Fernsehen während Ramadan:Ein Bild von einem Mann

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Fernsehen während Ramadan: Präsident Abdel Fattah al-Sisi wird in der Serie El-Ekhteyar von dem aus Ägyptens Serienfernsehen bekannten Schauspieler Yasser Galal dargestellt (auf den Bildern links und recht oben, unten Mitte).

Präsident Abdel Fattah al-Sisi wird in der Serie El-Ekhteyar von dem aus Ägyptens Serienfernsehen bekannten Schauspieler Yasser Galal dargestellt (auf den Bildern links und recht oben, unten Mitte).

(Foto: Synergy/Watch it)

Der Fastenmonat Ramadan ist in Ägypten die wichtigste Fernsehsaison und der Staat nutzt Serien, um den Präsidenten als Helden zu feiern. Nicht immer mit Erfolg.

Von Sina-Maria Schweikle

Wenn die Sonne versinkt, ist es so weit: Familien versammeln sich zum Iftar, dem Fastenbrechen, in ihren Wohnzimmern. Es ist Ramadan, der heilige Monat in der muslimischen Welt. 30 Tage lang fasten Millionen Gläubige zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Neben religiösen Regeln gehört das gemeinsame Fernsehen in der Familie zu den modernen Bräuchen im Ramadan. Mit dem 30-tägigen Verzicht beginnt zugleich die wichtigste Fernsehsaison des Jahres in der arabischen Welt.

Ramadan-TV-Serien sind ein kollektives Erlebnis und das Fernsehereignis schlechthin. Menschen in der ganzen Region fiebern und lachen mit ihren Serienhelden. Den ganzen Abend sitzen Familien zusammen, schauen eine Serie nach der anderen und werden während des Ramadans in der Regel täglich mit neuen Folgen versorgt. Die Inhalte sind Gesprächsstoff, viel mehr noch als die Fernsehblockbuster an Ostern in Deutschland. Die Themen, die in den TV-Formaten angesprochen werden, sind vielfältig. Sozialkritische Dramen, Komödien und Action-Serien werden hochwertig produziert, und in den Werbepausen wird der Großteil der jährlichen Werbeeinnahmen erwirtschaftet. Schätzungsweise 400 Millionen Menschen zählt die arabische Welt - ein stark umkämpfter Markt.

Ägypten galt einst als das "Hollywood der arabischen Welt"

Einer der größten und bekanntesten Produktionsorte von Ramadan-TV-Serien ist Ägypten. "Die Top-Shows kommen von hier und werden über die ganze Region verbreitet", erklärt der ägyptische Filmkritiker Joseph Fahim. Er beschreibt die Filmindustrie Ägyptens als das "ehemalige Hollywood der arabischen Welt", das einst bestehende Tabus brach und dessen Inhalte in der gesamten Region Aufsehen erregten. Heute sei die ägyptische Filmindustrie jedoch vor allem durch harte Zensur und Eingriffe des Staatsapparates in Inhalte und Produktionsabläufe geprägt. So ziehen mit der Abendunterhaltung auch propagandistische Inhalte in die Wohnzimmer der Zuschauer ein.

Der ägyptische Staat benutzt die enorme Reichweite der beliebten Serien während des Ramadans zunehmend, um politische Inhalte zu verbreiten. Als Beispiel nennt Fahim die Serie El-Ekhteyar - Die Auswahl. Sie ist eine von rund 30 Serien, die in Ägypten für den Fastenmonat produziert wurden. Hinter der Serie steckt die vom Militär kontrollierte Produktionsfirma "Synergy". Mittels fiktiver Elemente, die im spannungsgeladenen Handlungsstrang mit historischen Originaldokumenten versetzt werden, erzählt die Serie von den Ereignissen, die 2013 zur Machtergreifung des Militärs unter dem heutigen ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi führten. Die Serie inszeniert den Machthaber dabei als heroischen glorreichen Führer, der seinen Vorgänger, den zur Muslimbrüderschaft gehörenden Mohammed Mursi aus dem Amt jagte.

