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Jan-Ole Gersters "Lara" im Kino:Das Elend eines nicht gelebten Lebens

LARA - Credits folgen von den Filmkollegen, jsl

Szenen eines Tages, der dann doch nicht der letzte war - Corinna Harfouch als "Lara" in Jan-Ole Gersters gleichnamigem Film.

(Foto: Studiocanal)
  • In Jan-Ole Gersters "Lara" spielt Corinna Harfouch auf großartige Weise eine Frau, die zu früh aufgab.
  • Der Film erzählt, was passiert, wenn man um seine Träume nicht kämpft.

Wenn sich im Kino ein Mensch gleich in der ersten Szene anschickt, seinem Leben ein Ende zu bereiten, dann ist das meist der Anfang einer schwarzen Komödie über den verzwickten Weg zurück ins Leben, in Filmen wie "Harold and Maude" oder "Ein Mann namens Ove". Aber komisch ist im Leben von Lara erst einmal gar nichts.

Wie sie so allein in ihrer kleinen Wohnung im Berliner Hansaviertel aufwacht, fehlt ihr ganz offenbar die Luft zum Atmen, die Energie zum Aufstehen. Dann fällt ihr Blick auf die Leere zwischen den Bücherregalen gegenüber, wo bis vor einer Weile noch ein Klavier stand. Ach, das Klavier. Und alle damit verbundenen, längst begrabenen Träume.

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Auf dem Tisch in der Küchennische, neben dem Aschenbecher, liegen zerknüllte Blätter: gescheiterte Versuche, einen Brief zu schreiben. Es gäbe viel zu sagen. Nur wie? Gegenüber im Regal ein Schwarzweißfoto von einer auch schon sehr ernsten, jungen Lara mit Baby, ihrem Sohn Viktor. Mit bleischweren Gliedern schält sich Lara aus dem Bett, öffnet die Vorhänge und das Fenster, holt einen Stuhl und schickt sich völlig undramatisch an, in die Tiefe zu springen.

In diesen Moment hinein schrillt ein Klingelton. Zwei Polizisten stehen vor der Tür, sie suchen einen Zeugen für eine Hausdurchsuchung bei einem Nachbarn und seinem in Drogengeschäfte verwickelten Sohn. Die Störung nimmt ihren Lauf, ein Protokoll wird angelegt, Personalien werden aufgenommen. "Alles Gute!", sagt der Beamte, als er Laras Personalausweis zurückgibt, und weiht seinen Kollegen ein: "Sie hat Geburtstag, den sechzigsten."

Kaum zwei Minuten sind vergangen, da meint man schon, sehr viel über Lara zu wissen

Es ist schon erstaunlich, wie viel man hier über ein Leben erfährt, ohne dass die üblichen, eher schwerfälligen Mittel der Exposition bemüht werden. Kaum zwei Minuten Filmzeit sind vergangen, da meint man schon sehr viel über diese Lara zu wissen. Das leitet sich aus der Textur des Ortes und den gedrosselten Regungen der Titelheldin ab, so konsequent und genau, dass man sofort in die Geschichte hineingezogen wird. Der Regisseur Jan-Ole Gerster vertraut auf die Sinnlichkeit der Orte und die Kraft spärlichster Dialoge, beides immer noch kostbare Eigenschaften im deutschen Kino.

Lara selbst umgibt sich mit einem Panzer des Schweigens, und wenn sie etwas von sich erzählt, sind es Halbwahrheiten oder glatte Lügen. "Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber ich habe viel zu tun", sagt sie zu den beiden Polizisten. "Danke, mir geht es sehr gut", zu einer ehemaligen Kollegin. "Mein Sohn erzählt mir alles", zu einer Ex-Freundin von ihm.

Diese kleinen, beiläufigen Bemerkungen und Beobachtungen am Rande sind es, die sich langsam zum Bild eines verpfuschten Lebens verdichten. Lara ist geschieden, frühpensioniert, ohne Freunde, kaum Kontakt zu ihrem Sohn. Den Traum vom Klavierspielen hat sie offenbar früh aufgegeben. Durch diesen Tag, an dem ihr Suizid vereitelt wurde, lässt sie sich nunmehr einfach treiben - und das Herzzerreißende ist, wie sie dabei Menschen, die ihr zugetan sind, von sich stößt, zugleich aber vergeblich um die Gefühle derer fleht, die sie schon längst vergrault hat.

