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Claus Theo Gärtner hört als Josef Matula auf:Anrüchiges Mandat, findiger Matula

Wenn am 29. März die 300. und letzte Folge von Ein Fall für zwei läuft, wird es sich nicht vermeiden lassen, die Serie nach dem zu befragen, was sie von anderen unterschieden hat, nach dem Geheimnis ihres Erfolgs und ihrer Zählebigkeit. Wir leben ja mit einem Fernsehen, das von vielen nur noch als eine riesige Krimi-Schleuder wahrgenommen wird. Wohin man schaut: Kommissare. Es gibt Kommissare, die in Skandinavien Dienst tun und sich mit den grässlichsten Scheußlichkeiten herumschlagen müssen. Es gibt Kommissare, die in Venedig arbeiten, morbides Zeug aufklären und vom Sergente Vianello vor Üblerem behütet werden. Und es gibt deutsche Kommissare. Mittlerweile haben wir fast für jeden Landkreis ein Paar, und wo es ihnen thematisch zu dünn wird, rumpeln sie mit respektive in ihren Beziehungskisten.

Im Vergleich zu dem oft gewaltig Aufgeplusterten, ja Aufgedonnerten, mit dem sich diese Krimis voneinander abzusetzen suchen, war Ein Fall für zwei immer Hausmannskost, um nicht zu sagen Graubrot. Gärtner selbst bringt es, aus der reichen, aber nicht notwendigerweise bunten Fülle seiner Matula-Jahre heraus, auf diesen Nenner: Da sitzt einer in U-Haft und ist unschuldig, und das muss bewiesen werden. So überschlägig das klingt, so richtig ist es grosso modo, und in der Tat will es einem in der Rückschau vorkommen, als könnte man selbst so ein Musterdrehbuch verfassen, eine Art Passepartout für weitere 300 Folgen. An Kernelementen wäre zu verarbeiten: dass dem Anwalt wieder mal ein auf den ersten Blick anrüchiges Mandat zufällt, dass es wieder mal an Matula liegt, entlastendes Material zu beschaffen, und dass er dabei in allerlei Schwulitäten gerät, dass die Sache Spitz auf Knopf steht, aber dank Matulas Findigkeit in letzter Minute gut ausgeht, und dass beide, der Anwalt wie auch Matula, zwischen den Einsätzen immer wieder Zeit für Frotzeleien oder misslingende Kochereien finden.

Werner Kließ, der den Fall für zwei in den Anfangsjahren beim ZDF als Redakteur betreute (und später auch einige Drehbücher verfasste), hat dessen Charme und Erfolg einmal mit der "Bizarrerie" erklärt, dass die Serie aus der linken Ecke stammte und damit für seinen Sender fast eine Zumutung war. Links bedeutet in diesem Zusammenhang, dass schon der Anwalt kraft seines Amts auf der Seite des Verbrechens steht und dass dieser Josef Matula nicht nur eine etwas krumme Biografie hat, sondern auch beruflich hie und da die Augen fester zudrückt, als er eigentlich dürfte.

Die Anwälte wechselten, Matula ist geblieben. Sein Darsteller hat es sich angewöhnt, ihrer beider Wesensähnlichkeit als bedenkenswertes Faktum im Raum stehen zu lassen, notfalls mit biografischen Details zu unterfüttern. So steuert er auch jetzt, da wir bei Matulas leicht schadhaftem Leben stehen, eine markante Jugendsünde bei, und er referiert sie mit weithin tragender Stimme so, dass die ganze Lobby der Trois Rois mithören könnte, wenn sie denn wollte. Gärtner war als Heranwachsender in Oberhausen ein Cliquenmensch, "mit Härz und Seel drbii", wie die Fans des FC Basel sagen, und zu diesem Mit-Herz-und-Seele-Dabeisein gehörte es, dass man auch mit der Obrigkeit in Konflikt geriet. Im Rahmen seiner rauen Sozialisierung kam der junge Mann in den Genuss eines einwöchigen Jugendarrests, den er in Remscheid abdiente, und zwar mit Stolz, weil die anderen Burschen auch schon dort waren oder gewesen waren.

Das Leben vor dem Tod, wie wird es aussehen? Nun, Gärtner war zeitlebens ein Mann des Motorsports, und so ist es nur konsequent, dass er nach Abwicklung des Falls für zwei zusammen mit seiner Frau in die Welt fahren wird, zunächst ins Baltikum, dann in die Mongolei und nach China, in einem zum Wohnmobil umgebauten 12,5-Tonner mit Allradantrieb. Was sich sonst noch auftun könnte, darüber redet er nicht. Dafür erzählt er, dass er, um bei den Pfadfindern genommen zu werden, auf Messdiener lernen musste und dass er heute noch - und ehe man sich's versieht, rattert er die Stellen aus dem Stufengebet herunter, die unter Ministranten als großes Latinum gelten: "Ad Deum, qui laetificat juventutem meam . . . quia tu es, Deus, fortitudo mea, quare me repulisti . . ."

Ermittler-Urgestein: Josef Matula

Ein Fall für Einen

"Na, dann verkleide ich mich mal wieder", sagt Claus Theo Gärtner schließlich und greift zum Hut. Und weil er immer auch noch Matula ist, der stets klamme Detektiv, fügt er hinzu: "Das da" - gemeint ist sein Tee - "übernimmt doch sicher Ihr Verlag." Mal sehen, Josef, mal sehen.