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Ex-Torhüter und TV-Experte Jens Lehmann:"Spicken muss ich nicht"

Jens Lehmann als Sky Fußballexperte, 2010

2010 war Jens Lehmann noch bei Sky als Fußballexperte engagiert, nun beginnt der Ex-Nationaltorhüter bei RTL.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland startet Jens Lehmann seinen neuen Job als TV-Experte bei RTL. Im Gespräch redet der Ex-Nationaltorwart über seine Kollegen Netzer, Scholl & Kahn. Und bereitet Nationaltrainer Löw auf Kritik vor.

Von Laura Hertreiter

Jens Lehmann kommt mit dem Motorrad, und er kommt zu spät. Ein Radfahrer, Kopfsteinpflaster, blöde Sache. Verletzt sei niemand. Im Interview spricht der Ex-Nationaltorhüter mit helmzerzaustem Haar über seinen neuen Job als TV-Experte - er wird kommentieren wenn RTL ab 7. September die Qualifikationsspiele für die EM 2016 überträgt.

SZ: Herr Lehmann, bei der WM 2006 hatten Sie Spickzettel fürs Elfmeterschießen gegen Argentinien im Stutzen. Wo verstecken Sie die als TV-Experte?

Jens Lehmann: Brauche ich nicht. Ich sehe das Spiel ja direkt. Ich schaue mir vorher Spiele an und lese Statistiken. Aber das habe ich dann alles im Kopf. Spicken muss ich nicht.

Werden Sie mit Ihren Einschätzungen vor einem Massenpublikum die Zukunft des Fußballs mitbestimmen?

Für die 90 Minuten und vielleicht noch für die Schlagzeile am nächsten Morgen. Aber Medien allgemein und ich werden nie so beeinflussend sein, dass sich Dinge grundlegend verändern.

Sie werden in emotionalen Momenten vor der Kamera stehen. Haben Sie Angst, auch mal was Unbedachtes zu sagen?

Wenn die Mannschaften spielen, in denen ich früher war, ist das klar mitreißend für mich. Aber eigentlich ist ja sicher, dass Deutschland sich für die EM qualifiziert, das nimmt mir die Anspannung. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, nie persönlich zu werden.

Wird das nicht schnell langweilig?

Ich habe das Gefühl, es kommt heute besser an als früher, auch mal fachspezifisch zu sein. Heute reden ja auch Laien viel kompetenter über Fußball als noch vor zehn Jahren. Die Leute müssen sehen, ob sie meinen Stil mögen. Wenn nicht, kann es sein, dass ich eben schnell wieder weg bin. Das muss man einfach unemotional sehen.

Mehmet Scholl hat die Leistung von Mario Gomez einmal mit dem Satz kritisiert: "Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss." So was gibt's bei Ihnen nicht?

Nein, da würde ich sofort zum Telefon greifen und etwas richtigstellen. Ich möchte grundsätzlich keine Polemik reinbringen. Und wenn mir das mal passieren sollte, wäre das echt schlecht.

Haben Mehmet Scholl und Oliver Kahn ihre Sache bei der WM gut gemacht?

Was ich gesehen habe, hat mir gut gefallen. Bei Mehmet ist mir schon aufgefallen, dass er sich nach der Sache mit Gomez geändert hat und ein bisschen vorsichtiger geworden ist.

Wie war es früher als Spieler für Sie, von TV-Experten kritisiert zu werden?

Mich hat genervt, wenn nicht meine Leistung in einem Spiel bewertet wurde, sondern alter Kram mit angesprochen wurde. So was wie "Tolle Parade, aber vor zwei Spielen hat der Lehmann total versagt." Aber als ich noch Spieler war, gab es das noch kaum, dass andere Fußballer im Fernsehen kommentiert haben. Bei Länderspielen gab es den Kloppo, aber sonst ...

... Günter Netzer?

Ja, mit dem hatte ich mal einen Austausch. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, aber er hat sich bei einem Konkurrenzkampf zwischen Oliver Kahn und mir meiner Meinung nach sehr einseitig für den Oliver ausgesprochen. Damit habe ich ihn später sehr sachlich konfrontiert.

Fand er gut?

Ich glaube, mit etwas Abstand fand er das auch gut. Ich habe es ja nicht in einer anmaßenden Art und Weise gemacht und ihn nicht beleidigt.

Wird es wohl schwierig, ehemalige Kollegen und Freunde zu kritisieren?

Nein. Ich habe schon früher als Spieler heftig kritisiert, wenn jemand auf dem Platz nicht das gemacht hat, was er machen sollte. Da haben die Leute anfangs gesagt: "Was für ein Idiot." Bis sie gemerkt haben, dass ich das nur auf dem Spielfeld mache.

Bundestrainer Jogi Löw war auch Ihr Trainer. Ist es nicht merkwürdig, ihn jetzt öffentlich zu kritisieren?

Er kennt die Regeln: Er stellt Spieler auf, basierend auf ihrer Leistungsfähigkeit. Und wenn das nicht gut läuft, wird er kritisiert. Damit muss er klarkommen.

Sie haben einen Trainerschein und waren als Manager im Gespräch. Wie passt der TV-Job in Ihre Karrierepläne?

Sehr gut. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich schon diese Saison wieder zurück in den Fußball gehe. Das hat sich für mich als nicht so optimal herausgestellt. Aber ich könnte mir schon vorstellen, bei den Länderspielen vor der Kamera zu stehen und zusätzlich in einem Verein zu arbeiten.

Werden Sie dann wieder mit dem berühmten Hubschrauber anreisen?

Nein, ich werde dann vor Ort wohnen.

© Süddeutsche.de/sks/lala
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