbar, abrupt, anstrengend. In der Welt der Schaulust sind die Erloschenen eigentlich untragbar, denn sie langweilen, es gibt wenig an ihnen zu beobachten. Aber man kann mit ihnen Panel-Shows und öffentlich-rechtliche Partyspielchen aus den Siebzigern bestücken, also Primetime-Entertainment. Da schaden sie nicht, gefährden niemanden durch Originalität oder Spontaneität und sind rasch vergessen.

Auf die Welt der Lebenden dagegen ist gerade eine neue Protagonistin gekommen: Larissa Marolt, eine quecksilbrige junge Österreicherin, die einen an Hans-Christian Andersens Satz denken lässt: "Ich bin wie das Wasser, alles bewegt mich, alles spiegelt sich in mir." Larissa ist anstrengend, rührend, komisch, gerne dramatisch, in ihrem Gesicht geht viel vor, ihre Bemerkungen sind oft geistreich, ihre Geschichten aberwitzig und gut erzählt. Sie ist phantasiebegabt, hält manchen Schatten für eine lebensbedrohliche Spezies und fällt in ihrem Ungeschick und dem Balancieren zwischen den Gespenstern des Urwalds häufiger mal zu Boden.

Sie lügt, ist ein Kind, ein Tolpatsch, unreif, wenn nicht irr

Diese Larissa befindet sich im Zentrum der Deutungsmaschine mit Namen "Dschungelcamp", das an diesem Samstag ins Finale geht. Das heißt, sie wird von allen unablässig interpretiert, von den Camp-Insassen, den Moderatoren, Zuschauern, Journalisten. Alle fragen sich angesichts ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit, was ihr Eigentliches ist, was sie im Inneren zusammenhält, und so gibt es auch nichts, das man ihr nicht schon unterstellt hätte: Sie spielt, sie ist unecht, voller Kalkül, auf Entzug, sie lügt, ist ein Kind, ein Tolpatsch, unreif, wenn nicht irr, muss betreut werden oder ist nur in psychopathologischen Begriffen fassbar. Anders gesagt, Larissa ist all das, was Marilyn Monroe auch wäre, vor allem, konfrontierte man sie mit Mola Adebisi oder Winfried Glatzeder. Aber es hängt eben nicht Mola als Poster über den Betten.

So aber hat jeder seine Larissa und stellt die eigene Missgunst an ihr aus. Einmal glaubt sie, sich etwas gebrochen zu haben. Während die Sängerin Gabby am Feuer unterstellt, sie simuliere, um das Lager verlassen zu dürfen, fleht Larissa oben im Sprechzimmer, man dürfe sie auch mit Bruch auf keinen Fall aus dem Lager entlassen.

Ja, sie ist das Herz dieser Stammeskultur, und es gibt in der 10-jährigen Dschungelcamp-Geschichte keine Protagonistin, die so sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit geriet wie sie, die kein It-Girl ist wie ihre Vorläuferinnen Sarah Dingens und Giorgina Fleur, sondern eine verhinderte Schauspielerin, die schon die Lee-Strasberg-Schule besuchte, eine Model-Contest-Siegerin in Österreich, die schon für Heidi Klum zu selbständig war, eine junge Frau mit mehr Möglichkeit als Wirklichkeit.

Alles inszeniert?

Manchmal, ganz selten, setzen sich gegen den normativen Zwang dessen, wie man im Fernsehen - mehr noch als im Leben - zu sein hat, Einzelcharaktere durch, sprühende Temperamente, die vor allem sagen, dass sie jung sind und lebenslustig, getrieben und neurotisch, narzisstisch und enttäuscht. Tausend Farben wechseln sie in Minuten, und wir sehen sie wo? Nirgends. Lädt mich Larissa ein, ihre Standpunkte zu teilen? Nein. Ihre Phobien, ihre Egozentrik? Darum geht es nicht.

Aber, liebe Untote des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehen, sie ist am Leben! Und das Leben ist schön in ihr, auch im Keifen, im Hadern, im Bemalen der Prospekte der Zukunft: Ich möchte eine Hollywoodschauspielerin sein und Action spielen, und es soll so klug sein wie in einem dieser französischen Filme, in dem immer nur geredet wird, dabei könnte ich auch den ganzen Film über im Auto sitzen und fahren. Man kann das deppert finden. Aber dann sind eben alle Menschen im Werden deppert.

