ARD-Krimi "Milchgeld" Trachtenjackenmannsbild

Krimi gibt es im deutschen Fernsehen wie Bonbons: in jeder Geschmacksrichtung. So auch den Heimatkrimi. Herbert Knaup ermittelt als Allgäuer Kommissar Kluftinger an diesem Donnerstag im Ersten, ganz ohne Untertitel. Das ist gewagt. Offenbar will die ARD in Zeiten von Globalisierungsmüdigkeit ausprobieren, wie viel Quote die neue Landlust bringt.

Von Claudia Tieschky

Das Allgäu, schreibt der ARD-Programmdirektor Volker Herres in einem Grußwort zu diesem Film, das Allgäu sei ein schöner Landstrich ganz im Süden und bekannt für seine grünen Hügel, Milchkühe und Königsschlösser. Man kann das so sehen. Man könnte natürlich auch sagen, das Allgäu ist ein Landstrich, in dem die Deutsche Bahn noch nicht einmal die Hauptverbindungsstrecke Richtung Zürich elektrifiziert hat und einem in den Waggons hinter der Lok schlecht wird vom Dieselgeruch. Es gab mal einen spröden und wunderschönen Film über das Allgäu, der hieß Wallers letzter Gang. Darin wird eine Bahntrasse stillgelegt und der alte Streckengeher läuft sie ein letztes Mal ab und sucht Erinnerungen an sein Leben. Der junge Herbert Knaup spielte damals, 1988, eine Hauptrolle.

Herbert Knaup als cholerischer und trotzdem fast schüchterner Kommissar Kluftinger im ARD-Heimat-Krimi "Milchgeld".

(Foto: dapd)

Knaup spielt jetzt wieder eine Allgäu-Rolle, aber alles ist anders. Heimat in Deutschland ist nicht mehr eine widersprüchliche Topografie aus verdrängter Kriegsschuld und verdrängter Sehnsucht. Heimat ist so ein buntes Wohlfühl-Dings geworden, mit Biobauernhöfen, Nachbarschaftshilfe, Regionalvermarktung, Zeitschriften wie Landlust oder dem bayerischen Muh, und im Fernsehen läuft Wer früher stirbt, ist länger tot und Irgendwie und Sowieso in Endlosschleife. Heimat ist Mainstream und da ist es klar, dass es auch den TV-Heimatkrimi gibt. Krimi gibt es im deutschen Fernsehen wie Bonbons: in jeder Geschmacksrichtung.

Die ARD zeigt nun mit Knaup in der Hauptrolle den Allgäu-Krimi Milchgeld vom BR. Es ist die zweite Verfilmung eines Stoffes um den Kommissar Kluftinger, den das Autorenteam Volker Klüpfel und Michael Kobr erfand und damit sensationelle Verkaufszahlen erreicht.

Gewagt, schon wegen des Dialekts

Für den ersten Kluftinger-Film Erntedank, der 2009 im BR lief, erhielt Knaup den Bayerischen Fernsehpreis, und natürlich ist Kluftinger auch einfach die Weiterführung des Prinzips ARD-Tatort, der in Wahrheit ja Geschichten vom Leben in Städten erzählt. Nur verliert das Modell Stadt eben den Vorsprung gegenüber der Provinz - möglicherweise hängt das mit Globalisierungsmüdigkeit zusammen oder mit der Ortsunabhängigkeit durch Internet. Jedenfalls probiert man in der ARD offenbar aus, wie viel Quote die neue Landlust bringt.

Allgäu für die ARD. Das ist gewagt, schon wegen des speziellen Dialekts. Käme Milchgeld bei 3sat, hätte der Film Untertitel. Knaup, der ein schlanker Mensch ist, spielt den Kluftinger auf eine interessante Weise: ein massiges, schnell atemloses, cholerisches und trotzdem fast schüchternes Trachtenjackenmannsbild.

Königsschlösser gibt es in diesem Allgäu nicht so, dafür den üblichen Eigenausbau. Und das Drama liegt, darin ist der Film sehr real, im Milchpreis, von dem die Bauern nicht leben können.

Immer sitzt dem Kluftinger noch der Vater im Nacken, der Senior (Tilo Prückner) war auch schon bei der Polizei. Manchmal muss man da an das gute alte unterschätzte Bauerntheater denken. Bauerntheater hat im Fernsehen gut funktioniert.

Milchgeld ARD, 20.15 Uhr, 26. April