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Trend:Was soll das mit der Pendelei?

Flossin'

Trendtanz Flossin': Erwachsene, die es lernen wollen, fragen am besten ein erfahrenes Kind.

(Foto: Tatjana Schloer)

Derzeit flossen Kinder, bis der Arzt kommt und, nein, mit Zahnseide hat das alles nichts zu tun. Über einen Move, den nicht mal Katy Perry nachtanzen konnte, ohne sich zum Horst zu machen.

Das Kind steht so he­rum, vielleicht quatscht es gerade mit der Freundin, vielleicht guckt es kurz die Nachrichten mit oder hört seine Lieblingsmucke, und plötzlich geht die Pendelei los. Die Fäuste geballt, schwingen erst die Arme von rechts nach links. Langsam, vor dem Körper und hinter dem Körper. Dann setzen sich die Hüften wie ein Gegengewicht in Bewegung. Das Ganze nimmt Fahrt auf. Was macht das Kind? Will es Fliegen verscheuchen? Hat es einen motorischen Tick? Übt es Feldenkrais für die Beschleunigungsgeneration?

Nein: Das Kind ist einfach nur sehr bewegungship. Das sogenannte Flossin' ist der Tanz für trendbewusste Kinder und Jugendliche, die Bewegung hat den Dab abgelöst, vor dem der Gangnam Style kam, vor dem der Running Man von MC Hammer kam.

Flossin' oder im Deutschen "Zahnseide" sieht wirklich ein bisschen so aus, als würde man einem Riesen die Reste zwischen den Zähnen sehr schnell wegmachen. Ausgedacht hat sich das Russell Horning, ein Teenager aus Atlanta, Georgia. Er lud, normal, seine Flossin'-Filmchen im Frühling 2016 bei Instagram hoch, und die mysteriösen Kräfte der Viralität sorgten dafür, dass erst Rihanna eines davon teilte und Katy Perry ihn als Tänzer zu ihrem Auftritt in der Fernsehshow "Saturday Night Live" einlud. Dort machte er sich und das Flossin' mit nur einem Auftritt berühmt.

Damit war Flossin' ein Erwachsenenfaszinosum, noch bevor es zum Jugendphänomen wurde. Fußballer und andere Profisportler, die ja immer nach neuen Jubelposen suchen, übernahmen es schnell, was das Ansteckungspo­tenzial unter sportbegeisterten Jungs extrem steigerte. Endgültig in der Jugendkultur angekommen ist die Zahnseide aber erst als Siegesjubel beim Baller-Computerspiel "Fortnite: Battle Royal" (keine Sorge: Wenn Ihr Grundschulkind flosst, bedeutet das nicht automatisch, dass es heimlich ballerspielt. Das verbreitet sich über die Schulhöfe).

Dem Flossin'-Trend haftet also ein gewisser Marketinggeruch an. Für die Kinder selbst ist das natürlich nicht so wichtig. Sie flossen halt, weil es alle machen. Weil es ein Code ist, mit dem man sich als Mitglied eines kulturellen Einzugsgebietes zu erkennen gibt - also aus demselben Grund , aus dem sie Fidget Spinner spinnen oder Paninibilder sammeln (oder eben nicht).

Zweitens flossen Kinder, weil sie es können. Einmal richtig gelernt, zeigen sie immer wieder fröhlich, wie sie Zahnseide draufhaben. Dabei merken dann auch Eltern, wie ansteckend die Lust zu flossen ist. Wer allerdings versucht, als Erwachsener zum mensch­lichen Speed-Pendel zu werden, wandelt auf einem schmalen Grat zwischen Mami oder Papi Cool und Witzfigur.

Neben Flossin'-Anleitungen gibt es im Internet unzählige Videos von Erwachsenen, die sich beim Tanzen zum Horst machen. Sogar von Tanztalent Katy Perry. Als sie nach der "Saturday Night ­Live"-Aufzeichnung mit Russell Horning das erste Mal zu flossen versuchte, sah das nämlich auch bei ihr ziemlich steif aus, was von Horning prompt mit der Unterschrift "When your mom tries to look cool" versehen wurde.

Flossin'

kommt von "Floss" = Zahnseide. Richtig populär machte den Tanz das Computerspiel "Fortnite" - das ebenfalls über Nacht ein weltweites Phänomen wurde.

So geht's:

1. Am besten nicht weiterlesen, sondern ein erfahrenes Kind fragen.

2. Wenn keins zur Verfügung steht: Fäuste ballen und diagonal in eine Richtung strecken.

3. Langsam schwingen, dann Hüfte in Gegenbewegung aktivieren.

4. Schneller werden, bis es so aussieht, als hätte man einen Hula-Hoop-Reifen am Körper, nur eben mit Armbewegung.

5. Äh, wie gesagt: Fragen Sie ein erfahrenes Kind.

Flossin' und Rucksäcke Laut Super-Flosser Russel ­Horning, der auch "The Backpack Kid" genannt wird, sieht der Tanz übrigens noch deutlich cooler aus, wenn man dabei einen Rucksack trägt - darin: eine Flasche Wasser, ein Ladegerät und ein paar Fidget Spinner.

Und das sagt eigentlich schon alles: Auch wenn Ballerspiele und andere Kinderzeitdiebe das Flossin' vereinnahmt haben: Bei diesem Tanz geht es viel mehr um Spaß als ums Coolsein. Zumindest geht es nicht um das für Kinder wie Eltern anstrengende gangstercool, das erwachsen, gefährlich und so illegal wie möglich rüberkommen soll.

Flossin' und sein Erfinder Horning stehen dafür, dass es okay ist, nicht bedrohlich mit einer Schusswaffe vor einem Sportwagen rumzuposen, sondern auf Socken durchs Kinderzimmer zu hüpfen. Statt böse zu tun, einfach man selbst und fröhlich sein. Gar nicht so schlecht, oder?

Bis der nächste Move kommt und Flossin' hinter Dab in die Versenkung tanzt, gönnen wir deshalb unseren Kindern auch gern den Witz, auf unsere allabendlichen "Zahnseide nicht vergessen"-Hinweise zu tanzen, als wollten sie Fliegen verscheuchen. Oder eben alle Pflichten.

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