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USA:Coca ist rentabler als Kakao

Die UN-Behörde für Drogen und Gesundheit in Kolumbien ist sich sicher, dass die Regierung nur ein winziges Zeitfenster hat, um zu verhindern, dass sich dort, wo sich die FARC-Rebellen zurückgezogen haben, neue bewaffnete Guerilleros niederlassen und die Geschäfte übernehmen. Doch um das zu verhindern, müsste der Staat selbst in den entlegensten Winkeln des Landes ständig mit Truppen präsent sein.

Seit 2000 haben die USA der Regierung in Bogotá mehr als zehn Milliarden Dollar für den "Plan Colombia" geschickt, um mit Kolumbiens Hilfe die Drogengeschäfte einzudämmen. Doch im Jahr 2017 scheint es, dass der "war on drugs", der Krieg gegen die Drogen, den die USA seit mehreren Jahrzehnten führen, ein Kampf ist, den man nicht gewinnen kann. "Die ganze Welt fragt sich, was eigentlich los ist", heißt es in einem Artikel der Semana.

Das Hauptproblem ist, dass viele kolumbianische Farmer äußerst arm sind und unter dem Existenzminimum leben. Allein mit dem Anbau von Kakao, Bananen oder Kaffee schaffen sie es nicht, ihre Familien zu ernähren. Mit dem illegalen Coca-Anbau hingegen verdienen sie genug, um ein einigermaßen normales Leben zu führen.

Die Ernte-"Erfolge" sind auch darauf zurückzuführen, dass die kolumbianische Regierung seit 2015 keine Pflanzenvernichtungsmittel mehr per Flugzeug über den Anbaugebieten versprüht. Als Begründung dafür wird die Sorge vor einem erhöhten Krebsrisiko durch das Herbizid Glyphosat genannt. Die USA haben diesen Schritt kritisiert. Selbst in Kolumbien gab es Stimmen, die wegen des rapide ansteigenden Coca-Anbaus die Rückkehr zur chemischen Pflanzenvernichtung als einzige Lösung sehen. Doch inzwischen hat Kolumbiens oberster Gerichtshof das Luftbesprühungs-Verbot bestätigt.

Mittlerweile ist das Land dazu übergegangen, die Coca-Pflanzen manuell auszurotten, doch der Zeitung Semana zufolge ist dieses Vorgehen wenig effektiv. Wenn Vernichtungstrupps vor Ort auftauchen, errichten Farmer Wegsperren, mitunter platzieren Landwirte sogar Sprengvorrichtungen in den Büschen, um die Soldaten aufzuhalten. Außerdem muss die Regierung sparen: Aus finanziellen Gründen wurden in den vergangenen Jahren 90 Prozent des Personals gestrichen.

Die Santos-Regierung hat erkannt, dass es neue Wege braucht, um Kolumbien vom Coca zu befreien. Neuerdings erhalten Bauern Geld dafür, wenn sie statt Coca-Pflanzen einfach Gemüse anbauen. Bis zu 32 Millionen kolumbianische Pesos (etwa 10 000 Euro) Förderung sollen Familien in einem Zeitraum von zwei Jahren erhalten, heißt es. Regierungsvertreter ziehen derzeit über die Dörfer und versuchen die Coca-Bauern von dem neuen Plan zu überzeugen.

Das Geld soll allerdings nur dann fließen, wenn das gesamte Dorf frei von Coca-Pflanzen ist. Experten glauben, dass die Drogenbanden sich sonst gar nicht erst aus einer betroffenen Gegend zurückziehen. Die Zahlungen erhalten übrigens auch Bauern, die ohnehin kein Coca anbauen. Das soll Streit unter den Landwirten verhindern.

Sollten wie erwartet 70 000 Familien in das Regierungsprogramm einsteigen, würde das Programm die Regierung pro Jahr etwa 450 Millionen Euro kosten. Noch ist völlig unklar, wie Kolumbien diese Summen aufbringen wird. Womöglich kann das Land im Rahmen des "war on drugs" wieder einmal auf finanzielle Hilfe aus den USA hoffen.

Die Santos-Regierung weiß, dass die alten Rezepte nicht funktionieren, das Land den florierenden Drogenhandel aber dringend stoppen muss. Die Erwartungen der internationalen Gemeinschaft sind groß. Die Gespräche mit US-Präsident Trump werden den Druck mit Sicherheit noch erhöhen.

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© sz.de/vs/ghe
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