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Interview mit Anja Reschke:"Eine unfassbare Welle von Wut und Hass"

Anja Reschke

"Sicher schmissig formuliert, aber ich stehe gegen Rassismus, gegen Abwertung, gegen Hass": Anja Reschke.

(Foto: Thomas Pritschet/NDR)

Seit 18 Jahren moderiert Anja Reschke das "Panorama", für ihre Kommentare erntet sie Hass und Hetze. Ein Gespräch über Mut und Haltung im Journalismus.

Anja Reschke, 47, moderiert seit 18 Jahren die ARD-Sendung Panorama und leitet den Programmbereich Dokumentation und Kultur des Norddeutschen Rundfunks. Am 11. Dezember wird sie auf einer Veranstaltung der Süddeutschen Zeitung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt über ihre Arbeit sprechen. Ein Gespräch vorab über Haltung und Mut.

SZ: Frau Reschke, über Sie wird gern gesagt, Sie seien "eine mit Haltung". Was bedeutet das für Sie?

Anja Reschke: Haltung wird oft verwechselt mit Gesinnung oder Meinung. Und "Gesinnungsjournalist" wird heute als Kampfbegriff verwendet. Es geht aber nicht um Ideologie oder gar Erzieherisches, was einem dann unterstellt wird. Haltung ist ein Grundgerüst, ein Geländer. Grundwerte, für die man einsteht. Für mich habe ich festgestellt, dass die sich größtenteils mit dem decken, was im Grundgesetz steht.

2015 haben Sie einen berühmt gewordenen Kommentar in den Tagesthemen gesprochen, über Hetze gegen Ausländer, Sie forderten dazu auf, Haltung zu zeigen. Daraufhin haben Sie selbst viel Hass abbekommen. Haben Sie das bereut?

Nein, denn dieser Kommentar drückt ja genau meine Grundhaltung aus. Ich würde das wieder so machen. Würde ich dazu heute nicht mehr stehen, wäre es keine Haltung. Er war sicher schmissig formuliert, aber ich stehe gegen Rassismus, gegen Abwertung, gegen Hass. Heute wüsste ich allerdings, was auf mich zukommt. Viele Reaktionen, die Mehrzahl sogar, waren positiv. Aber insgesamt war das der Anfang dessen, was heute viele Journalisten, Politiker oder Engagierte abbekommen: eine unfassbare Welle von Wut und Hass. Damals war das neu in der Qualität.

Sie haben sich mit Anzeigen gewehrt.

Ich zeige alles an, was eine Bedrohung beinhaltet. Das hat ja nicht aufgehört, auch wenn es nicht mehr konstant so ist.

Muss man heute mutig sein als Journalist - auch in Deutschland?

Bis vor wenigen Jahren hätte ich gesagt: nö. Aber man muss heute doch mutig sein. Nicht, weil man eingesperrt würde. Wegen des Gegenwinds. Damit meine ich die sehr klare Strategie der Rechtsradikalen, auch der rechtsradikalen Kräfte im Bundestag, einzelne Journalisten gezielt zu diskreditieren. Man darf nicht unterschätzen, was dieser Vorwurf der "Lügenpresse" mit Journalisten macht. Das wichtigste für uns Journalisten ist, durchzudringen mit dem, was wir recherchiert haben, Menschen zu erreichen. Und dafür brauchen wir Glaubwürdigkeit. Wenn es ständig heißt, alles sei gelogen oder ideologisch gesteuert, entzieht man den Journalisten den Boden.

Eines Ihrer Bücher trägt, wie die Veranstaltung am Mittwoch, den Titel "Die Unbequemen". Wer sind die?

Gemeint sind die Journalisten. Es war und ist immer Aufgabe des kritischen Journalismus: zu berichten, wenn was nicht in Ordnung läuft. In dem Buch geht es darum, welch wichtige Rolle gerade Journalisten im Aufbau dieser Demokratie nach 1945 hatten. Wie sehr sie durch Berichterstattung dazu beigetragen haben, dass Hinterfragen und Kritik als wesentliches Element begriffen wurden. Sehr schnell vergisst man ja, was Pressefreiheit bedeutet, dass man nämlich als Journalist wirklich jedem Verantwortlichen jede Frage stellen kann, egal wie kritisch. Das ist enorm wichtig. Journalisten dürfen keine Angst haben.

Die Unbequemen: Über Haltung und Mut im Journalismus. Mittwoch, 18.15 Uhr, Universität Eichstätt-Ingolstadt. Aula, Ostenstraße. Eintritt frei.

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