Tourismus Der Gardasee gerät an seine Grenzen

Sirmione am Gardasee: 8000 Einwohner, 1,36 Millionen jährliche Übernachtungen. Da kann es schon mal eng werden am Ufer.

(Foto: imago stock&people)

Volle Strände, verstopfte Straßen, Millionen Hotelgäste und verschmutztes Wasser: Italiens Gardasee wird bei Urlaubern weltweit immer beliebter. Wie lange kann das noch gut gehen?

Von Elisa Britzelmeier, Sirmione

Von Tommaso Bozzas Handtuch aus lässt sich ahnen, wie es früher war. Als sie noch durchs Wasser waten mussten, um die Spiaggia Jamaica zu erreichen, die Gitarre auf dem Rücken. Als außer ihnen vielleicht fünf andere Leute hier badeten, mehr nicht. Tommaso Bozza, 24, und seine Freunde kommen im Sommer immer noch jeden Tag her, an die Spitze der Halbinsel von Sirmione. Nur dass sie seit drei, vier Jahren nicht mehr die einzigen sind. Inzwischen gilt der Strand vielen als der schönste des Gardasees, so vielen, dass sich auf Instagram unter #jamaicabeach mehr Bilder aus Sirmione finden als aus Jamaika.

Bei Touristen wird der Gardasee jedes Jahr beliebter, mehr als 24 Millionen Übernachtungen jährlich sind es inzwischen. Die Deutschen kommen schon immer, aber jetzt reisen auch die Chinesen und die Russen an. Und wer kommt, der bleibt kürzer als früher und verursacht mehr Verkehr. Man macht nicht mehr zwei Wochen Urlaub am Lago, sondern bleibt beispielsweise ein langes Wochenende, zusätzlich zur Fernreise im Jahresurlaub. Die Autos verstopfen die Straßen rund um den See. Naturflächen verschwinden unter Hotels, Umweltschützer machen sich Sorgen um die Wasserqualität. Nicht nur in Sirmione, 8000 Einwohner, 1,36 Millionen Übernachtungen, stellt sich die Frage: Wie soll das weitergehen?

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Nach Sirmione, sagt die Signora im Tourismusbüro, wollen sie alle. Neben den Übernachtungsgästen kommen auch die Tagesausflügler, und viel Platz ist nicht da. Sirmiones Altstadt liegt in einer Scaligerburg mit Ringmauer und Hafenbecken. Eine einzige Brücke führt hinüber, an manchen Tagen so überlaufen, dass die Polizei die Fußgängerströme regeln muss. In Venedig hat die Stadt dieses Frühjahr an zentralen Plätzen Drehkreuze aufgebaut, um den Zulauf zu regulieren. In Sirmione hat man das mit Interesse beobachtet.

Venedig ist längst zum Symbol für "Overtourism" geworden, für die Art von Massentourismus, die ein Urlaubsziel irgendwann zerstört. Klar: Am Gardasee gibt es keine Kreuzfahrtschiffe, und die Touristen konzentrieren sich nicht auf eine Stadt. Sie verteilen sich auf viele Orte rund um den Lago, kaum einer so anfällig wie Sirmione. Anti-Touristen-Proteste wie auf Mallorca gibt es hier nicht. Noch nicht?

Salvatore La Magra jedenfalls ist besorgt. Er findet, der Blick nach Venedig oder Barcelona schadet nicht. "Dort können sie wirklich nicht mehr", sagt er. Zusammen mit Annalisa Mancini engagiert er sich in seiner Freizeit in der Umweltorganisation G.A.R.D.A., nach Feierabend trifft man sich in einer Pizzeria. Nicht am Seeufer, sondern hinter der Schnellstraße, wo an diesem Abend kaum Touristen sind. Gegen die einzelnen Touristen haben sie nichts, sagen beide Umweltschützer gleich am Anfang. Die Frage ist vielmehr: Welche Art von Tourismus will man in Zukunft? Für sie ist klar: einen nachhaltigeren. Sie können viele Beispiele aufzählen, von künstlich aufgeschütteten Sandstränden, illegalen Abwässern, mangelnden Schutzzonen für Vögel, zubetoniertem Grund. Flächenfraß, die Touristen aus Bayern dürften das kennen. Weil Badegäste es lieber sauber haben, gibt es wenig Schilf am Lago. Zu wenig, sagt La Magra. Das Schilf funktioniere ja auch als reinigender Filter. Man könne sich da etwas vom Bodensee abschauen. 40 Prozent der italienischen Süßwasservorräte befinden sich im Lago di Garda. Wenn es viel regnet, das ergeben Untersuchungen von Umweltorganisationen, fließt ungeklärtes Schwarzwasser hinein, weil das Abwassersystem längst überfordert ist. La Magra findet: An die Zukunft denkt hier keiner. "Die Vorstellung von der Natur als Kapital kommt im Wortschatz von Kommunalverwaltungen und privaten Investoren nicht vor." Es geht nicht nur um die Vögel. Wer soll hier noch Urlaub machen, wenn der See irgendwann nicht mehr mitmacht?