Wenn das Dschungelcamp mit all seinem Sadismus, seinem Angriff auf die Menschenwürde, seiner grausamen Vergewisserung von Fallhöhe bei Menschen, die diese kaum mehr oder noch nicht besitzen, wenn also dieses Dschungelcamp zu etwas geeignet ist, dann, Menschen zur Erscheinung zu bringen, Menschen, die entweder aus dem Halbwach-Zustand der Langeweile zur kurzen Blüte einer Situation heraus dämmern, um gleich anschließend wieder unsichtbar zu werden, oder eben Menschen wie Larissa, die zu viel Mensch ist, also der wandelnde Ernstfall, eine Kriegerin, die von Prüfung zu Prüfung geht, nie aufgibt, krakeelt, widersprüchlich und inkonsequent ist und die sich, wie sie sagt, noch nicht an sich selbst gewöhnt hat.

Der dümmste gemeinsame Nenner

Die Lehre: Nicht die Unscheinbaren beschenken eine Gesellschaft, die Schauwerten folgt, nicht die Konformisten, sondern manchmal wird unter gewissen Bedingungen etwas von dem frei, was das Unterhaltungsfernsehen sonst fürchtet wie der Teufel das Weihwasser: Das Unkalkulierte, der Ausbruch, das Unberechenbare, Animalische. Sieht man dagegen eine jener großen ARD- und ZDF-Familienshows voller veritabler Prominenter, die sich für keinen altbackenen Quatsch zu schade sind, dann lässt das ausnahmslos eine schlichte, wenn nicht einfältige Rezeption zu, die keinen Zehnjährigen überfordert.

Ursula von der Leyen in einem Raumfahrtanzug Minigolf spielen zu sehen, das ist der öffentlich-rechtliche Emu-Anus. Er stinkt schon aus einem Grund: weil er so einfallslos inszeniert, so lieblos produziert, so herablassend kalkuliert ist und vom dümmsten gemeinsamen Nenner ausgeht.

Studium der Kräfteverhältnisse

Das Dschungelcamp blamiert sein programmliches Umfeld nicht allein durch eine Acht-Millionen-Quote nach 22 Uhr. Diese im Handwerklichen nicht allein staunenswert sorgfältig, sondern sichtlich leidenschaftlich gemachte Show verrät die Freude der Macher an der Kühnheit des Schnitts, an der Infamie der musikalischen Kommentierung, am Esprit der Moderation, sie ist nicht zuletzt fast die einzige deutsche Fernsehshow, die Subtext-Lektüren erlaubt. Denn die Aktivität des Publikums besteht eben nicht allein darin, die Protagonisten immer neu mit Schadenfreude zu überziehen. Dieses Publikum erfreut sich am Studium der Kräfteverhältnisse zwischen Einzelnen, der Verschiebungen von Fraktionen im sozialen Unterholz derer, die alle schon Verlierer sind, dadurch, dass sie dort siedeln.

Der Zuschauer findet sich überschlau, indem er sagt: alles inszeniert! Aber wer würde, wer wollte sich so inszenieren, wo jede Überinszenierung auffällt und gestraft wird? Und wenn es so wäre, warum haben die Kandidaten nach zehn Jahren Dschungelcamp-Studium nicht gelernt, dass Sieger nicht jene wurden, mit denen es sich im Camp am leichtesten leben ließ, sondern meist Menschen, an denen es vor allem etwas zu sehen gab und die sich nebenbei keiner echten Verfehlung schuldig machten? Der Jahrgang 2014 aber versammelte in dieser Hinsicht vor allem ein paar Premium-Exemplare menschlicher Unaufrichtigkeit, und der Spaß, den sie kurzfristig bereiteten, lag in der Beobachtung der Heuchelei, der Fabrikation erlogener Geschichten und der Formulierung zweckmäßiger Unterstellungen, die allerdings alle schließlich nach hinten losgingen und vor allem ihre Produzenten beschädigten.

Im Fegefeuer der Selbsterniedrigung

Manche könnten dabei für immer havarieren, etwa wenn sie wie eine Knallcharge namens Michael Wendler die schlechteste Besetzung für ihre Selbstinszenierung sind und sich in jeder Hervorbringung, ob rhetorisch, musikalisch oder duftwasserlich als ungenießbar erweisen. Sie können, wie Ex-Dschungelkönig Peer Kusmagk, den Emu-Anus-Geschmack noch im Mund, von der "Würde" schwadronieren, die sie bewahrt haben. Ach was, die Würde bewahren! Die Voraussetzung ist, dass man auf sie verzichtet, weil man sich für höhere Werte entscheidet wie Aufmerksamkeit oder Gewinnerwartung.

