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Anna Loos ermittelt als "Helen Dorn":Es hat mit Mutproben zu tun und mit Brandenburg

Sie war 17, von der Familie behütet und wollte Gesang studieren, als sie aus Brandenburg in den Westen ging, ohne ein Wort zu sagen. Damals gab es noch die Grenze. In jeder Hinsicht: Als sie in den Westen kam, flog sie bei ihrem ersten Referat über die RAF aus dem Geschichtsunterricht. Es gibt im Spiel der Anna Loos etwas Eigenes, das in allen ihren Rollen bleibt. Vielleicht ist es das Schonungslose in Opposition zu ihrer Schönheit.

Wenn man ihr begegnet, bekommt man aber auch den Eindruck einer Frau mit sonnigem Gemüt, die sich ganz undramatisch wohl in ihrem Leben mit Mann und zwei Töchtern fühlt. Sie erzählt dann zum Beispiel belustigt, dass der große hölzerne Esstisch im Hause Loos/Liefers ständig von beiden Eltern als Arbeitstisch genutzt werde und deshalb immer vollgeladen mit Papieren im Zimmer stehe. "Ich versuche, den immer abzuräumen für Sonntagsessen oder Geburtstage, aber keiner von uns mag eigentlich weggehen aus diesem Mittelpunkt. Im Arbeitszimmer ist man ja so alleine."

Das klingt jetzt nach Anna

Nichts könnte nun weiter entfernt sein von dieser kreativberliner Familienidylle als die Wirklichkeit der Ermittlerin Helen Dorn, so heißt Loos als Figur im ZDF. Bei Helen Dorn besteht das höchste an Familiengefühl darin, dass sie bei ihrem pensionierten Vater einkehrt, dann essen sie Würstchen aus der Dose und trinken Bier aus der Flasche. Vor ein paar Jahren hat Anna Loos mal in der Bunten eine Modestrecke gemacht anlässlich irgendeines Films.

Helen Dorn trägt Parka. Anna Loos liebt skandinavische Krimis, und sie sagt, das Projekt müsse man sich vorstellen als Versuch, "so ein Ding nicht in E-Dur sondern in Dis-Moll zu machen". Die Figur ist in Zusammenarbeit zwischen Regisseur Matti Geschonnek entstanden, der die ersten beiden Episoden inszeniert hat, und dem Autor Magnus Vattrodt. Loos mochte die Idee nicht, sich auf eine Reihe festzulegen, aber dachte dann, "okay, das klingt jetzt nach Anna."

Was nach Anna klingt, ist natürlich vor allem die ehemalige DDR-Band Silly. Seit 2006 ist Loos Frontfrau der Formation, mit deren Songs und Lebensgefühl sie einst aufwuchs. Es gibt diese Geschichten von weiblichen Fans, die ihre greisen Idole heiraten - aber bei Anna Loos wirkt es eher so, als ob die Verbindung sie selbst klarer gemacht hätte. Nicht nur, weil der Eindruck weg ist, man sehe sie auf Fotos fast nur im Doppelpack mit Jan Josef Liefers, den sie Janni nennt. Das Singen, sagt sie, "hat es mir viel leichter gemacht, zu Dingen Nein zu sagen. Seit ich professionell Musik mache, dreh ich einfach nichts mehr, was mich nicht interessiert".

Es hat mit Mutproben zu tun und mit Brandenburg. "Singst du drei schiefe Töne, dann singst du drei schiefe Töne und kriegst du es auch sofort zu hören." Auf der Bühne hat sie "das Gefühl, das bin hundertprozentig ich. Beim Schauspiel ist es ja immer nur ein Teil von mir." Die Anerkennung? Natürlich umso wuchtvoller.

Das andere ist komplizierter, aber wahrscheinlich genauso wesentlich für die Person Anna Loos. Es ist die Geschichte des Mädchens, das lernt, dass die Stasi ein "ernst zu nehmender Verein" ist, das aber auch in der DDR zuhause ist - in der Subkultur vor der Wende, im "Gefühl von einer grauen Welt, in dem Duft von einer grauen Welt". In dieser Welt wusste jeder, was gemeint war, wenn die damalige Silly-Sängerin Tamara Danz sang: Ich seh so gerne in die Ferne.

Die Mauer ist weg, das Daheimsein ist noch da. Anna Loos sagt es so: "Ich hab immer gesagt, ich bin Brandenburg, mit Brandenburger Härte." Als TV-Kommissarin wäre sie mit diesem Satz schon gekauft.

"Helen Dorn - Das dritte Mädchen", ZDF, 08. März 2014, 20.15 Uhr