"Der ägyptische Staatsapparat unternimmt mit der Serie El-Ekhteyar eine Langzeit-Indoktrinierung, um, mit Nationalismus gespeist, die Landesgeschichte aus der eigenen Perspektive zu erzählen!", erklärt Fahim. Die Serie ist aufwendig produziert und hochkarätig besetzt. Darüber hinaus wirbt sie mit der Veröffentlichung neuer, exklusiver Informationen zu den Ereignissen aus dem Jahr 2013. Ein 32-jähriger Journalist und Filmemacher beschreibt einen solchen traditionellen Fernsehabend: "Nach Iftar setze ich mich mit meiner Familie vor den Fernseher und schaue neben anderen Serien auch El-Ekhteyar. Nicht weil sie mir gefällt, sondern weil ich sehen möchte, welche Propaganda der Staat darin verbreitet", sagt der junge Mann, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht öffentlich machen will, aus Angst vor Repressionen. Die Reaktionen auf die Serie fallen im Netz unterschiedlich aus. Memes werden verbreitet, die das TV-Format ironisch hinterfragen und als Satire wahrnehmen. Andere sehen dagegen darin eine geschichtliche Einordnung der Ereignisse.

Beobachter sprechen von einer "Sisification" der Massenmedien

Genau darin sieht Hanan Badr, Professorin an der Universität Salzburg mit Forschungsschwerpunkt Kommunikationswissenschaft, ein Problem. "Mit Fernsehformaten wie diesem besteht die Gefahr, dass durch das vom Staat aufgebaute und verbreitete Narrativ das kollektive Gedächtnis der ägyptischen Gesellschaft verändert wird." Eine Erkenntnis, die auch der Media Ownership Monitor (MOM) teilt, der gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen ein Recherche- und Publikationsinstrument entwickelt hat, das Transparenz von Besitzverhältnissen nationaler Massenmedien schafft. In einer Veröffentlichung spricht MOM von einer "Sisification", also von der Aneignung und Übernahme der Massenmedien seit der Machtübernahme al-Sisis im Jahr 2013. Staat und Militär legen fest, was genau in den Medien gezeigt werden darf - und was nicht. "Es ist nicht möglich, die wirklichen Probleme im Land zu thematisieren, wie Armut, Meinungsfreiheit oder Unzufriedenheit mit der Politik. Die Politik will alles kontrollieren", erklärt der Filmkritiker Joseph Fahim. Eine Zensur, der auch westliche Medienschaffende wie kürzlich ein amerikanischer Foodblogger zum Opfer fallen, dessen Handy konfisziert und Filmmaterial gelöscht wurde.

Auch sozialkritische Themen haben ihren Platz

Neben El-Ekhteyar werden aber auch andere Formate genutzt, um die hohen Einschaltquoten während des Ramadans für Propagandazwecke und die Stärkung des Images Ägyptens zu nutzen. Das sozialkritische Format Faten Amal Harby erzählt beispielsweise die Geschichte einer geschiedenen Mutter und behandelt Themen wie Gewalt in der Partnerschaft, Scheidung und die Ungerechtigkeit, mit welcher ägyptische Frauen konfrontiert werden, wenn sie sich für eine Trennung entscheiden. "Es ist eine Beobachtung, die ich in den vergangenen zwei bis drei Jahren gemacht habe: Die Realität wird mit einer subpolitischen Agenda rekonstruiert und didaktisch aufgearbeitet", sagt Hanan Badr. So sollen diese Formate zwar auf bestimmte soziale Probleme aufmerksam machen, doch würden sie auch vor allem deshalb ausgestrahlt werden, um dem Westen einen kulturellen Wandel in Richtung Emanzipation zu suggerieren.

Das enorme Potenzial, das in der riesigen Zuschauerzahl während des Fastenmonats steckt, ist also für die staatliche Propagandamaschinerie äußerst attraktiv. Der immer autoritärer werdende ägyptische Staat macht sich dieses Medium für den eigenen Machterhalt allzu gern zunutze. Diese Entwicklung wird mit Blick auf die sich verschlechternde politische Lage im Land in den nächsten Jahren vermutlich weiter voranschreiten. Inwieweit sich die Zuschauer dieser Indoktrinierung bewusst sind, wenn sie sich abends im engsten Kreis der Familie vor den Fernseher setzen? Am Ende ist das gemeinsame Fernsehen auch immer eine temporäre Flucht aus der Realität. Doch hinter den heiteren Serien, die im familiären Umfeld nach dem gemeinsamen Fastenbrechen ausgelassene Stimmung bewirken, steckt heute teils viel mehr als bloße Unterhaltung. Es ist ein propagandistisches Werkzeug, das sich der Staat immer mehr zunutze macht.

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