ARD-Serie:Warum nicht noch der Mauerfall oder die Kreuzberger Krawalle?

Lesezeit: 3 min

Neue ARD-Serie 'Charite'

Als gütiger bärtiger Doktor in der ARD völlig unterschätzt: Der Arzt und Sozialpolitiker Rudolf Virchow (Ernst Stötzner, re.) mit Hilfsschwester Ida (Alicia von Rittberg) an der Berliner Charité.

(Foto: Nik Konietzny/ARD)

In "Charité" von Sönke Wortmann muss der Zuschauer das verschmerzen, was in der Medizin Übertherapie heißt - zu viel von dem, was verträglich ist.

Von Werner Bartens

Es gibt diese angeberische Legende, wonach sich das Wissen in der Medizin alle fünf Jahre verdoppelt. Klingt beeindruckend, in welcher Geschwindigkeit sich der moderne Medikus auf dem Laufenden halten muss, wenn er mit dem rasenden Erkenntnisfortschritt seines Faches mithalten will. Aber gemach. Unter dem, was an neuem Wissen zur Heilkunde hinzukommt, ist viel unnötiges Zeug und mancherlei Unsinn. Wie bei jeder unterstellten Informationsflut gilt es vor allem, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und sich nicht hetzen zu lassen.

Die Macher der ARD-Serie Charité haben diese Ruhe offenbar nicht gehabt. Da tropft zwar das Chloroform, die Wunde klafft, der Patient röchelt und das Elend der Kranken wie auch die Arroganz der Ärzte sind in heimeliges Sepia getaucht, sodass man sich schon den Mundschutz umbinden will, um der Ansteckungsgefahr in den Gängen der düsteren Heilstätte zu entgehen. Aus der mehr als 300-jährigen ruhmreichen Geschichte von Europas größter Klinik hat sich das Team um Regisseur Sönke Wortmann zu geballt auf Wikipedia-Höhepunkte konzentriert.

Die weltberühmten Ärzte in Berlin werden hier als bloße Nummernrevue verheizt

Während die derzeit berühmtesten Doktoren Deutschlands heute der Allgemeinheit kaum bekannt sind und sich um Plätze in fragwürdigen Ärzte-Rankings balgen, genoss die Medizin made in Germany in den 1880er-Jahren Weltruf. Rudolf Virchow war als Begründer der Pathologie und angesehener Sozialpolitiker im fortgeschrittenen Alter noch aktiv. Robert Koch hatte den Tuberkel-Bazillus entdeckt, und Paul Ehrlich wie auch Emil von Behring machten weitreichende Entdeckungen auf dem Gebiet der Hygiene und in der Bekämpfung der Diphtherie. Außerdem waren berühmte Chirurgen wie Ernst von Bergmann in der Charité tätig und entwickelten nebenbei Schnitt für Schnitt bis heute gültige Operationsmethoden.

Nur: Diese beeindruckende Garde weltberühmter Ärzte wird hier als bloße Nummernrevue verheizt. Hier forschen drei künftige Nobelpreisträger, dort schnippelt ein Operateur von Weltrang, aber was ihre Meisterschaft, Genialität und Größe tatsächlich begründet, wird bloß behauptet, aber nicht anschaulich gemacht. Wer nicht um die geschichtlichen Verdienste der bärtigen Herren weiß, merkt kaum, welche wissenschaftliche und medizinische Exzellenz sich zu dieser Zeit in Berlin ballte. Noch weniger erfährt der Zuschauer, was die Doktoren antrieb, Charaktere bleiben - bis auf den ehrgeizigen und opiumsüchtigen Behring (Matthias Koeberlin) - recht blass, als ob sie selbst von der Schwindsucht bedroht wären.

Klar, es gibt ein paar chirurgische Heldentaten zu sehen, die unvermeidliche Appendektomie beispielsweise oder den Luftröhrenschnitt kurz vor dem Erstickungstod. Wie revolutionär und grundstürzend für die Medizin diese Eingriffe damals waren, erschließt sich dem Betrachter jedoch höchstens am Rande. Von den Kostümbildnern anders ausstaffiert, hätten die Helden am Skalpell auch in Emergency Room oder Das Krankenhaus am Rande der Stadt ihrem blutigen Handwerk nachgehen können. Vielleicht nennen sich die sechs Folgen deshalb "Eventserie".

Pittoreske sozialkritische Tupfer

Was die Medizin zu dieser Zeit auch ausmachte - nämlich das durch soziale Not und Elend verursachte Leid und die Hilflosigkeit angesichts mancher Qualen - kommt in den Arztfolgen zu sporadisch vor. Zwar kann sich eine Patientin die Kosten für ihre Notfalloperation nicht leisten und muss ihre Schulden als Hilfswärterin abarbeiten. Und eine junge Schwangere stürzt sich aus dem Fenster, weil sie keinen Arzt findet, der sich als "Engelmacher" betätigen würde. Doch diese Episoden wirken wie pittoreske sozialkritische Tupfer in einem Erzählreigen, in dem die amourösen Eskapaden des Bazillenpapstes Robert Koch mit einer Couplet-Sängerin oder der kühle Ehrgeiz Behrings weitaus mehr Raum einnehmen.

Dieses aufwendige Fernsehspektakel ist heillos überfrachtet. Die Konkurrenz zwischen Ehrlich und Behring hätte schon ein hübsches Thema abgegeben, ebenso das gleichermaßen politisch wie pathologisch beeindruckende Schaffen Rudolf Virchows. Und die Achterbahnfahrt in Robert Kochs Karriere vom weltweit bewunderten Bakterienentdecker, der bald darauf liebesblind daran scheitert, eine Behandlung gegen die Tuberkulose zu entwickeln und dies - trotz Todesfällen seiner Patienten - nicht wahrhaben will, ist bester Dramen- und Komödienstoff.

Doch die geballte Medizinkompetenz reicht den Fernsehmachern offenbar nicht mal. Die Phalanx der großen Ärzte trifft ausgerechnet im Drei-Kaiser-Jahr 1888 aufeinander. Neben Tuberkeln, Typhus, Tod und Teufel muss die politische Großwetterlage ebenfalls mitverhandelt werden. Der neue Kaiser Wilhelm Zwo ist im Film jedoch eine ähnlich Karikatur wie der japanische Gastwissenschaftler, der bei Robert Koch mitforschen darf.

Kein Wunder, dass zusätzlich noch alles kurz angestrahlt wird, was eine saftige Arztserie ausmacht: Zweiklassenmedizin, Privataudienzen - aber auch Patienten, die kurz vor dem Exitus erst noch ihre Personalien angeben müssen. Die Krankenschwester, die sich in den schneidigen Assistenzarzt verliebt, ist dabei. Und natürlich der Mediziner wider Willen, der lieber an der Kunstakademie aquarellieren als vom Pathologiepräparat besudelt werden will. Und dann sind da noch jene Krankenschwestern, die sich unter dem Motto: "Ham wa schon immer so jemacht", nichts von den Ärzten sagen lassen wollen.

Burschenherrlichkeit, Frauenstudium, lesbische Liebe und Zilles "Milljöh" werden auch mitverhandelt. Man würde sich nicht wundern, wenn per Zeitreise Mauerfall, Kreuzberger Krawalle zum 1. Mai und die Mütter vom Prenzlauer Berg auch einen Kurzauftritt hätten. Hier wird schlicht zu viel des Guten in sechs Folgen gepackt. Übertherapie heißt das in der Medizin und den meisten Patienten bekommt das gar nicht gut.

Charité, ARD, jeweils dienstags, 20.15 Uhr; Beginn am 21. März mit einer Doppelfolge.

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