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Statistisches Bundesamt:Akademikerinnen bekommen wieder öfter Kinder

Mutter und Kind

Karriere und Kind scheinen heute leichter vereinbar zu sein - zumindest wenn man der Statitisk glaubt.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Der Anteil der Frauen ohne Kinder ist nicht weiter gestiegen, hat das Statistische Bundesamt herausgefunden. Gleichzeitig hat die Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern zugenommen.
  • Familienforscher machen dafür Maßnahmen wie Elterngeld und Elternzeit, vor allem aber den Ausbau der Kinderbetreuung verantwortlich. Das scheint aber nur bei Akademikerinnen einen Effekt zu zeigen.
  • Während die Kinderlosigkeit bei Hochqualifizierten zurückgeht, steigt sie bei in Deutschland geborenen Frauen ohne akademischen Abschluss weiter an.

Von Anna Fischhaber und Katharina Brunner (Grafiken)

Lange galt in Deutschland: Je höher die Bildung, desto weniger Babys. Wer viel Zeit und Geld in seine Ausbildung gesteckt hatte, wollte anschließend Karriere machen - und nicht Mutter, Hausfrau und Teilzeitkraft werden. Zudem fehle vielen Akademikerinnen, so hieß es lange, schlicht der richtige Mann. Dieser Trend scheint nun gestoppt: Dem Statistischen Bundesamt zufolge ist die Kinderlosigkeit bei Hochqualifizierten zurückgegangen. Unter den 40- bis 44-jährigen Akademikerinnen betrug der Anteil der Kinderlosen 2016 sogar nur noch 25 Prozent - und damit drei Prozentpunkte weniger als 2012.

Bereits seit einigen Jahren verzeichnet Deutschland einen leichten Babyboom. Die Geburtenziffer erreichte im Jahr 2015 erstmals seit 1982 wieder den Wert von 1,5 Kindern je Frau. Nun wurden die Deutschen zum dritten Mal zur Geburt befragt. Eine Erkenntnis ist, dass die Kinderlosigkeit unter Frauen nach 30 Jahren gestoppt ist. Zuvor hatte sie sich von elf Prozent bei den 1937 geborenen Frauen bis auf 21 Prozent beim Jahrgang 1967 nahezu verdoppelt. Nun hat sich die Kinderlosenquote bei den Frauen der Jahrgänge 1967 bis 1974 bei etwa 20 Prozent verfestigt. Ob sich der Positivtrend auch bei Jüngeren fortsetzt, ist noch offen. Die Forscher sprechen erst bei Frauen ab 45 Jahren von einer endgültigen Kinderlosigkeit.

"Wir sind auf einem guten Weg", glaubt Familienforscher Johannes Huinink von der Universität Bremen. Er hält es für möglich, dass die Geburtenrate langfristig wieder auf 1,7 Kinder pro Frau in Deutschland ansteigt. Faktoren wie die Zuwanderung und die wirtschaftliche Situation seien wohl gar nicht so entscheidend. "Man sieht aber, dass familienpolitische Maßnahmen wie Elternzeit und Elterngeld plus, vor allem aber die Verbesserung der Versorgung mit Kitaplätzen, jetzt greifen", so Huinink. Er glaubt, dass Frauen deshalb wieder mehr Kinder bekommen.

Ähnlich sieht es sein Kollege Martin Bujard, Forschungsdirektor beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: "Während sich Frauen vor zehn Jahren noch oft zwischen Kind und Karriere entscheiden mussten, geht heute beides zusammen viel leichter." Demnach schieben zwar viele Akademikerinnen ihren Babywunsch lange auf, setzen diesen aber später, oft erst ab 35, dann doch noch um.

"Maßnahmen wie das einkommensabhängige Elterngeld zeigen aber nur bei Akademikerinnen einen Effekt", sagt Bujard. Denn während die Kinderlosigkeit bei hochqualifizierten Frauen zurückgeht, steigt sie zumindest bei in Deutschland Geborenen ohne akademischen Abschluss weiter deutlich an. "Diese Frauen passen sich ein Stück weit an das Lebensmodell der Akademikerinnen an, schieben den Kinderwunsch auf und gewöhnen sich an ein Leben ohne Kinder", vermutet Bujard. Dieser Trend wird allerdings durch eine niedrigere Kinderlosigkeit der Zuwanderinnen gedämpft.

Für den Erfolg familienpolitischer Maßnahmen spricht auch, dass Frauen nach der Geburt ihres Kindes schneller in den Beruf zurückkehren und häufiger Vollzeit arbeiten. Das gilt vor allem für akademisch gebildete Mütter. Erst einmal setzen Frauen aber in der Regel aus. Mit steigendem Alter des Kindes erhöht sich dann der Anteil der berufstätigen Mütter.

Innerhalb der vergangenen acht Jahre hat die Erwerbstätigkeit vor allem bei Frauen mit Nachwuchs im Krippenalter erheblich zugenommen. 44 Prozent der Mütter mit einjährigem Kind sind heute erwerbstätig (2008: 36 Prozent). Ist das jüngste Kind zwei Jahre alt, geht bereits deutlich mehr als die Hälfte (wieder) einer Erwerbsarbeit nach (2008: 46 Prozent). Damit liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der europäischen Länder hinter Schweden, Dänemark, Slowenien und Litauen, aber vor Ländern wie Griechenland oder Italien.

Während die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft in Deutschland immer besser funktioniere, hapere es beim Thema Vaterschaft noch, glaubt Familiensoziologe Huinink: "Väter, die länger als zwei Monate in Elternzeit nehmen wollen, werden immer noch häufig subtil oder auch offen auf Probleme stoßen." Über die Gesetzgebung sei das schwer zu regeln, allerdings müsse die Politik noch mehr tun, als nur Elterngeld plus anbieten. "Solange bestimmte Familienleitbilder noch wirksam sind, wie Männer (und Frauen) als Mitarbeiter "funktionieren" sollen, ist das mit der Nachfrage nach diesen Leistungen seitens der Männer so eine Sache."

Trotz der Debatten um die Kinderlosigkeit werden in Deutschland etwa 80 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens Mutter. Damit gehört die Bundesrepublik neben der Schweiz, Italien und Finnland aber zu den Ländern mit der höchsten Kinderlosigkeit in Europa. Auch innerhalb des Landes gibt es Unterschiede: Spitzenreiter waren die Stadtstaaten, allen voran Hamburg mit 31 Prozent kinderlosen Frauen. In den westdeutschen Flächenländern war die Quote mit 21 Prozent fast doppelt so hoch wie in den ostdeutschen Flächenländern mit nur 12 Prozent. In allen Bundesländern ist die Kinderlosigkeit in Städten höher als auf dem Land. Besonders auffällig waren 2016 diese Unterschiede in Bayern mit 15 Prozent kinderlosen Frauen auf dem Land und 30 Prozent in den Städten.

© SZ.de/olkl/stein
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