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ARD-"Sportschau Club":In die Tiefe des Raums

ARD - SPORTSCHAU CLUB 2021 mit Esther Sedlaczek und Micky Beisenherz

Die "Sportschau Club"-Moderatoren Esther Sedlaczek und Micky Beisenherz.

(Foto: ARD/WDR/Beckground TV/Morris Mac Matzen)

Wo früher Waldi war, begrüßt jetzt Esther Sedlaczek: Gemeinsam mit Micky Beisenherz moderiert sie den "Sportschau Club". Frauen und Fußball? Endlich mehr davon in der ARD.

Von Moritz Baumstieger

Die Frage, wer auf das Sofa muss und wer auf den Sessel darf, hat seit dem Türkei-Besuch von Ursula von der Leyen und Charles Michel ja eine gewisse Brisanz. Während der EU-Ratschef im Präsidentenpalast neben Recep Tayyip Erdoğan thronte, wurde die Kommissionschefin abseits auf einem Sitzmöbel für Besuchergruppen platziert. Die Aufregung war anschließend groß, im Netz, in Brüssel. In Ankara weniger: Der Gastgeber schien mit seiner kleinen Unverschämtheit ganz zufrieden zu sein.

Bei der ARD scheint man um solche Symbolismen zu wissen - und schafft es, das durch die Europameisterschaft führende Sportteam nicht durch ein kleines #Sofagate zu beschädigen. Wenn also nach Spielen die Stadionmoderatorin Jessy Wellmer und der Experte Bastian Schweinsteiger ins Studio übergeben, setzt sich der Kerl auf das Sofa, und die Neue kriegt den Sessel. Micky Beisenherz und Esther Sedlaczek sind dann nicht Gäste wie von der Leyen und Michel, sondern Gastgeber der Sendung Sportschau Club.

Mit dem Talk-Format, das am späten Abend den EM-Spieltag abschließen soll, beginnt die 35-jährige Esther Sedlaczek ihren Dienst im Öffentlich-Rechtlichen. Seit mehr als zehn Jahren hat sie beim Bezahlsender Sky als Reporterin aus Stadien gefunkt und Sendungen im Studio begleitet, von der kommenden Saison an wird sie das Letztere für die Bundesliga-Berichterstattung der ARD tun. "Eine ganz andere Bühne", nennt Sedlaczek das am Telefon am Morgen nach der Aufzeichnung, sie sitzt gerade beim Frühstück und muss gleich zum Zug. Die heilige Institution der Sportschau bringe natürlich eine andere Aufmerksamkeit als das Senden hinter der Sky-Bezahlschranke. Dass sie nun erst einmal auf einer Nebenbühne auftritt, sei da ein "total angenehmer Start".

Lange hat die ARD das Format bestückt wie historische Panini-Alben

Seit Waldemar Hartmann 2006 begann, sich nach Ende der Länderspielübertragungen mit Waldis WM-Club durch eine Art Stammtisch zu kalauern, kehrt man in der ARD die Ereignisse des Tages in gewollt lockeren 45 Minuten zusammen. Das ist naturgemäß nicht ganz einfach: Abseitsstellungen und Formkurven haben die Kollegen eben schon im Detail aufgearbeitet, das Publikum hat in der Regel einen langen Bildschirmabend hinter sich und ist während der Spielanalyse schon zweimal weggenickt. Lange hat die ARD das Format trotzdem bestückt wie historische Panini-Alben, die von den Sportschau-Moderatoren befragten Gäste spielten auch nach Waldis Abgang 2012 meist in der Liga Thomas Helmer, Thomas Berthold, Thomas Hitzlsperger.

Im Wahlkampfjahr 2021 debattiert nun angesichts eines möglichen Sieges der Grünen selbst Bild erregter über Gendersternchen und Identitätspolitik, als über Jogi Löws taktische Ideen. Und die Aufstellung der ARD sieht vollkommen anders aus als in jenen Jahren, in denen weiße Männer mit weißen Männern über Männer in weißen Trikots diskutierten: Auf den Expertenstühlen sitzen nach den Spielen die DFB-Torfrau Almuth Schult und der Deutsch-Ghanaer Kevin-Prince Boateng, das Moderatorenteam der Sportschau ist von nun an schon rein faktisch korrekter als Moderatorinnenteam zu bezeichnen, denn mit Esther Sedlazcek stellen Frauen hier erstmals die Mehrheit. Die Realität ist vielleicht schon einen Schritt weiter als die Debatte, doch Esther Sedlaczek muss immer noch Fragen zum Thema Frauen und Fußball beantworten. "Ich wäre froh, wenn wir irgendwann gar nicht mehr drüber sprechen müssten", sagt sie. "Genauso wie ich froh wäre, wenn wir irgendwann keinen Weltfrauentag mehr brauchen würden. Ist aber noch nicht so."

Das Studio schaut aus wie die Lobby eines Motel One, die Auswahl der Gäste aber ist bisher gut gelungen

Der Sportschau Club, in den nun Sedlaczek und Beisenherz einladen, erinnert optisch ein wenig an die Lobby eines Motel One. Das könnte man bei dieser seltsamen Reise-EM für einen cleveren Schachzug halten - so ließe sich das Studio an jedem Spielort kostengünstig reproduzieren -, ist aber eher dem Verständnis der Sendungsmacher für Zeitgeist geschuldet, gesendet wird immer aus Hamburg. Weitaus gelungener als die Inneneinrichtung und einige eingespielte Sketche präsentiert sich bislang die Auswahl der Gäste: Hans Sarpei und Mats Hummels jüngerer Bruder Jonas sprechen angenehm locker über Themen wie Rassismus und darüber, was für einen Typ Menschen die Talentschmieden formen, mit all ihren Betreuerstäben und Assistenten, die den jungen Sportlern alles abnehmen. Der Schiedsrichter Deniz Aytekin, die Deutsch-Schweizer Fußballerin Rahel Rinast und Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni erzählen von ihren mehrschichtigen Identitäten, ganz entspannt.

Pointenmaschine Beisenherz moderierte schon 2018 mit Jörg Thadeusz den damals in WM Kwartira umbenannten Sportschau Club, einmal im Solidaritäts-T-Shirt für Claudia Neumann, die ZDF-Kommentatorin, die während der WM in Russland dermaßen im Netz gemobbt wurde, dass am Ende die Staatsanwaltschaft Mainz ermittelte. Bei der jetzigen, über Europa verteilten EM, die schon wegen der Pandemie und des Klimawandels die Fragen der Gegenwart konsequent falsch beantwortet, beschäftigt Beisenherz bislang mehr das "Skillzy" genannte Maskottchen: "Ein weißer Cis-Mann -hätte man nicht besser auswählen können in dieser Zeit."

Esther Sedlaczek lässt ihn da gerne reden. "Die Aufteilung zwischen uns hat sich ganz automatisch ergeben", sagt sie. "Er hat immer einen Spruch auf der Lippe, ich gehe dafür bei Fußballfragen eher in die Tiefe des Raums." Wenn sie und Beisenherz am Samstag erstmals nach einem Spiel der deutschen Mannschaft senden, "wird sich die Sendung sicher noch stärker mit den Ereignissen auf dem Platz beschäftigen". Und die Frau, die dabei auf dem Sessel sitzt, ist bei deren Einordnung keinesfalls das schmückende Beiwerk.

© SZ/C.D.
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