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Franz Dinda im Porträt:Vor dem Absprung

Franz Dinda, honorarfrei zu redaktionellen Zwecken, wenn Sie das Copyright © Joyn / Volker Roloff sowie den Verweis "23 Morde" auf Joyn vermerken

Bei Joyn spielt er einen Soziopathen: Franz Dinda liegen Rollen starker Persönlichkeiten, bei denen er große Gesten machen kann. Nur blieben eben die durchschlagenden Rollen seit "Die Wolke" aus.

(Foto: Joyn/Volker Roloff)

Franz Dinda war Teenieschwarm in "Die Wolke" und Psychopath in "23 Morde". Er nahm Rollen an, die ihm heute peinlich sind. Dabei wollte er lange vor allem eins: auf keinen Fall vergessen werden.

Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Es ist ruhig, der Lärm der Skalitzer Straße kaum zu hören. Ein Mann schiebt ein Fahrrad vor den Eingang seiner Werkstatt, hier und da stehen Fenster offen. Wo es denn zum Atelier von Franz Dinda geht, will man wissen. Hmm ..., Franz wer? In dem Moment tritt Dinda aus einer Tür. "Das bin wohl ich", ruft er und winkt. Er grinst etwas müde. Das kennt er schon - Franz wer?

Franz Dinda ist jetzt 36 und kann 60 Rollen in seiner Filmografie vorweisen. Er wurde schon in einer Riege mit Volker Bruch (Hauptdarsteller in Babylon Berlin, 39) und Frederick Lau (Victoria, 30) genannt. Bei Bruch hat man den Ermittler mit markantem Gesicht vor Augen. Lau ist der etwas verschlagene, aber träumerische Rowdy. Dinda war im Fernsehen im Tatort, in Die Spiegel-Affäre und Der Bulle und das Landei zu sehen, mit kleinen Rollen im ARD-Zweiteiler Brecht und in Babylon Berlin. Zuletzt spielte er in der Krimi-Kurzserie 23 Morde beim Streamingdienst Joyn einen Soziopath und in einer Kinokomödie einen naiven Späti-Besitzer. Und trotzdem hängt an ihm diese Frage: Franz wer?

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Er sitzt jetzt draußen vor seinem Atelier auf einem Stuhl. Weißes T-Shirt, graue Jeans, weiße Nikes. Er dreht sich eine Zigarette und beginnt zu erzählen. Wie er sich in Kreuzberg eingerichtet hat und die Zurückgezogenheit schätzt, kaum einer wisse hier, dass er Schauspieler ist. Wie er die Hälfte des Jahres Texte lernt oder an seiner Kunst arbeitet. Denn Dinda veröffentlicht auch Gedichte und baut selbsterfundene Lyrikmaschinen, die er dann in interaktiven Ausstellungen zeigt, auch wenn er damit nicht seinen Lebensunterhalt verdient. Er entwirft Schmuck; einen kantigen, gelbgoldenen Ring mit 18 Karat trägt er selbst. Aber hauptsächlich ist er Schauspieler und etwa die Hälfte des Jahres auf Drehs. Gerade kommt er von Dreharbeiten zur zweiten Staffel von Das Boot, jener Sky-Serie, die die Geschichte des gleichnamigen Kinoerfolgs von Wolfgang Petersen weitererzählt. Die Rolle als Ingenieur ist für ihn ein Coup. Die Serie wurde mit Lob und Preisen überhäuft - auch international.

Seine eigene Karriere beobachtet er kritisch

Dinda antwortet ausführlich auf Fragen, nimmt sich viel Zeit, bietet Nüsse und Wasser an. Er lächelt oder lacht selten. Erst als er von Das Boot spricht und dem Millionenset, setzt er sich auf, fährt sich durch die Haare, grinst breit. Er hält einem sein Smartphone hin. Im etwas unscharfen Video steht er mit ein paar Männern auf dem Boot vor einem Greenscreen, von der Seite werden sie mit Wasser beschossen: "Der Wahnsinn!", sagt Dinda.

Er kann nicht klagen, das tut er auch nicht, er hat gut zu tun. Aber er beobachtet seine eigene Karriere kritisch. Lieber lehnt er eine Rolle ab, als in einem schlechten Film aufzutauchen. Gleichzeitig ist er auch Realist genug, um zu wissen, dass er sich nach drei, vier Monaten wieder nach Aufträgen umsehen muss. Er ist verheiratet, das zweite Kind ist geboren, eine größere Wohnung musste her. Außerdem gab es mal eine Phase in seinem Leben, die ihn gelehrt hat, nicht überheblich zu werden.

2006 kam Die Wolke in die Kinos und dass sein Leben dadurch eine schwierige Wendung nahm, darüber monologisiert er im Rückblick - wenn auch nachdenklich - ziemlich offen. Damals war er 23. Ein paar Jahre zuvor war er aus Backnang bei Stuttgart nach Berlin gezogen, er wollte Schauspieler werden, das stand schon seit der Theater-AG im Gymnasium fest. Er drehte ein paar kleinere Sachen, dann die Jugendromanverfilmung, in der er, als Gymnasiast, mit seiner Freundin vor einer radioaktiven Wolke flieht.

