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Journalismus:"Meinungsfreiheit muss man benutzen"

Claus Kleber

"Insgesamt sind die Dialoge aggressiver und auch verletzender geworden", sagt der Moderator des heute-journals, Claus Kleber.

(Foto: dpa)

Der ZDF-Journalist Claus Kleber über die aggressive Debatte um freie Meinungsäußerung und die Freude, Streit anzustacheln.

Claus Kleber, 64, ist Moderator des heute-journals im ZDF. In Dokumentarfilmen widmet er sich der Frage, wie es im 21. Jahrhundert um Menschenwürde, Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist. Am Dienstag spricht er bei der Veranstaltung "Wem gehört die Wahrheit?" an der Ludwig-Maximilians-Universität München über Journalismus in Zeiten von Klimakrise, Brexit und Polarisierung - und die Frage, wie man Menschen erreichen kann, die das Vertrauen in die freie Presse verloren haben. Vorab spricht der Anchorman über Meinungsfreiheit in Deutschland und darüber, worin die Agressivität in der Debatte begründet sein könnte.

SZ: Herr Kleber, zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, man müsse heutzutage "sehr aufpassen", zu welchen Themen man sich wie äußert. Wie sehen Sie das?

Claus Kleber: Insgesamt sind die Dialoge aggressiver und auch verletzender geworden. Das ist nicht gut. Aber mich stört auch auf der anderen Seite die Weinerlichkeit der Debatte, besonders bei denen, die selbst heftig austeilen. Und: Man darf nicht behaupten, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt sei, nur weil man keinen Widerspruch erträgt.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was meinen Sie mit "Weinerlichkeit"?

Ich glaube, dass wir uns nicht auf Debatten oder Sanktionen für Formulierungen stürzen sollten, wenn wir nicht bereit sind, das eigentliche Problem zu bekämpfen. Wir streiten, ob man Studierende sagt oder noch besser Studentinnen und Studenten, anstatt zum Beispiel tatsächlich etwas gegen die Benachteiligung vor allem von weiblichen Studierenden im Universitätsalltag zu tun. Man streitet sich gerne über die Worte, wo man sich eigentlich um die Sache kümmern sollte.

Wie steht's um die Pressefreiheit in Deutschland?

Die ist vollkommen uneingeschränkt, zumindest erlebe ich das so. Klar: Wir haben es seit mehr als einem Jahrzehnt mit einer Kanzlerin zu tun, die sehr ungern im direkten Austausch ihre Politik verteidigt. Das ist aber keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Natürlich gibt es Journalisten, die sich selbst Einschränkungen auferlegen, das ist aber eher der Bequemlichkeit geschuldet: der Versuchung, Ärger zu vermeiden, statt sich auf Ärger einzulassen. Und sei es nur, um den "Mainstream" mal aufzumischen.

Wie kann man das Vertrauen in die Meinungsfreiheit wiederherstellen?

Meinungsfreiheit muss man benutzen: use it or lose it. Ich habe Freunde in der türkischen Presse, für die ein einzelner Satz in einer Glosse Haft bedeuten kann. Die fahren jeden Tag mit einer gepackten Notfalltasche zur Arbeit, weil sie damit rechnen müssen, dass sie die Nacht hinter Gittern verbringen. Mit diesen Menschen sollte man sich vergleichen, bevor man sagt, meine Meinungsfreiheit wird eingeschränkt. Ich werde im ZDF immer dann von oben kritisiert, wenn es mir nicht gelingt, die Gesprächspartner genügend zu fordern, nie für zu hartnäckige Interviewführung. Man muss Freude daran haben, zum Widerspruch zu drängen und damit zum Dialog, und auch daran, zum Streit anzustacheln.

Hat sich die Arbeit für Sie als Journalist verändert?

Wir werden häufiger geprügelt - manchmal auch durchaus berechtigt. Es sendet sich nichts mehr weg. Zeitungsjournalisten wissen schon lange, dass man sie immer auf das gedruckte Wort festlegen kann. In Zeiten von Mediatheken und non-linearem Fernsehen muss nun auch jede Formulierung im TV auf die Goldwaage gelegt werden können. Ich ringe als Moderator häufig mit Kollegen aus dem Team über einzelne Worte und darüber, ob man dieses oder jenes wirklich belegen kann. Die Bequemlichkeit, die sich früher vielleicht manchmal in unseren Reporteralltag eingeschlichen hat, ist verschwunden. Dadurch wird unser Job vielleicht ein bisschen schwieriger. Aber das macht unsere Arbeit auch besser.

Wem gehört die Wahrheit? Dienstag, 19 Uhr, Ludwig-Maximilians-Universität München, Große Aula, Geschwister-Scholl-Platz. Eintritt frei.

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