Während anderswo billige Flüge Touristen herbeischaufeln, ist der Gardasee immer noch ein typisches Autofahrerziel: mit dem Zug nicht leicht zu erreichen, Buslinien vor Ort schlecht ausgebaut. Im Juli ist ein 17-jähriger Niederländer tödlich verunglückt, weil er hinter der Leitplanke lief, wo es keinen Gehweg gibt, er war mit seinen Eltern in Lazise im Urlaub. 7000 Einwohner, 3,5 Millionen Übernachtungen jährlich, 1346 Autos pro Stunde. Annalisa Mancini hat eine Petition gestartet, die Unterstützer fordern mehr Sicherheit für Fußgänger auf der Gardesana, der Straße, die rings um den See führt. Den Verkehr merkt man auch an der CO₂-Belastung, in Lazise gilt sie als kritisch. Und auf dem Wasser. Im oberen Teil des Sees sind Motorboote verboten. Im unteren sind es so viele, dass das Gebrumme sogar die Urlauber nervt.

Wie sollte man eine Obergrenze durchsetzen?

Zurück in Sirmione sind die Touristen genervt von den anderen Touristen. Dass es so viele sind, hätten sie nicht erwartet, sagt eine Norwegerin - vor sich eine lange Autoschlange. Die Parkplatzsuche ist am ganzen See nicht leicht, auf der Halbinsel ist sie etwas für Menschen, die sich gern quälen. In der Hitze verschmelzen Autositz und Mensch zu einer Einheit, während man zum elften Mal im Kreis fährt, und dann zahlt man 2,20 Euro pro Stunde. Autos dürfen schon lange nur mit Sondererlaubnis ins Centro Storico, Fahrräder auch, sonst droht eine Strafe von 80 Euro. Zumindest in den Sommermonaten.

Aber die Fahrräder sind auch draußen ein Problem, sagt die Signora im Tourismusbüro. Überall stehen und liegen sie herum. Es ist ja nicht so, dass sie in Sirmione keine Touristen mehr haben wollen. Aber manchmal finden selbst Menschen, die im Tourismus arbeiten, dass es eine Obergrenze braucht.

Das mit der Obergrenze hat die Umweltorganisation Legambiente ins Rollen gebracht. Jedes Jahr untersucht Legambiente Lombardia die Wasserqualität im See, im Abschlussbericht 2017 stand: Man müsse beim Thema Tourismus über ein Limit nachdenken. Dabei ging es, sagt die Präsidentin Barbara Meggetto am Telefon, vor allem um Grenzen für die Bebauung. Alles andere: schwierig. Denn wie soll man so eine Obergrenze durchsetzen? Mit einem großen Zaun rund um den gesamten Gardasee?

"Touristen waren immer schon unser Reichtum"

Am Jamaica Beach, vor Tommaso Bozzas Füßen, reichen die flachen Felsen weit ins Wasser, der See ist so karibisch türkis wie nirgends sonst - daher der Name. Auch weil früher angeblich immer jemand hier etwas Gras dabei hatte. Und weil die jungen Frauen oben ohne schwammen. Spiaggia Jamaica, ein Stück Freiheit, ein kleines Paradies. Doch jetzt spazieren im Paradies nicht mehr nur Adam und Eva herum, sondern auch Horst, Melanie und Sabrina.

Angefangen hat es mit der Strandbar, und mit dem neugebauten Weg, der nun direkt von den Grotten des Catull herunterführt. Der Strand wurde für die breite Masse zugänglich gemacht. Er tauchte auf Tripadvisor auf und zuletzt im Kino, in Luca Guadagninos oscarnominiertem Film "Call me by your name". Was man auf Instagram nicht sieht und eine blondköpfige Familie nun schwitzend erfahren darf: mit einem Kinderwagen kommt man da eher nicht so gut runter.

Ja, es ist überlaufen, sagt Tommaso Bozza. Aber wieso sollte man sich beschweren? "Touristen waren immer schon unser Reichtum." Es stimmt ja auch: Noch in den Sechzigerjahren waren die Orte des Gardasees einfache Fischerdörfer. Am Lago kann man immer noch gut leben, finden Bozza und seine Kumpels - und das finden auch die Umweltschützer. Annalisa Mancini sagt es so: Der Tourismus ist nicht nur finanziell wertvoll, sondern auch kulturell. Als Austausch. Immerhin.

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