"Dark" auf Netflix:Trotz aller Kritik: Man bleibt dran

Dark trägt ganz schön auf. Nie wird es hell und immer regnet es, in Strömen selbstverständlich. Wer gerade ein privates Drama durchmacht - also jeder - steht grundsätzlich ohne Kapuze im Nassen. Nur den geheimnisvollen Bärtigen, der aus einer Höhle im Wald zu kommen scheint, sieht man fast ausschließlich mit Kapuze, selbst dann, wenn es nicht regnet. Wenn Teenies in der Umkleidekabine Sex haben, sieht das aus wie in Fifty Shades of Grey. Und der Soundtrack des Isländers Ben Frost ist toll - aber eben auch ständig zu hören; als könnte man dem Zuschauer nicht zumuten, selbst herauszufinden, welche Emotion gerade opportun wäre.

Trotz aller Kritik, und darauf kommt es vor allem an: Man bleibt dran. Man will wissen, wie Geschichte ausgeht, die so rätselhaft ist, dass sie im herkömmlichen linearen Fernsehen mit seinen wöchentlich wiederkehrenden Sendeplätzen tatsächlich niemals laufen würde.

Dass man weiterschaut, liegt auch an der hervorragenden Besetzung (Casting: Simone Bär). Netflix habe den Kreativen dabei freie Hand gelassen, sagt Odar. Für das deutsche Redakteursfernsehen ist das eher unüblich, für den internationalen Streamingdienst aber folgerichtig: Deutsche Schauspieler kennt in Sao Paolo oder Seoul sowieso keine Sau, da ist es im Prinzip auch egal, wer mitspielt - Hauptsache, Person und Rolle passen zusammen. So konnten Odar und Friese ein ausladendes Ensemble aus bekannten (Jördis Triebel, Angela Winkler, Michael Mendl) und neuen Gesichtern versammeln. Die Hauptrolle spielt der nicht mehr ganz so unbekannte Louis Hofmann, aber auch die Namen der noch fremden jungen Schauspieler sollte man sich merken: Lisa Vicari, Moritz Jahn, Ella Lee und Paul Lux - und das ist höchstens ein Siebtel des insgesamt vielleicht etwas groß geratenen Ensembles.

Die Kamera sucht düstere, gemäldeartige Motive, in denen die Figuren verloren wirken

Eindrucksvoll sind auch die Bilder. Als Stilvorbild für Dark habe ihnen das Werk des amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson gedient, sagen Friese und Odar: düstere, gemäldeartige Motive, in denen die kleinen Figuren verloren wirken. Kameramann Nikolaus Summerer ist es gelungen, diese ganz spezielle Atmosphäre in opulente Bilder umzusetzen, die man so im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat - vielleicht auch deswegen, weil die distanzierte, gestochen scharfe Ästhetik mit dem vertrauten Blick auf die Welt kaum etwas zu tun hat. So gibt es in Dark zum Beispiel praktisch keine Close-Ups.

Ob das genug ist, damit im Jahr 2050 jemand zurückblickt und sagt: "Weißt Du noch 2017, als Dark das deutsche Fernsehen revolutioniert hat?" Vermutlich nicht. Für unsere Zeit jedoch ist das, was Dark hier zeigt, ganz schön fortschrittlich.

Dark, abrufbar bei Netflix*

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© SZ vom 01.12.2017/luch
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