Flutkatastrophe:Gute Nachrichten

Ahrtalradio

Von dieser Kapelle aus sendet das Ahrtalradio seit Anfang September auf der Frequenz 107,9 in Orte wie Schuld und Insul, Altenahr und Adenau, außerdem im Internet.

(Foto: Christian Milling/Ahrtalradio)

Aus einem improvisierten Studio im Flutgebiet vernetzt das Ahrtalradio Menschen, die Hilfe suchen, und Menschen, die Hilfe anbieten. Über ein Wunder auf UKW.

Von Gianna Niewel

Christian Milling hat die Bilder am Tag nach der Flut gesehen, Häuser, denen die Fassade weggerissen wurde, Kabel lagen frei, Bahnschienen, die erst unterspült wurden und dann unter der Last verkeilter Baumstämme zusammenbrachen. Weinende Menschen. Er wollte helfen. Nur, wie? Milling sagt von sich, er sei "handwerklich oft nicht so der Burner", aber er kann Radiostudios bauen. Also baute er ein Radiostudio.

Seit Anfang September sendet das Ahrtalradio auf der Frequenz 107,9 in Orte wie Schuld und Insul, Altenahr und Adenau, außerdem im Internet. Erst vergangenen Sonntag rief eine Hörerin an, ein Helfer habe einen rostigen Splitter im Auge und nun müssten sie bis Bonn ins Krankenhaus fahren. Fünf Minuten, nachdem sie den Anruf sendeten, meldete sich ein Augenarzt im Studio: Vergesst die Notaufnahme, ich mach die Praxis auf. Und so geht es bei Radio nicht nur um Musik, sondern vor allem um Menschen, die Hilfe suchen, und Menschen, die Hilfe anbieten. Um gute Nachrichten.

Christian Milling vom Ahrtalradio

Wie "Phoenix aus der Ahr": Christian Milling hat das Studio aufgebaut, für das Pult wurde ein alter Schreibtisch zersägt, viele moderieren und recherchieren ehrenamtlich.

(Foto: Christian Milling/Ahrtalradio)

Christian Milling ist 41 Jahre alt, er hat irgendwann mal Fachinformatik für Hörfunk studiert und seither beim Radio "alles gemacht außer Werbung". Und trotzdem musste auch er am Anfang viel organisieren. Eine Lizenz bei der Medienanstalt Rheinland-Pfalz, eine Frequenz bei der Bundesnetzagentur. Und Menschen, die die Beiträge recherchieren und die Sendungen leiten. Da ist eine Kollegin Anfang 30, die frei für den WDR arbeitet und nun ehrenamtlich "Wie Phoenix aus der Ahr" moderiert, lange Gespräche mit einer Zahnärztin, die in ihrer Klinik Not-Operationen machte, obwohl die auch zerstört war. Da ist ein Kollege, der eigentlich schon in Pension ist und nun Nachrichten schreibt. Da sind viele, die frei arbeiten und ehrenamtlich helfen.

Für das Studio brauchten sie einen Ort, der möglichst weit oben liegt, damit die Antenne Reichweite hat

Das Ahrtalradio sendet zwar Werbung, aber verdient daran nichts: Unternehmen, die von der Flut betroffen sind, können kostenlos 60 Werbespots buchen. Unternehmen, die nicht betroffen sind, können auch Spots buchen, die kosten dann drei Euro pro Ausstrahlung. Die Spenden, sagt Milling, gehen an die Fluthilfe.

Für das Studio brauchten sie einen Ort, der möglichst weit oben liegt, damit die Antenne eine gute Reichweite hat. Christian Milling ging auf die Landskrone, einem kleinen Berg in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dort im Wald steht eine Kapelle. Ob er die Antenne vielleicht an deren Fahnenmast anbringen könnte? Der Förderverein der Kapelle sagte nicht nur sofort zu, er bot auch das Pfarrheim als Studio an. Milling baut gerade hauptberuflich Studios und hatte deshalb Material auf Lager: einen UKW-Sender, ein Mischpult, eine Richtfunkstrecke, Studiolichter. Die Mikrofone sind aus den 1960ern. "Es sieht etwas wild aus", sagt er, "aber es ist professionell". Für das Pult haben sie einen alten Schreibtisch zersägt.

