Amtseinführung des US-Präsidenten:Journalisten in Kampfmontur

U.S. Capitol ahead of President-elect Joe Biden's Inauguration

Ein Senderteam an diesem Montag in Washington vor einer Sicherheitssperre durch Lkws.

(Foto: Caitlin Ochs/Reuters)

Gasmaske und schusssichere Westen: Wie sich Medien in Washington auf die Amtseinführung von Joe Biden vorbereiten.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Man will lachen über dieses Foto, das Sarah Wire verschickt hat, weil es ulkig aussieht - wenn es nicht so traurig wäre. Wire ist die Washington-Korrespondentin der Los Angeles Times, und sie ist nun in ihrer Wohnung zu sehen, wie sie eine Gasmaske trägt und in die Kamera starrt. Der Newsroom ihrer Zeitung hat ihr diese Maske geschickt, dazu eine kugelsichere Weste und einen Helm - Dinge, die sie davor nie getragen hat, sie ist politische Korrespondentin und keine Kriegsreporterin.

Die Gewerkschaft gibt Tipps, was zu tun ist, wenn Schüsse fallen sollten

Wire wird von der Vereidigung Joe Bidens als US-Präsident an diesem Mittwoch berichten - gewöhnlich ein Routinetermin für erfahrene Journalisten, doch was ist schon Routine in diesen Tagen? Am 6. Januar hatten Anhänger von Donald Trump das Kapitol in Washington gestürmt und dabei auch mindestens neun Journalisten - die sie, wie Trump, "Feinde des Volkes" nennen - verletzt sowie ihr Equipment demoliert. Die Bundesbehörde FBI warnt seitdem vor Ausschreitungen in allen 50 Bundesstaaten, die Hauptstadt wurde inzwischen zur Festung gemacht. Einwohner berichten davon, dass mehr Soldaten zu sehen seien als Nachbarn. Wegen all der Zäune, Absperrungen und gepanzerten Lastwagen sehe es weniger nach festlicher Vereidigung aus als vielmehr nach Kampfzone.

Das ist selbst für routinierte Hauptstadtjournalisten ungewohnt, viele von ihnen bekamen nicht nur Kampfausrüstung zugesandt. Der Medienkonzern Gannett, zu dem die überregionale USA Today und mehr als 100 Lokalzeitungen gehören, hielt am vergangenen Mittwoch eine Videokonferenz mit 3000 Mitarbeitern ab, um sie auf mögliche Ausschreitungen vorzubereiten. Einer der Redner war Jarrad Henderson, der afroamerikanische Fotograf war am 6. Januar dabei: "Ich weiß nicht, ob ich als schwarzer Journalist ein ganz besonderes Ziel darstelle. Es ist ermüdend, es gab Drohungen. Was ich nicht vergessen kann: die Worte 'Ermordet die Medien', gesprüht an die Seite des Kapitols."

Jetzt muss ein Wintermantel her, unter den die kugelsichere Weste passt: "Wie absurd ist das eigentlich?"

Die Gewerkschaft Radio Television Digital News Association hat eine Webseite erstellt mit Tipps, wie sich Journalisten verhalten sollen (zum Beispiel: die richtige Schutzausrüstung tragen) oder was zu tun ist, wenn Schüsse zu hören sind. In einem Videoseminar wird Journalisten geraten, sich offensiv als Pressevertreter zu identifizieren, aber: Bitte die Akkreditierung nicht um den Hals tragen, man könne sonst bei einer Rangelei erdrosselt werden. Buzzfeed-Reporter Paul McLeod dagegen sagte dem TV-Sender CNN, dass er sich keinesfalls als Journalist zu erkennen geben wolle: "Der Unterschied zu anderen Trump-Veranstaltungen bestand am 6. Januar in Aggression und Gewaltbereitschaft. Ich habe es mit Mühe rausgeschafft, weil ich mich an diesem Tag als Journalist vorgestellt hatte - das werde ich nicht mehr tun."

Es gibt also keine zentral koordinierte Vorbereitung für alle Journalisten, weshalb zum Beispiel der Kabelsender Cheddar jedem Reporter einen Bodyguard zur Seite stellen will. Wie verrückt das alles ist, das hat Katie Mettler von der Washington Post wohl am besten zusammengefasst. Sie schrieb auf Twitter: "Ich habe mir gerade einen neuen Wintermantel gekauft, der über die kugelsichere Weste passt, damit ich sicher (und warm) von der Amtseinführung des nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten berichten kann. Wie absurd ist das eigentlich?"

Zur SZ-Startseite
Tom Hanks

Medienkolumne "Abspann"
:Der Neidfaktor

Die Show zur Inauguration von Joe Biden wird am kommenden Mittwoch alles übertreffen, was es an Fernsehprogramm in den USA je gab.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB