Kolumne "Vor Gericht":Die Anstalt

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Über eine Gefängnisdirektorin, die sehr genaue Vorstellung hat, wie ein würdiges Leben hinter Gittern aussehen sollte.

Von Verena Mayer

Irgendwann gibt es vor Gericht diesen Punkt, an dem das Danach beginnt. Wenn das Urteil gesprochen ist, sich der Saal leert und die Prozessbeteiligten ihrer Wege gehen. Dann kommt für die Opfer oder deren Angehörigen die Zeit, in der sie wieder allein sind mit sich und den Folgen eines Verbrechens. Und es ist der Moment, an dem man Täter zum letzten Mal sieht, weil sie nun meist für eine lange Zeit ins Gefängnis kommen.

Die Öffentlichkeit erlebt diesen Moment oft wie eine Theatervorstellung, wenn sich der Vorhang senkt. Der Täter ist weg, die Sache ausgestanden. Doch auch für Verurteilte gibt es ein Danach. Wie das aussieht, erfährt man, wenn man jemanden wie Anke Stein kennenlernt. Stein, 52, arbeitet seit vielen Jahren als Gefängnisdirektorin. Sie ist eine von wenigen Frauen in dem Job, was sie im Männergefängnis auch schon zu spüren bekam. So wollte ihr einmal ein Islamist erklären, dass sie ihm als Frau nichts vorzuschreiben habe. Stein hat darauf mit Berliner Schnauze reagiert und geantwortet, sie hoffe, er werde nie erfahren, was sie ihm alles vorschreiben dürfe.

Das sagt auch einiges darüber aus, was die Juristin unter zeitgemäßem Strafvollzug versteht. Ein Gefängnis, sagte Stein, als wir uns vor einigen Jahren in ihrem kargen Büro in der Berliner JVA Moabit unterhielten, sei für sie ein Ort, an dem "Menschen gegen ihren Willen wohnen". Und mit diesen Menschen müsse sie umgehen.

Ganz besonders schlimm sind die ersten Tage in der Untersuchungshaft

Anke Stein kann viel über das Danach erzählen. Wenn den Verurteilten klar wird, dass das Gefängnis jetzt ihr Leben ist und das Leben draußen ohne sie weitergeht. Wenn eines Tages die Ehefrau anruft, dass sie einen anderen hat, oder die Kinder einen nicht mehr sehen wollen. Ganz schlimm seien die ersten Tage in der Untersuchungshaft, sagt Stein. Denn das bedeute, dass jemand gerade noch zu Hause war, in seinem eigenen Bett geschlafen hat. Und am nächsten Tag wacht er in einem Gebäude mit Zäunen, Mauern, Stacheldraht auf und weiß nicht, was aus seinen Angehörigen wird, wer dem Arbeitgeber Bescheid sagt, wie die Miete bezahlt wird. Das sei auch der Moment, in dem das Suizidrisiko am höchsten ist. Untersuchungsgefangene werden daher meistens zu zweit untergebracht.

Stein findet, dass Freiheitsentzug eine angemessen harte Strafe für Verbrechen ist. Weil man Menschen im Gefängnis über Jahre verbiete, auch nur einen Schritt als eigenständige Person zu tun. Es werde ihnen vorgeschrieben, wann sie morgens aufstehen und abends zu Bett gehen müssen, wen sie sehen dürfen und was ihnen an Besitz erlaubt ist. Wenn Leute dann finden, dass der Strafvollzug in Deutschland zu milde oder manche Haftanstalt zu gut ausgestattet sei, sagt Anke Stein: Die allermeisten Gefangenen werden irgendwann wieder am Leben teilnehmen - will man da, dass sie in der Haft Schmutz, Gewalt und Verwahrlosung erleben? Will man als Gesellschaft Menschen mit solchen Erfahrungen um sich haben? Nein, das will man nicht. Der erste Tag der Haft sei auch der erste Tag der Resozialisierung, der Beginn eines Lebens danach.

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