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Aufzeichnung des ZDF-Jahresrückblicks:Gottschalks öffentliche Trauerarbeit

Knapp eine Woche nach Samuel Kochs Stunt-Unfall kehrt Thomas Gottschalk auf die öffentliche Bühne zurück. Bei der Aufzeichnung von "Menschen 2010" spricht er mit dem Vater des 23-Jährigen und kann verkünden: Es gibt "Zeichen der Besserung".

Angespannte Stimmung in München-Grünwald: Rund 840 Zuschauer in der Studio-Halle 9 auf dem Bavaria-Gelände und ein Heer von ZDF-Mitarbeitern, denen die Nervosität ins Gesicht geschrieben ist, warten auf den Mann, der bis vor einer Woche noch als unerschütterbare Frohnatur galt.

Aufzeichnung der ZDF-Sendung 'Menschen 2010'

Moderator Thomas Gottschalk präsentierte den ZDF-Jahresrückblick nicht wie gewohnt in einem extravaganten Outfit, sondern diesmal in einem dezenten taubengrauen Anzug.

(Foto: dpa)

Bei seinem ersten Auftritt nach dem Stunt-Unfall des 23-jährigen Samuel Koch vor laufenden Wetten, dass..?-Kameras tritt Thomas Gottschalk erstmalig wieder auf die öffentliche Bühne - und macht nicht nur sein traumatischstes Jahreserlebnis zur Hauptsache.

Sichtlich bewegt erinnert der Moderator, gekleidet im dezenten taubengrauen Anzug, gleich zu Beginn der Menschen 2010-Aufzeichnung am Freitagabend an den Moment vor einer Woche, "als aus Spaß innerhalb von wenigen Sekunden Ernst wurde", so Gottschalk. "Als mein Kandidat Samuel, der darauf gebrannt hatte, sich mit einer spektakulären Wette, einem großen Publikum zu präsentieren, plötzlich bewusstlos vor uns lag."

Für die Ausstrahlung des Jahresrückblicks am Sonntag kündigt Gottschalk bei der Vorab-Aufzeichnung am Freitag eine Sensation an: Eingeleitet wird der ZDF-Jahresrückblick mit einem Zwölf-Minuten-Block, in dem sich der Vater des Verunglückten in einem separat aufgezeichneten Gespräch mit Thomas Gottschalk zu seiner Sicht auf die Live-Tragödie und die Gesundheitsaussichten seines Sohns äußern wird. Die Initiative für das exklusive Interview, das der Mainzer Sender vor seiner Ausstrahlung strikt als Verschlusssache behandelt, ging dabei von Samuels Eltern aus. Die fühlen sich von Reporteranfragen verfolgt und wollen sich nun erstmalig äußern, beteuert man beim ZDF.

"Christof Koch wollte mit jemandem sprechen, zu dem er Vertrauen hat", berichtet Manfred Teubner, Unterhaltungschef des ZDF, der sowohl für "Wetten, dass..?" als auch für den Jahresrückblick Menschen 2010 zuständig ist. Aufgezeichnet wurde das Interview als Schaltgespräch zwischen Thomas Gottschalk und dem Vater, der in Düsseldorf in der Nähe der Uniklinik, wo sein Sohn behandelt wird, vor die Kamera trat.

Einzige Vorbedingung: Samuel Kochs Vater, der bei Wetten, dass..? den Unfallwagen fuhr, wollte sich nicht live und vor Publikum äußern - und bat darum, die Ausstrahlung des Interviews bis Sonntagabend zurückzuhalten. Auch mit Rücksicht darauf, dass sich der Gesundheitszustand von Samuel wieder verschlechtern könnte. "Er möchte nicht am Freitag etwas dokumentieren", so Thomas Gottschalk, "was vielleicht am Sonntag nicht mehr gilt."

Dennoch konnte er dem Münchner Studiopublikum Erfreuliches mitteilen. "Das Wichtigste ist, dass es, Gott sei Dank, positive Zeichen der Besserung gibt", sagte Gottschalk kurz vor Beginn der Aufzeichnung. "Wir haben Hoffnung, auch begründete Hoffnung, das haben uns die Ärzte gesagt."

Dass auch juristische Überlegungen, etwa mögliche Streitigkeiten um Haftungsfragen, die Freigabe des Gesprächs durch Samuels Vater hinauszögerten, weist man beim ZDF zurück. Der wiederholte enge Kontakt von Thomas Gottschalk zu den Eltern, der im Wochenverlauf mehrere Telefongespräche mit ihnen führte, hat offenbar tatsächlich das Vertrauensverhältnis gestärkt - und so dem Moderator die Entscheidung erleichert, so kurz nach dem Unfall wieder vor die Kameras zu treten.

"Natürlich hat Thomas Gottschalk lange darüber nachgedacht", bestätigte Manfred Teubner Spekulationen darüber, dass es kurzfristig zu einem Moderatorenwechsel hätte kommen können. "Der Vater hat ihn ausdrücklich aufgefordert, die Sendung auf jeden Fall zu präsentieren", gab Teubner am Rande der Produktion zu Protokoll. "Er hat Gottschalk gebeten, nicht in Resignation zu verfallen und seinen Job zu machen."

Die Ermunterung, so sie wirklich authentisch ist, nahm sich der Vorzeige-Moderator in München zu Herzen - wenn er auch anfangs gehemmter wirkte, als man ihn kennt. Den bei Aufzeichnungen vor Studio-Publikum üblichen Job des "Warm up"-Animateurs, der wenige Minuten vor Aufzeichnungsbeginn mit den Zuschauern frenetische Klatschsalven probt, übernahm Gottschalk deswegen vorsichtshalber gleich selbst.

Und das wirkte dann wie eine Art praktizierte Selbsttherapie, die Gottschalk nutzte, um sich der Verbundenheit seines Publikums zu versichern. "Es geht nicht, dass man so eine Sendung von Dur nach Moll verschiebt", warnte er die Zuschauer vor und fügte an: "Man kann keine Fernsehunterhaltung machen, ohne dass gelacht wird."

Gut möglich, dass Thomas Gottschalk da schon fast wieder der alte war. In der eigentlichen Sonntagssendung dürfte es dem Publikum deutlich schwerer fallen, von Beginn an auf den üblichen Gute-Laune-Kurs einzuschwenken. Immerhin startet Menschen 2010 mit dem Zwölf-Minuten-Interview, mit dem das ZDF seinen selbstverordneten Kurs der Transparenz fortsetzen und viele offene Zuschauerfragen beantworten möchte. Gottschalk legt Wert darauf, dass er das Gespräch nicht als "recherchierender Journalist, sondern als Betroffener" geführt habe.

Ein Einstieg mit Gewicht und eine durchaus mutige Programmentscheidung, die offenbar recht kurz entschlossen fiel. "Das werden zwölf Minuten", ist sich ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner sicher, "denen man mit großer Aufmerksamkeit folgen wird." Der Weg zurück in den ZDF-Alltag bleibt lang und steinig. Derzeit untersucht eine "Task Force" aus eigenen und unabhängigen Experten den Ablauf des Unglücks-Stunts.

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