Psychologie des Fleischkonsums "'Humaner Fleischkonsum': ein PR-Manöver der Fleischindustrie"

Sie sagen, die moderne Tierproduktion sei eine der brutalsten Praktiken der Menschheitsgeschichte. Das erinnert mich an eine Aussage des Literatur-Nobelpreisträgers und Tierrechts-Aktivisten Isaac Singer, der den Umgang der Menschen mit den Tieren mal als ein "ewiges Treblinka" bezeichnet hatte. Stimmen Sie dem zu?

Die Autorin Melanie Joy ernährt sich vegan.

(Foto: Melanie Joy)

Schauen wir auf die Opferzahlen: Weltweit werden 124.000 Tiere geschlachtet - pro Minute. Aber man muss natürlich sehr vorsichtig sein. Keine Unterdrückung ist gleich, jedes Opfer mit seinen Leiden ist einzigartig und unterschiedlich. Aber die Ideologien, die dahinterstecken, sind strukturell ähnlich. Es geht um die Mentalität, die es uns ermöglicht, ein Lebewesen als ein Ding oder eine Produktionseinheit zu betrachten. Ob man nun ein Tier quält und foltert oder aber einen Menschen versklavt. Deswegen glaube ich, dass der Veganismus auch ein Thema der sozialen Gerechtigkeit ist. Mir geht es nicht um eine Veränderung des Verhaltens. Mir geht es um eine Veränderung des Bewusstseins. Weg von der Unterdrückung, hin zur Befreiung.

Viele Menschen machen inzwischen einen Schritt in diese Richtung, indem sie auf Fleisch aus Massentierhaltung verzichten und stattdessen Bio-Fleisch kaufen. Was halten Sie davon?

Ich halte das Konzept des "humanen Fleischkonsums" für nichts weiter als ein PR-Manöver der Fleischindustrie. Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie sind als Gast auf einer Dinner-Party. Kerzenschein, edle Weingläser, der Geruch von leckerem Essen. Sie haben den ganzen Tag nichts gegessen, Ihr Magen grummelt schon. Sie laden sich eine ordentliche Portion eines appetitlichen Eintopfs auf den Teller, und nachdem Sie ein paar Bissen vom zarten Fleisch genossen haben, fragen Sie Ihre Gastgeberin nach dem Rezept. "Oh gerne", antwortet die. "Du beginnst mit fünf Pfund Golden Retriever, gut mariniert, und dann ..." Halten Sie kurz inne. Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen dabei geht. Und dann sagt die Gastgeberin noch: "Keine Sorge, die Hündin hatte ein gutes Leben. Sie konnte rennen und spielen und sie hatte viele Freunde, bevor sie im Alter von sechs Monaten getötet wurde." Ich glaube, die meisten würden sich abwenden, obwohl sie den Geschmack des sechs Monate alten Hundes mochten. Wenn das Tier aber einer anderen Spezies angehört, wenden sie sich plötzlich nicht mehr ab.

Glauben Sie nicht, dass es besser ist, Fleisch zu kaufen, das aus artgerechter Haltung oder der sogenannten Bio-Produktion stammt - auch wenn die Tiere am Ende sterben müssen?

Ich persönlich ermutige Leute nicht, Bio-Fleisch zu kaufen. Ich glaube, es ist besser, weniger Fleisch zu essen. Denn die Bedingungen der Tiere in den sogenannten Bio-Fabriken sind - zumindest in den USA - nicht besser. Der Schlachtprozess ist nahezu identisch. Die Hühner haben vielleicht ein paar mehr Zentimeter, um sich zu bewegen. Aber ihre Schnäbel werden immer noch abgeschnitten und die allgemeinen Lebensbedingungen sind immer noch furchtbar.

Sie sagen, dass nicht nur die Tiere Opfer des Karnismus sind - sondern auch die Menschen. Wie kommen Sie darauf?

Jeder leidet unter diesem System. Die Fleischproduktion ist eine der Hauptursachen für gravierende Umweltprobleme, von der Abholzung bis zum Wasserverbrauch. Hoher Fleischkonsum steht zudem im Verdacht, Krebs, Herzkrankheiten oder Diabetes zu begünstigen. Und die Fleischindustrie gilt - zumindest in den USA - als eine der gefährlichsten und ausbeuterischsten Arbeitsstätten. Die Arbeiter dort leiden zum Beispiel viel häufiger unter Depressionen als der Rest der Bevölkerung.

Jetzt haben wir den Salat

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Sie als Veganerin verzichten in Ihrer Ernährung komplett auf tierische Produkte. Was halten Sie denn von Vegetariern?

Ich war zunächst auch Vegetarierin und konsumierte weiter Milchprodukte, weil ich dachte, dies würde den Tieren keinen Schaden zufügen. Die Realität sieht aber anders aus. Die Milchindustrie ist vielleicht sogar die brutalste Tierindustrie überhaupt. Sie ist ausbeuterisch, es gibt dort, was die Opferzahlen angeht, wahrscheinlich sogar mehr Leiden, als in der Fleischindustrie.

Ihre Vorträge beginnen oft mit Bildern, in denen Menschen und Tiere harmonisch nebeneinander zu sehen sind. Glauben Sie, dass man Tiere mögen muss, um auf Fleisch zu verzichten?

Empathie hilft natürlich. Aber Peter Singer hat einmal darauf hingewiesen, dass es für die Gegner der Sklaverei in den USA nicht zwingend notwendig war, Afroamerikaner zu lieben, um Gerechtigkeit für sie zu verlangen. Ich denke, das Gleiche gilt für Menschen, die keine Tiere essen wollen.