Das klingt alles ziemlich hart, und so fühlt es sich auch an. Und es wäre schwer zu ertragen, wenn es nicht so souverän erzählt wäre, und nicht so nuancenreich, fein und ehrlich gespielt, wie Corinna Harfouch das tut. Dieser Schauspielerin können die Menschen gar nicht zu böse und niederträchtig sein, weil sie alles, was menschlich ist, ergründen will, weil sie hinter Missgunst und Niedertracht ganz schnell auch die Verletzungen und den Schmerz aufspürt, und also spürbar macht.

Sieben lange Jahre hat sich Jan-Ole Gerster Zeit gelassen, um von seinem vielfach ausgezeichneten Kinodebüt "Oh Boy", der Geschichte eines jungen Drifters an einem einzigen Tag in Berlin, in Schwarzweiß gedreht, endlich zu dieser "Lara" zu finden, seinem zweiten Spielfilm. Zufällig ergab es sich, dass auch dieser nun an einem einzigen Tag in der Hauptstadt spielt.

Das Drehbuch stammt von dem slowenischen Autor Blaž Kutin, und in gewisser Weise spielen er und sein Regisseur hier durch, was passiert, wenn man um seine Träume nicht kämpft. Was auch ihnen hätte passieren können, wenn sie sich zu schnell entmutigen oder vom Weg hätten abbringen lassen - eine Angst, die wohl jeder Künstler kennt. Auch Jan-Ole Gerster erinnert sich an "einige Professoren" an seiner Filmhochschule, "die es wohl gut gefunden hätten, wenn ich hingeworfen hätte" - damals, als sich der Druck um den Abschlussfilm langsam aufbaute.

Eine kleine Bemerkung reicht, um die Abgründe eines ganzen Lebens zu öffnen

Lara, das kommt im Lauf der Geschichte heraus, hat an diesem Punkt aufgegeben, und später ihre Träume auf ihren Sohn projiziert, in einer fürchterlichen Mischung aus Selbstzweifeln und dem eisernen Willen, künftig durch ihr Kind zu leben. Unter den vielen mehr oder weniger zufälligen oder beabsichtigten Begegnungen dieses Tages hätten viele eine eigene Filmerzählung verdient, weil eine kleine Bemerkung manchmal reicht, um die Abgründe eines ganzen schwierigen Lebens zu öffnen.

Da ist etwa ein dreizehnjähriger Junge, der in einem Raum in der Musikschule darauf wartet, dass sein Professor wiederkommt, und inzwischen mit seinem Smartphone hantiert. Lara ist zufällig anwesend und findet, er sollte besser üben. Was er denn gerade probe, hakt sie nach, mit einer Nonchalance in der Stimme, die man sofort als nur vorgetäuscht erkennt. Er solle es doch einmal vorspielen, fordert sie, da schon übergriffig, und das steigert sich dann immer mehr, bis sie auf monströse Weise den Takt klatscht, um ihn schließlich unerbittlich zu vernichten: Was für eine Blamage das für seine Eltern wird, am Tag des ersten Vorspiels!

Mehr muss man nicht sehen, um zu wissen, wie sehr auch Laras Sohn Viktor (Tom Schilling, nach der Hauptrolle in "Oh Boy", hier in einer sehr pointierten Nebenrolle) an dieser strengen, enttäuschten und vor allem sehr unglücklichen und unerfüllten Mutter gelitten hat, die auch seine Klavierlehrerin war. Und warum er ihr, an diesem Tag seines großen Konzerts, mit der Premiere eines selbstkomponierten Stückes, besser aus dem Weg geht.

Es ist faszinierend, wie viel in diesen nur vordergründig einfachen und zugleich fein austarierten Szenen steckt. Das gilt nicht nur für die Menschen und ihr Verhalten, sondern auch für die Orte, die immer wieder zum Seelenspiegel werden. Frank Griebes Kamera setzte Corinna Harfouch oft auf eine Weise ins Bild, dass sie wie eingesperrt erscheint, gefangen zwischen Linien, Kästen und Türenreihen. Wenn ein Bildgestalter, ein Drehbuchautor, ein Regisseur und eine Schauspielerin so zärtlich und neugierig auf einen verletzten, verkorksten Menschen blicken, dann kann man im Kino gar nicht anders, als gebannt hinzuschauen. Und am Ende gibt es sogar Zweifel der glücklicheren Art: Vielleicht ist es ja doch nie zu spät, seine Träume zu leben

Lara, D 2019 - Regie: Jan-Ole Gerster. Drehbuch: Blaž Kutin. Kamera: Frank Griebe. Mit: Corinna Harfouch, Tom Schilling. Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Maria Dragus, Edin Hasanović. Verleih: Studio Canal. 98 Minuten.

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