Wiederaufbau nach Flutkatastrophe an der Ahr

Das Ahrtalradio hilft den Menschen auf seine Weise beim Wiederaufbau: "Make Mayschoß great again" steht auf dem zerstörten Haus in der Winzergemeinde in Rheinland-Pfalz.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Christian Milling moderiert morgens die Frühsendung, von sechs bis zehn Uhr, am Nachmittag fährt er durch die Region und nimmt Beiträge auf, an diesem Tag etwa muss er noch zu einer mobilen Werkstatt, ein Mann, der in seinem Auto eine Drehbank, Sägen, Fräsen hat und damit den Winzern in der Region hilft, ihre Maschinen zu reparieren. Die Werkstatt aber muss bis Ende des Monats wissen, ob das Land sie mit Geld unterstützt, nur dann kann sie bleiben. Milling sagt, er hoffe, dass der Beitrag da ein bisschen Nachdruck verleihen könnte.

Jeden Tag um 9.30 Uhr ist Redaktionskonferenz, da besprechen sie nicht nur, welche Beiträge sie selbst produzieren - etwa zwei bis drei am Tag -, sondern auch, wen sie zu Interviews einladen. Neulich war ein Paar da, das sich beim Helfen in der Flut kennengelernt hat und nun heiraten will. Oder ein Mann, der in all dem Schlamm seinen Ehering wiedergefunden hat. "Wir wollen zeigen, dass auch in einer Zeit nach einer Katastrophe nicht alles katastrophal ist", sagt Milling. Und auch da wollen sie natürlich helfen, zum Beispiel mit Rechtsberatung. Ein Mann beantwortet die Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer, was mache ich, wenn das Haus weg ist, aber das Haus war die Garantie für einen Kredit?

Es wird jetzt draußen früher dunkel, bei vielen kommt Brauchwasser aus dem Hahn und die Gasheizung ist immer noch kaputt

Neben den einzelnen Sendungen und Rubriken kümmern sie sich auch um Nachrichten. Zur vollen Stunde berichten sie über die neuesten Corona-Regeln, die Nachrichten liefert die Deutsche Presseagentur. Zur halben Stunde informieren sie über die Region.

"Altenahr. Ab morgen wird in der Verbandsgemeinde Altenahr zum ersten Mal der Wahlbus unterwegs sein. Wie die Stadtverwaltung meldet, stehen am Vormittag zwischen 10 und 13 Uhr entsprechende Fahrzeuge in Ahrbück am Bahnhof, in Altenahr am Rathaus, in Berg auf dem Sportplatz und an der Grundschule in Dernau."

"Adenau. Im oberen Ahrtal geht die Ertüchtigung des Stromnetzes weiter voran. Nach einer zunächst provisorischen Lösung konnte die Stromversorgung in den letzten Tagen in weiten Teilen von Adenau wieder hergestellt werden."

"Mayschoß. Gute Nachrichten für den Nachwuchs: Wie die Ortsgemeindeverwaltung mitteilt, kann der Kinderspielplatz Etzhard schon am kommenden Montag wieder genutzt werden."

Die Landesmedienanstalt hat das Ahrtalradio als Veranstaltungsradio zugelassen, das bedeutet aber auch, dass es zeitlich begrenzt ist. Nach dem 3. Oktober müssten sie ihre Lizenz verlängern und natürlich auch eine Möglichkeit finden, die Menschen zu bezahlen, die gerade ehrenamtlich Beiträge schneiden und Interviews führen.

Christian Milling sagt, die Nachfrage sei groß, viele Menschen aus der Region würden sich freuen darüber, dass bei ihnen so ziemlich alles läuft außer Schlager und Eurodance. Jetzt wo es draußen früher dämmert, wo aus dem Wasserhahn noch immer nur Brauchwasser kommt und die Gasheizung kaputt ist, da helfe ihnen das Radio. Jetzt, wo die anderen Sender immer öfter zur Bundestagswahl senden und immer seltener über die Flut.

In der vergangenen Woche haben sie sich wieder zusammentelefoniert, er in dem zehn Quadratmeter großen Studio im Pfarrhaus, sein Team im Home-Office, er hat gesagt, wollen wir das? Die anderen wollten sofort. Und so konnten sie noch etwas anderes vermelden: Dass das Ahrtalradio zumindest mal ein paar Wochen weiterlaufen soll.

© SZ/tyc
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