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Gleichberechtigung:Freiwilliges soziales Ja

Das BBC Hauptgebäude in London. Innerhalb eines Jahres haben 500 Teams den Vorsatz einer geschlechtergerechten Aufteilung erfüllt.

(Foto: AFP)

Geschlechtergerechte Verteilung ohne Quote, geht das? Die BBC stellt die Ergebnisse ihrer 50:50-Initiative vor und zeigt: Es geht sogar sehr schnell.

Vor 97 Jahren, als eine Gruppe von Radioherstellern BBC ins Leben rief, wäre unvorstellbar gewesen, was sich in der britischen Rundfunkanstalt nun ganz plötzlich getan hat. In vielen Bereichen arbeiten 50 Prozent Frauen, hinter und vor Kameras und an Mikrofonen. Jetzt verkündete Intendant Tony Hall eine erste Bilanz, die zeigt: Ein solcher Wandel ist nicht nur möglich - er kann auch auf freiwilliger Basis extrem schnell gelingen.

Mittwochabend, Broadcasting House, das Hauptquartier der altehrwürdigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in London. Ein schlichter Empfang, Stehtische, kein Glamour, es geht hier nur um die Ergebnisse. Mehr als 500 Teams hatten sich vor einem Jahr der Initiative zur Gendergerechtigkeit angeschlossen, mit dem Ziel, mehr Frauen an der Berichterstattung zu beteiligen. Dabei geht es der BBC nicht nur um Gerechtigkeitsfragen, sondern auch ums Geschäft: darum, ein weibliches Publikum anzusprechen, für Zuschauerinnen attraktiver zu werden und so die Quoten zu verbessern.

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Wie Tony Hall verkündet, hatte im April 2019 jedes einzelne der BBC-World-News-Teams, die ihre Berichterstattung in den vergangenen zwölf Monaten analysiert hatten, eine Quote von 50 Prozent an weiblichen Mitwirkenden. Insgesamt konnten 74 Prozent der teilnehmenden Redaktionen Sendungen produzieren, die zur Hälfte von Frauen gemacht wurden. "Diese grundlegende Veränderung innerhalb eines Jahres ist erstaunlich", sagt Hall, "man kann es überall in unserem Programm sehen und hören."

Wettbewerb statt Quote

Die Idee hinter der Initiative: Jeden Tag sollte das Programm der BBC-Sender hinsichtlich der Zahl der Reporter sowie Reporterinnen und der Protagonisten und Protagonistinnen der Beiträge analysiert werden - und eine gleichberechtigte Verteilung erreicht werden. Die Idee dazu hatte Rus Atkins, Moderator der Nachrichtensendung Outside Source, als er 2016 eine Nachrichtensendung im Radio hörte, in der keine einzige Frau zu Wort kam. Er beschloss, etwas dagegen zu unternehmen, dass Frauen im Journalismus gnadenlos unterrepräsentiert sind und startete mit Kolleginnen und Kollegen das 50:50-Projekt. Atkins betont seither, dass der Prozess ein "grassroots-movement", ein aus der Basis gewachsenes Projekt sei - von Seiten des Managements zwar unterstützt, aber niemandem aufgezwungen. Atkins präsentiert an diesem Abend in London auf angenehme Weise nicht stolz sich selbst, sondern die Ergebnisse seiner Idee. Der Moderator gehört einer Generation an, die alt genug ist, um glaubwürdig zu sein - und jung genug, um nicht als der Vatertyp rüberzukommen, der sich für Genderbelange einsetzt, weil er alle Erfolge schon gefeiert und nichts mehr zu verlieren hat.

Vor zwölf Monaten rief BBC-Intendant Hall dann zur stationenübergreifenden "challenge" auf, zu einem Wettbewerb - eben nicht zur Quote. Genau darin könnte der feine Unterschied liegen: In den vergangenen zwölf Monaten haben sich mehr als 500 Teams der BBC zur freiwilligen Teilnahme an der Erfüllung des Gender-Ziels beteiligt. Dabei sollte ein Ausgleich der Geschlechterverhältnisse innerhalb der Redaktionen genauso stattfinden wie bei der Befragung von Experten.

Das Ergebnis hat sichtlich auch die Initiatoren überrascht: Während zur Zeit des Aufrufs nur 27 Prozent der Teams ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in den Beiträgen vorweisen konnten, waren es im April 2019 bereits 74 Prozent. Unter den teilnehmenden Teams sind die Mitarbeiter der BBC-Vorzeigeprogramme The Andrew Marr Show, BBC Breakfast und Politics Live. Rebecca Bailey, Redakteurin der TV-Sendung Outside Source, sagte, man sei sich immer einig gewesen: "Es soll immer der beste Gast auftreten - und nicht nach Quote entschieden werden."

Eine besondere "Überraschung" ist laut Hall, dass sich auch in Sportredaktionen und beim Sender BBC Arabic das Geschlechterverhältnis angleicht. Wo man früher der Ansicht war, es gebe nicht genug qualifizierte Expertinnen für Beiträge wie Interviews, stellte sich innerhalb des vergangenen Jahres heraus: Es gibt sie - wenn man ihnen die Möglichkeit bietet, sich zu äußern. Damit entlarvte die BBC mit ihrem Projekt das vielleicht gängigste Gegenargument gegen eine geschlechtergerechte Verteilung als nicht haltbar. Bis 2020 will die BBC ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis über die gesamte Sendebandbreite - Radio, Fernsehen, Digital - erreichen. Wegen der Erfolge binnen eines Jahres arbeitet die BBC nun mit 20 anderen Medienorganisationen, die die Initiative für ihre Häuser übernehmen wollen - darunter der Sender ABC News und die Financial Times. Laut einer BBC-Studie nehmen vor allem das weibliche und das junge Publikum die Veränderung in den Programmen bereits jetzt positiv wahr. Wie die Nachrichtendirektorin Fran Unsworth sagt: "Es geht um nicht weniger als um einen Kulturwandel."

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