Hilfsbereitschaft Deutsche spenden mehr, als Ikea im Jahr umsetzt

Geld in die Spendendose: eine Möglichkeit, zu spenden. Experten raten aber, sich vorab zu informieren, wem man sein Geld anvertraut.

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Die Bundesbürger geben jedes Jahr Milliarden, vor allem jetzt, im Dezember. Wohin das meiste Geld fließt - und was man beim Spenden beachten sollte.

Von Oliver Klasen

Wie groß ist die Spendenbereitschaft der Deutschen?

Wie hoch ist der Betrag, den die Menschen in Deutschland pro Jahr an wohltätige Organisationen spenden? Um das zu ermessen, helfen zwei Vergleichswerte: Vor einigen Wochen hat das schwedische Möbelhaus Ikea bekanntgegeben, dass es beim Jahresumsatz in Deutschland erstmals die Grenze von fünf Milliarden Euro überschritten hat. Der Haushaltsentwurf der Stadt Köln für das laufende Jahr liegt in einer ähnlichen Größenordnung, fast 4,6 Milliarden Euro. Doch die wohltätigen Spender zahlen in diesem Jahr sogar noch mehr, als Köln ausgibt und Ikea umsetzt. Je nachdem, wie der Dezember ausfällt - und der ist für fast alle Hilfsorganisationen stets der Monat mit den höchsten Spendeneinnahmen - dürften am Ende zwischen 5,39 und 5,52 Milliarden Euro zusammenkommen.

Die Zahl stammt vom Deutschen Spendenrat, einem Dachverband von 65 meist größeren Hilfsorganisationen, die in Deutschland Spenden sammeln. Erhoben hat sie das Marktforschungsinstitut GfK; es hat 10 000 Menschen befragt. Es ist die aktuellste Erhebung zum Spendenverhalten der Deutschen. Ende November wurde sie veröffentlicht, Daten bis Ende September sind eingeflossen. Die Entwicklung der letzten drei Monate des Jahres schätzten die Statistiker auf Basis der vergangenen Jahre.

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Der Deutsche Spendenrat schreibt in seiner Veröffentlichung von einem "guten Spendenjahr" - und er liest vor allem einen Trend ab: Immer weniger Leute spenden immer mehr Geld. So sei im Vergleich zur Erhebung von 2017 der Anteil der Spender in der Bevölkerung zwar von 25,2 auf 24,5 Prozent zurückgegangen. Jene Spender überwiesen aber pro Spendenanlass nicht mehr nur 32, sondern im Durchschnitt 35 Euro.

Wohin fließt das gespendete Geld?

Aus den Zahlen ergibt sich auch, dass Tierschutz, Natur- und Umweltschutz, Sport sowie Kultur- und Denkmalpflege nur einen jeweils relativ kleinen Anteil am Spendenvolumen der Deutschen haben. Das meiste Geld fließt humanitären Zwecken zu, also etwa in die Entwicklungshilfe, die Kinder- und Jugendhilfe, die Hilfe für Kranke und Behinderte, sowie in die Not- und Katastrophenhilfe. Vor allem letztere schwankt sehr stark. So spendeten die Deutschen zum Beispiel im Jahr 2002 große Summen für die Betroffenen der Elbeflut. Als 2015 Hunderttausende Kriegsflüchtlinge nach Deutschland kamen, gab es eine ähnliche Entwicklung.

Verlässliche Daten zum Spendenverhalten zu gewinnen, ist kompliziert. Zum einen sind die Forscher hauptsächlich auf Befragungen der Spender angewiesen, die naturgemäß fehleranfällig sind. Zum anderen variieren die Methoden dieser Befragungen stark - und damit die Werte, die am Ende herauskommen. Außerdem gibt es eine riesige Fülle an Hilfsorganisationen.

Wer sind die Spendenempfänger?

Mehr als 600 000 gemeinnützige Vereine bestehen in Deutschland. Die meisten von ihnen nehmen Spenden an, doch nur etwa 2000 bis 3000, so schätzt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in Berlin, werben aktiv um Geld, etwa mit Werbekampagnen, prominenten Spenden-Paten oder indem der Vorsitzende einen Brief an die Mitglieder schreibt.

Wie beugen Spender gegen Betrug vor?

Als Orientierungshilfe für potenzielle Spender vergibt das DZI seit mehr als 25 Jahren ein Spendensiegel und prüft, ob Hilfsorganisationen verantwortungsvoll mit dem ihnen anvertrauten Geld umgehen. Ein Kriterium ist die Höhe der Verwaltungsausgaben einer Hilfsorganisation. Liegen sie bei mehr als 30 Prozent, ist das nach Ansicht der DZI-Experten unangemessen. Das DZI gibt sogar Warnhinweise heraus und listet Organisationen auf, die nicht ausreichend über ihre Arbeit informieren, nicht genügend Daten zur Verfügung stellen oder bei denen die Verwendung des Geldes zweifelhaft ist.

Immer wieder gab es in der Vergangenheit Fälle, in denen Wohltätigkeitsorganisationen Gelder zweckentfremdet haben. So geriet vor fünf Jahren in Berlin der Leiter einer Obdachlosenhilfe in die Schlagzeilen, weil einen luxuriösen Sportwagen samt Chauffeur auf den Verein angemeldet, aber auch privat genutzt haben soll. Im gleichen Jahr gab es Vorwürfe gegen die von Schauspieler Karlheinz Böhm gegründete Organisationen "Menschen für Menschen", die sich in der Entwicklungshilfe in Äthiopien engagiert. Auch das Kinderhilfswerk Unicef musste vor Jahren um seinen Ruf kämpfen, nachdem ein Geschäftsführer überhöhte Honorare an externe Spendenwerber gezahlt haben soll.

"Die Spender informieren sich heute viel genauer darüber, wo ihr Geld hingeht. Spiegelbildlich ist aber auch das Interesse der Organisationen an Transparenz gestiegen", sagt Daniela Geue, die Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrates. Der Spendenrat bietet den Wohltätigkeitsorganisationen kostenlose Beratungen von Wirtschaftsprüfern zum Thema transparente Finanzen an. Das hilft beim Aufsetzen von Jahres- und Rechenschaftsberichten. Ein solcher Bericht ist für Experten eines der wichtigsten Kriterien für Seriosität.

Wo kann man sich informieren?

Sowohl der Fundraising-Verband als auch der Deutsche Spendenrat und das DZI haben auf ihren Webseiten Regeln für das richtige Spenden aufgelistet: Sich nicht unter Druck setzen lassen, erst recht nicht an der Haustür. Bei allzu emotionalen und reißerischen Spendenaufrufen kritisch bleiben. Die zur Verfügung stehende Summe am besten auf wenige Organisationen konzentrieren und sich nicht durch eine professionell gemachte, aber nichtssagende Website blenden lassen.

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