Nein, für die Kandidaten gilt: Statt Dieter Bohlen oder Heidi Klum zu beauftragen: Zeige du mir, wer ich bin, gibt man sich in die Hand eines ironischen Gottes, dem die Leiden seiner Geschöpfe ziemlich gleichgültig sind. Dieser Gott heißt Publikum, und der Preis ist ein doppelter: erniedrigt zu werden in der Konfrontation mit Phobien, Angst, Ekel, und es vor Publikum zu tun. Also müssen die Helden wissen: Nur indem wir durch das Fegefeuer der Selbsterniedrigung gehen, läutern wir uns von der Bedeutungslosigkeit und bewähren uns vor der Unterhaltung.

Traurige Hoden im nächtlichen Finsterwald

Dass dies an Grenzen geht, die auch im Zusehen unerträglich sind und niedere Impulse mobilisieren, widerlegt den schönen Satz von Ex-Dschungelkönig Joey Heindle: "Man kann doch einen Menschen nicht überdehnen." Man kann. Und so sind die wahren Verlierer der Sendung die alten Männer, deren traurige Hoden durch den nächtlichen Finsterwald schaukeln.

Diese Männer, die weder durch ihr Alter, noch durch ihre Lebensleistung jene Achtung verdient haben, die man ihnen von den Jungen anträgt, entpuppen sich als echte Kotzbrocken, in autoritären Strafphantasien schwelgende Despoten wie ehemals der Amok laufende Mathieu Carriere, oder der selbst vor Spucken und Schlagen nicht zurück scheuende Grumpy Old Glatzeder, dessen Hoheit an einer Kärntner Hotelierstochter zerschellt, und der am Ende trotz gesichtschirurgischer Eingriffe doch immer noch ein neues falsches Gesicht im Repertoire hat, zuletzt das liebe.

Der Mensch als Ereignis

Nur noch selten ist im Fernsehen der Mensch ein Ereignis. Die Formate sind zu tot geritten, die Rituale zu steif, die Protagonisten zu besessen vom eigenen Bild. Deshalb erscheinen die Kandidaten im Dschungel zunächst einmal so anders als sonst in diesem Medium. Sind die Mitwirkenden dort notorisch gut gelaunt, sind es die Dschungelbewohner nicht, sind sie dort eindeutig, sind sie es hier nicht, wollen die dort vor allem gut geleuchtet, gut aussehend und gutherzig scheinen, wird ihnen hier das ganze Arsenal der Werkzeuge für die Arbeit am eigenen Bild (englisch: Image) aus der Hand geschlagen. Ungeschminkt, schlecht geleuchtet, missmutig und gealtert, bedroht von Ekel, Phobien und der Ablehnung des Publikums dämmern sie der nächsten Höllenfahrt entgegen, und sollten die Träume sie je in eine bessere Welt entführen, werden sie doch erwachen müssen zum Spucke speienden Gesicht von Winfried Glatzeder.

Ja, es war laut und derb wie gewohnt im Dschungelcamp, und wieder hat man sich verbissen in die Eine, die für die anderen zu sehr Individuum war. Doch dann wurde Larissa plötzlich ganz still. Es folgte einer jener Momente, die so vielsagend sind, auch wenn sie ohne Effekt und ohne Vergrößerung kommen: Acht Ekelprüfungen hatte sie hinter sich, mehr als jeder und jede vor ihr, weltweit. Zum ersten Mal wohnt sie also mit den anderen als Zuschauerin der Prüfung bei, zu der vier Kandidaten bestimmt wurden. Sie blickt zu Boden. Als sie gefragt wird, warum sie so still sei, erwidert sie sinngemäß: Ich kann nicht gut Menschen beim Leiden zusehen. Anders gesagt, sie kann in dieser Show zwar mitwirken, sie sich aber nicht ansehen.

RTL strahlt auch diese Szene aus, ja, die Sendung gestattet sich überhaupt eine erstaunliche Selbstkritik, samt Verunglimpfung des Senders und der Produzenten, der Offenlegung der eigenen niederen Beweggründe wie Sensationsgier und Zynismus, kontinuierlicher Attacken gegen die Bild-Zeitung und ihre Falschmeldungen und Spotlights auf die Hintergründe aus eingereichten Klagen, politischen Verbotsaufrufen und Selbstbewerbungen neuer Kandidaten. So richtet sich die Ironie der Sendung immer auch gegen diese selbst, und im Zweifelsfall liefert sie die Kritik gleich mit - bemerkenswert in einem Medium, das sonst fast keine Selbstkritik kennt und keine Menschen wie Larissa.