Fernsehen:ARD-Film über Amoklauf - die egoistische Wut

ARD-Film über Amoklauf: Die Stille danach

Eines Tages kommt der 14-jährige Felix mit einer geladenen Pistole in der Schule. Zurück bleibt seine Familie mit der Frage: Warum?

(Foto: MDR/ORF/Petro Domenigg)

Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Sohn fünf Mitschüler erschießt? Ein beeindruckender ARD-Film erzählt vom Zerfall einer Familie und vermeidet öffentlich-rechtliche Fernsehklischees.

TV-Kritik von Bernd Graff

Etwas ganz und gar Unerklärliches ist geschehen. Und es wird auch bis zum Ende dieses außergewöhnlichen Fernsehdramas unerklärlich bleiben. Doch müssen alle Beteiligten lernen, damit umzugehen, müssen versuchen, ihr Leben, das durch einen brutalen Einschnitt aus den Fugen gerät, wieder auf die Reihe zu bringen. Dass jeder und jede dabei völlig allein auf sich gestellt ist, gehört zu den verstörendsten Erkenntnissen dieser Geschichte.

Eigentlich war für die Roms alles perfekt gewesen. Eine Familie mit zwei Kindern. Michael, der Vater, ein ehemaliger Radsport-Profi, betreibt nun ein gut gehendes Fitnessstudio, Mutter Paula ist gerade zur Chef-OP-Schwester befördert worden. Die Tochter Flora bewirbt sich mit guten Chancen um die Aufnahme in eine Musikhochschule und Felix, ihr jüngerer Bruder, macht sich bestens auf dem Gymnasium. Kein Grund zur Sorge also. Meint man.

Doch eines Tages erscheint der 14-Jährige mit einer geladenen Pistole in der Schule, tötet fünf seiner Mitschüler, verletzt mehrere schwer und tötet dann sich selber. Mutter Paula eilt zum Tatort, in der Annahme, ihr Kind sei nicht der Täter, sondern selber dem Amoklauf zum Opfer gefallen. Erst nach und nach wird Gewissheit, dass ihr Kind zum Mörder wurde. Wie konnte es dazu kommen? Woher hatte es die Waffe?

Während die Suche nach plausiblen Erklärungen vor allem bei der unter Schock stehenden Paula zuerst jede Trauer unterdrückt, versucht Michael seine Gefühle mit Beruhigungsmitteln unter Kontrolle zu bringen. "Hier, nimm die Stimmungsaufheller. Sie helfen wirklich", versucht er Paula zu überzeugen. "Helfen?", fragt sie lakonisch und lässt ihn stehen.

Leugnung, Verwirrung, Absturz in Trauer

Es ist vor allem der großartigen Ursula Strauss, die Paula spielt, zu verdanken, dass dieses Drama unter die Haut geht. Sie spielt die anfängliche Leugnung der Tat, ihre zunehmende Verwirrung und endlich den Absturz in Trauer und Entfremdung von ihrem Mann ohne Hysterie und Überzeichnung, eher wie eine fassungslose Beobachterin ihrer selbst. Ganz so, als ob sie sich beim eigenen Zerbrechen zuschauen würde. Auch dem ihrer Familie.

Eine Folge der Bluttat ist die Ächtung der Roms als "Mörderbrut", so hat man es auf die Schaufenster des Studios gesprüht. Blutrote Farbe wurde über das Auto gekippt, täglich werden anonyme Hass-Briefe zugestellt, die Michael, gespielt von Peter Schneider, eiligst entsorgt, um seine Frau zu schonen.

Es stellt sich dann heraus, dass die Mordwaffe Michael gehört hat, dass Felix von seinen Mitschülern gemobbt wurde, es existieren sogar Schmähvideos im Netz. Insofern liefert der Film natürlich einige Angebote für mögliche Motive zu dieser ungeheuerlichen Tat, aber er will nichts wegerklären. Im Gegenteil: Wie Menschen an der Bürde wachsen, die Folgen einer solchen Tat auszuhalten oder womöglich daran zerbrechen; wie sie Zusammenhalt suchen, um Kraft für einen Neuanfang zu finden, oder die Kommunikation miteinander resigniert einstellen - das Drama innerhalb einer Familie also, ist sein Thema.

"Was passiert ist, nehmen wir überall hin mit"

"Es gibt immer nur deine Trauer", wirft etwa Flora einmal ihrer Mutter vor. Man rät der Familie dann, die Stadt zu verlassen und irgendwo neu anzufangen. "Was passiert ist, nehmen wir überallhin mit", sagt Paula.

Die Regie von Nikolaus Leytner, er hat auch das Drehbuch für diese ORF- und MDR-Produktion geschrieben, findet für die scheinbar unaufhaltsame Familiendystopie stets ruhige, behutsame, nie schreiende Bilder. So verzichtet Die Stille danach völlig auf die sonst übliche öffentlich-rechtliche Pädagogik, auf die so ermüdende Redundanz von gezeigten Bildern und gesprochenen Dialogen. Leytner vertraut dagegen dem Können seiner starken Darsteller. Das sähe man gerne öfter.

Das Drama endet dann keineswegs pessimistisch. Der Schluss deutet an, dass alle Beteiligten gewillt sind, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen - jeder für sich und jeder auf seine Weise.

Die Stille danach, ARD, 20.15 Uhr

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