"Das Mädchen" im Ersten Tod durch politische Untätigkeit

"Was geschah mit Elisabeth K.?", fragt das Erste im Film Das Mädchen.

(Foto: NDR)

Im Frühjahr 1977 wurde Elisabeth Käsemann von der argentinischen Junta gefoltert. Das war in Bonn bekannt, niemand griff ein. Eric Friedlers ARD-Film über den Fall macht noch vier Jahrzehnte später wütend.

Von Holger Gertz

Dass dieser Dokumentarfilm am 5. Juni gezeigt wird, ist eine absichtsvoll gesetzte Pointe in der Programmplanung der ARD. Am 5. Juni 1977 spielte die deutsche Fußballnationalmannschaft in Buenos Aires gegen Argentinien, Stadion La Bombonera. Deutschland, der amtierende Weltmeister, gewann 3:1. Es war ein Spiel, das nicht hätte gespielt werden dürfen. Die deutschen Fußballer, beziehungsweise ihre Chefs beim DFB, hätten das Spiel absagen sollen: Schon wenn sie damit gedroht hätten, nicht anzutreten, hätten sie vielleicht einen Menschen retten können. Aber weil niemand etwas gemacht hat, ist ein Mensch gestorben, Elisabeth Käsemann. Der Film von Eric Friedler erzählt die Geschichte einer Frau, die Menschen helfen wollte, aber sich nicht auf die Hilfe anderer verlassen konnte. Ein großer Film, er gibt der Wendung "Tod durch Unterlassen" ein Gewicht.

Elisabeth Käsemann, Tochter des kritischen Theologen Ernst Käsemann, hatte sich früh für Politik interessiert, sie ging nach Berlin, kam in Kontakt mit Rudi Dutschke. Die späten Sechziger: Käsemann wollte die Welt ein bisschen besser machen, und als sie erkannte, dass die Welt in Deutschland nur schwer besser zu machen sein würde, ging sie nach Lateinamerika. Bolivien, von 1971 an Argentinien. Sie studierte in Buenos Aires und arbeitete in den Slums; sie war schon lange kein Zaungast mehr, kein Durchreisender aus der deutschen Mittelschicht. Elisabeth Käsemann hatte sich entschlossen, in Argentinien zu bleiben. Es war ihr ernst. Sie schrieb ihren Eltern: eine Rückkehr in ihre Heimat, mit all den Luxusproblemen, könne sie sich nicht vorstellen.

Auch als General Videla 1976 putschte und das Militär die Macht übernahm, blieb sie, wurde Mitglied eines Netzwerks, das Verfolgten die Flucht ermöglichte. Im März 1977 wurde sie von Sicherheitskräften verhaftet und in das Lager El Vesubio verschleppt, wie Zehntausende andere Oppositionelle und Regimegegner wurde sie gefoltert. Schläge, Elektroschocks. Einer, der das Lager überlebt hat, sagt: "Wir lebten schlechter als ein Hund, schlechter als ein Schwein."

Es war Zeit, noch etwas zu tun

Das war im März 1977, bis zum Länderspiel waren es da noch ein paar Monate. Auf Druck der englischen Regierung war Diana Austin aus dem Lager freigekommen, eine enge Freundin Käsemanns, sie rief gleich bei den Eltern der Deutschen an. Das deutsche Außenministerium wurde noch im März informiert, der Fall war bekannt, im Gegensatz zu vielen anderen, in denen Menschen einfach verschwanden. Es war Anfang April, es war Zeit, noch etwas zu tun. Es geschah: nichts.

Die Fußballer, mit denen Friedler gesprochen hat, werden ausnahmsweise nicht als unpolitische Deppen dargestellt. Karl-Heinz Rummenigge, heute Boss beim FC Bayern, damals ein junger Stürmer, sagt: "Wenn wir gemeinsam, die Nationalmannschaft mit dem DFB und mit der deutschen Politik, da Druck gemacht hätten: Es wäre sicher möglich gewesen, dass man die Frau befreit hätte." Aber die Verantwortung des Fußballs ist kleiner, im Vergleich zu der Verantwortung von Politik und Diplomatie. Die späten Siebziger waren in Deutschland aufgeladen mit der Angst vor dem Terror der RAF. Und Käsemann, die linke Aktivistin, wurde von entscheidenden Menschen als Terroristin eingestuft, für die man sich nicht mehr als nötig einsetzen musste. "Ich glaube, sie wäre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen", sagt Jörg Kastl, damals deutscher Botschafter in Argentinien. "Sie war fanatisch. Ich glaube, dass sie zweifellos bereit war, eventuell auch als Terroristin von links das Regime anzugreifen."

Botschafter Kastl klingt wie eine Mischung aus Bild-Zeitung und dem berühmten Mann von der Straße, wenn er sagt, dass es diesen langhaarigen Linken ja eigentlich ganz recht geschieht, wenn sie mal Bekanntschaft machen mit der strengen Hand. "Sie gehörte zweifellos zu den argentinischen 68ern, die ja manchmal auch vor wenig zurückgeschreckt sind", sagt Kastl, er kolportiert und unterstellt und behauptet; ein zynischer und kalter alter Mann. Inzwischen ist er gestorben.