"Nussknacker"-Shows:Snobby oder stylish

"Nussknacker"-Shows: Niemand soll hier aus dem Rahmen fallen - Szene aus "On Pointe" auf Disney Plus.

Niemand soll hier aus dem Rahmen fallen - Szene aus "On Pointe" auf Disney Plus.

(Foto: Disney Plus)

Zwei Shows zeigen, wie unterschiedlich Tanzschulen mit dem weihnachtlichen "Nussknacker" umgehen.

Von Dorion Weickmann

Corona hat amerikanische Ballettkompanien an den Rand des Ruins getrieben: Kaum Staatsgelder und null Erlös am Box Office reichen, um selbst renommierte Ensembles wie das New York City Ballet (NYCB) existenziell zu gefährden. Von San Francisco bis Miami soll sich nun digital wenigstens der traditionsreiche "Nussknacker" lukrativ vermarkten lassen. Der Ballett-Klassiker gehört zur weihnachtlichen Folklore wie der Truthahn zu Thanksgiving. Ganze Familienverbände stürmen alljährlich die Theater und träumen sich mit der kleinen Klara und ihrem hölzernen Galan um die halbe Welt.

1892 hat der Choreograf Marius Petipa die Tanz-Saga mit allerlei exotistischen, heute kritisch beäugten Fantasien illustriert. Mal mehr, mal weniger Kolonialkolorit tragen auch viele Nachfolgeproduktionen, etwa George Balanchines "Nutcracker", seit 1954 der Renner beim NYCB und stets mit Schülern der angegliederten School of American Ballet (SAB) im Ensemble. 2019 hat Disney den schulischen Vorlauf zum Kassen-Klingelingeling beobachtet und in die sechsteilige Dokuserie On Pointe gepackt, die nun auf Disney Plus zu sehen ist. Konkurrent Netflix kontert mit Hot Chocolate Nutcracker. In der Dokumentation bereitet Allroundtalent Debbie Allen die gleichnamige Tanzshow - seit 2008 das Gegenmodell zum Ostküsten-Glamour - vor und besetzt sie jedes Jahr mit einer etwa zweihundertköpfigen Ballett-trifft-Hiphop-trifft-Bauchtanz-Allianz. Hier Los Angeles, dort New York - da geht es nicht nur um ästhetische Differenzen, sondern um daseinsphilosophische Distinktion. Snobby oder stylish, das ist hier die Frage.

"On Pointe" liefert erstklassige PR, ohne eine einzige kritische Nachfrage

On Pointe schmückt sich mit einer Legion strebsamer Ballett-Zöglinge, deren pastellfarbene Trikots den Betriebsmodus der SAB widerspiegeln. Nichts und niemand soll hier aus dem Rahmen der "Elite" fallen. Unterrichtet wird auf der Grundlage jener neoklassischen Tanztechnik, die Schulgründer George Balanchine perfektionierte: ein dynamisches, hochmusikalisches Tanzen, virtuos, aber ohne akademische Steifheit. Im Übrigen huldigte der Mentor dem Credo "Ballet is Woman", was die Protektion blutjunger "Babyballerinen" einschloss - ein Verhalten, das heute unter "Me Too" fiele.

2017 geriet sein Nachfolger Peter Martins tatsächlich unter Machtmissbrauchsverdacht und trat zurück. Die Entourage aber blieb in Amt und Würden und malt die SAB-Welt für die Disney-Serie in allerfreundlichsten Farben. Kein Wort über den Skandal, die Folgen, die Lehren daraus. Keine Einlassung zu Didaktik und Methodik, kein Blick auf andere Tanzstile und berufliche Alternativen für Schüler, für die das Ballett-Korsett irgendwann nicht mehr taugt. Stattdessen gibt es undurchsichtige Aufnahmeprozeduren, zwiespältige Unterrichtseindrücke und ein "Nussknacker"-Casting, das aus der Zeit gefallen erscheint: mit Mutti-Kränzchen auf dem Korridor, Pädagogengeflüster - "schöne Füße, aber sehr groß" - im Studio und eifrigen Kinderdarstellern, die eigentlich nur in eine Inszenierungsschablone eingepasst werden. Mit Kunst hat diese "Nussknacker"-Nachfertigung eher wenig zu tun, mit Kommerz dagegen viel.

Debbie Allen with dancers, Destiny Wimpye and Jalyn Flowers

Debbie Allen mit zwei Tänzerinnen bei den Vorbereitungen zum "Hot Chocolate Nutcracker".

(Foto: Netflix)

Zwar bohren auch die Macher der Hot Chocolate Nutcracker-Doku nicht investigativ nach. Aber Debbie Allen und die Crew ihrer kalifornischen Dance Academy operieren derart offenherzig mit den eigenen Stärken und Schwächen, dass bloßes Kameradraufhalten genügt. Die Tänzerin, Choreografin, Schauspielerin und Produzentin, die 1980 mit dem Leinwand-Dancical Fame - Wege zum Ruhm den Durchbruch schaffte, nimmt kein Blatt vor den Mund und liest schwatzhaften oder saumseligen Eleven unverblümt die Leviten. Dabei wirkt "Ms. Allen" - zweifache Mutter, Ehefrau und multiprämierte Künstlerin - rundum authentisch und davon überzeugt, dass Kids of Color (wie sie selbst eines war) die Chance kriegen sollen, zu tanzen und dabei "fürs Leben zu lernen: Egal, was du tust - gib dein Bestes". Ihre Schule setzt nicht auf ideale Körper, edle Linien oder ein selbstbezügliches System à la SAB, sondern auf Empowerment, Style und Selbstakzeptanz, was im O-Ton einer Schülerin bedeutet: "Ich muss aufhören, mir selbst gegenüber das Opfer zu spielen." Am Ende zählt der Reifeprozess, nicht das Abschlussdiplom. Die Einnahmen jeder Hot Chocolate Nutcracker-Ausgabe werden denn auch in die nächste Generation investiert, in Stipendien und Workshops.

On Pointe endet mit der Covid-Krise, Hot Chocolate Nutcracker mit einem Profi-Vertrag für eine von Allens selbstkritischsten Schülerinnen. Snobby oder stylish - unterhaltsamer anzusehen ist jedenfalls der buntscheckige Nussknacker aus Los Angeles.

"On Pointe" auf Disney Plus, "Hot Chocolate Nutcracker" auf Netflix

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