Fernsehpreis, Rote Teppiche, Geld - er war viel zu jung dafür

Der Film wurde sein Durchbruch. Dinda war plötzlich der gut aussehende Jungstar und Teenieschwarm. Er kann das gut in Filmen, charmant spielen: mal umsorgend wie in der Wolke, mal süffisant und arrogant wie in 23 Morde. Er lächelt dann ein Lächeln, das das Darunter im Verborgenen lässt. Ihm liegen Rollen starker, manchmal herrischer Persönlichkeiten, bei denen er große Gesten machen und auch mal Leute auflaufen lassen kann. Nur blieben eben die durchschlagenden Rollen seit Die Wolke aus.

Damals überreichte man ihm einen "New Faces Award", ein Jahr später erhielt er den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises. Er erlebte eine Zeit im Rausch. Rote Teppiche. Geld. Schöne Restaurants. Heute sagt er: "Die Aufmerksamkeit war verführerisch." Er war viel zu jung dafür, niemand bremste ihn, Familie, Freunde fehlten. Seine Schauspielausbildung in Berlin hatte ihn nicht auf die Regeln des Business vorbereitet. Manchmal wirkt er wie überfordert von seiner eigenen Präsenz. Wird er im Fernsehen interviewt oder soll ein Gedicht rezitieren, setzt er Pausen, schaut im richtigen Moment sehr nett. Er kann auch den Spaßvogel mimen. Um Kollegen aufzulockern, lief er am Set mal nackt herum. Aber wenn er nicht performen soll, wie hier im Hinterhof in Kreuzberg, wirkt er manchmal etwas ratlos mit sich selbst und müde vom Sich-beweisen-müssen.

Nach der Wolke nahm er vieles an, statt seine Karriere klug zu planen und auch mal ein Angebot auszuschlagen. Er wollte auf keinen Fall vergessen werden. "Aber bei mir hat sich damals eine große Traurigkeit eingestellt, wenn ich gemerkt habe, dass Filmprojekte nicht meinen künstlerischen Vorstellungen entsprachen", sagt er. "Das Reifen als Persönlichkeit und als Handwerker war nicht kongruent mit den Gesetzen, wie Fernsehen funktioniert."

Ein paar Rollen mochte er hinterher nicht, sie waren ihm ein bisschen peinlich. Welche, sagt er nicht. Er spricht dann von Rollen, für deren Art von Komik er heute zu alt sei. Man kann auf Kein Bund für's Leben von 2007 tippen: Spätpubertierende Bundeswehrrekruten lachen über Schwule, Frauen und mangelnde Männlichkeit.

Nach dem ersten Erfolg nimmt er viele Rollen an. Manche sind ihm hinterher ein bisschen peinlich

Rollen zu spielen, nur um seinen Lebensstandard zu halten, kam ihm irgendwann verlogen vor. Er zog aus seinem Loft in sein Atelier. In dem länglichen Raum lebte er ein Jahr, 120 Euro Monatsmiete, im Winter zog es durch die Fenster. Er steht jetzt in der Tür und zeigt in eine Ecke. Da, wo alles mit Werkzeug und Kisten vollgestellt ist, baute er ein Bett und hängte seine Anzüge. Auf der anderen Seite ein Schreibtisch, ein Fernseher. Damals habe er sich klargemacht, dass er sich nicht um jeden Preis verkaufen wolle. Aber daran, dass die Schauspielerei seine "große Liebe" ist, wie er sagt, hatte sich nichts geändert.

Er gilt als schwierig, das sagt er von sich selbst, auch, dass er kein typischer Adonis sei. Mittelgroß, kein Waschbrettbauch. Er spielte viele ernste Rollen. Abgründe fallen ihm leichter, dafür brauche er nur ein depressives Lied zu hören und komme in Stimmung. Für lustige Szenen müsse er sich "hochschrauben", das sei viel anstrengender. Doch um sein Image zu formen, will er jetzt "Leichtigkeit" transportieren. Wie in der Kinokomödie Ronny und Klaid. Eine durch und durch überdrehte Berliner Späti-Geschichte: Dinda und sein Kumpel wollen ihren Laden retten, schulden aber einem Mafioso 80 000 Euro. Also entführen sie potenziell reiche Kunden. Alberner Plot hin oder her - Dinda zeigt, dass er auch lustig kann. Er ist ja auch ein Sympath. Und vom Filmteam sei er absolut begeistert gewesen, versichert er. Nicht nur abliefern und Klappe halten, er war Teil einer Filmfamilie.

Nach vier Zigaretten im Innenhof will er los. In einem Marmorwerk ein paar Straßen weiter hofft er auf Material, als Nächstes will er einen Marmortisch bauen, möglichst viel mit den eigenen Händen. Im Werk angekommen, wieder ein Hinterhof, wühlt er minutenlang in einem Container mit Bruchstücken. Ab und zu hält er einem etwas hin und sagt, ohne aufzusehen, wie wunderschön der Stein sei. Am Ende schafft er fünf schwere Stücke weg.

Einem Journalisten sagte Dinda einmal, in der Zeit zwischen den Drehs wolle er bloß nicht nur rumsitzen. Er wird also, zurück im Atelier, den Marmor farblich mit anderem Material abstimmen und an den Formen feilen. Es ist für ihn eine weitere Möglichkeit sich auszudrücken. Doch umschwenken und nur noch im Atelier arbeiten würde er nicht. Denn Schauspielerei ist ja seine große Liebe. Und mit der Liebe kann es eben auf und ab gehen.

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