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Personalwechsel bei der ARD:Nachfolgerin mit Vorgeschichte

Degeto-Chefin Strobl

Die 49-Jährige Christine Strobl wurde am Donnerstag von den ARD-Intendanten zur Programmdirektorin ernannt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als neue Programmchefin bei der ARD übernimmt Christine Strobl einen der mächtigsten Posten des Senders. Bewiesen hat sie sich bereits - durch ein Händchen für kreative Leute und sehr viel Durchhaltevermögen.

Von Katharina Riehl

Wer immer wieder dieselben Fragen gestellt bekommt, reagiert irgendwann bockig - oder entwickelt für sich ein hübsches Repertoire an schlagfertigen Antworten. Als Christine Strobl, wenige Tage bevor sie im Sommer 2012 ihren Posten als Geschäftsführerin der ARD-Produktionstochter Degeto antrat, im Spiegel-Interview wieder einmal auf ihren bekannten Mann und ihren berühmten Vater angesprochen wurde, da sagte sie: "Wessen Frau oder Tochter ich bin, spielt für meinen Beruf keine Rolle. Die einzige Überschneidung von Familie und Job ist, dass in meinem Büro ein Foto meiner Großeltern steht."

Nun tritt Christine Strobl wieder einen neuen Job an, der noch einflussreicher ist als der letzte, weshalb hier nicht schon wieder groß die Rede sein soll vom Vater (der heißt Wolfgang Schäuble, ist CDU-Politiker und Präsident des Bundestags) und dem Ehemann (der heißt Thomas Strobl, ist auch CDU-Politiker und Innenminister in Baden-Württemberg), sondern von ihr. Die 49-Jährige wurde am Donnerstag von den ARD-Intendanten zur Programmdirektorin ernannt, als Nachfolgerin von Volker Herres verantwortet sie von April 2021 an das Erste Deutsche Fernsehen und die Mediathek.

Sie rückt damit auf einen der mächtigsten Posten in der ARD, und man muss diese Personalie im Zusammenhang damit sehen, dass sie 2012 einen der undankbarsten übernommen hatte. Als Strobl zur Degeto kam, galt die Firma als eine einzige Großbaustelle, inhaltlich wie wirtschaftlich. Als sogenannte Süßstofffabrik der ARD war die Degeto bekannt als Produzentin allzu seichter Filme und Serien, in denen schöne Frauen jede Woche nach 90 Minuten in die Arme von schönen Männern sanken und zwischendrin noch das alte Gestüt des Großvaters vor der Pleite bewahrt hatten. Dazu kam, dass Strobls Vorgänger das Budget der Firma über Jahre hinweg verplant hatte, damals ein riesiger Skandal, so dass sie erst einmal einen strengen Sparkurs verordnen musste. Sie selbst sprach von "Handlungsbedarf", andere sahen den Job eher als Himmelfahrtskommando und unkten, dass sie wohl nicht lange durchhalten werde.

Strobl erweiterte das thematische Repertoire - zum Beispiel um die Beteiligung an "Babylon Berlin"

Christine Strobl aber hielt durch, sie führte die Degeto aus der finanziellen Misere, erweiterte das thematische Repertoire, holte gute, kreative Leute nach Frankfurt und schaffte es zum Beispiel mit der Beteiligung am Prestigeprojekt "Babylon Berlin", das Image der ARD-Tochter sehr deutlich aufzubessern.

Kaum verwunderlich also, dass Strobls Name zuletzt öfter fiel, wenn in der ARD wichtige Posten zu vergeben waren - am häufigsten, als vergangenes Jahr ein Nachfolger für den SWR-Intendanten Peter Boudgoust gesucht wurde. Strobl aber lehnte ab, der Job sei mit der Rolle ihres Mannes in Baden-Württemberg nicht zu vereinbaren.

Strobl wusste wohl, warum sie so entschied, denn diese Debatte gab es bereits 2010: Als die Juristin nach Stationen im Hörfunk, dem Büro der Intendanz und als Abteilungsleiterin im Kinder- und Familienprogramm zur Spielfilmchefin des SWR ernannt wurde, glaubten manche an politisches Gemauschel. In einem anonymen Brief an den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck wurde "CDU-Filz" beklagt. Sie hat das nach außen stets mit Gleichmut hingenommen, die Trennung von Beruf und Privatleben betont, letzteres aber auch nie zu verbergen versucht. "Durch die Baumwipfel auf dem Wartberg bei Heilbronn weht eine leichte Brise. Christine, 43, und Thomas Strobl, 54, schlendern Hand in Hand zum Bunte-Interview", dichtete das Münchner People-Magazin im Jahr 2014.

Strobls Vorgänger Volker Herres hatte zuletzt von sich Reden gemacht, als er in einem Interview bezweifelte, dass Deutschland geeignete Frauen habe, um eine große Samstagabendshow zu moderieren. Die Häme war groß. Für seine Nachfolge hat sich nun jedenfalls eine geeignete Frau gefunden.

© SZ vom 25.09.2020/tmh

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