Protokolle:Cowboy der Straße und Kämpferin

Janko Nenkov, 49, Tagelöhner

Gringo träumt von Texas, doch er wird Texas niemals sehen. Er wartet in München auf Arbeit, jeden Tag. Wenn er Glück hat, dann darf er auf der Baustelle sauber machen. Doch zuletzt hat er oft vergeblich gewartet, im heißen Sommer, auf dem Arbeiterstrich am Bahnhof. Dann hat Gringo Flaschen gesammelt und sich irgendwann schlafen gelegt, draußen, auf seinem Platz vor der Kirche. Wenn man ihn nach der Zukunft fragt, dann erklärt er, dass es wohl immer so weitergehen werde, bis es irgendwann nicht mehr weitergeht. Und dann sagt er, was er meistens sagt: "Kein Problem."

Janko Nenkov, 49, trägt einen Cowboyhut, sein kariertes Hemd hat er in die Jeans gesteckt, damit man den schwarzen, mit Nieten bestickten Ledergürtel sehen kann. An einem Tag ohne Arbeit rasiert er sich den Schnurrbart wie ein Sheriff. Damals, daheim im sozialistischen Bulgarien, verliebte er sich in die ersten John-Wayne-Filme und die Sehnsucht nach Freiheit. Er hat sich mit zwölf einen Cowboy auf die Schulter tätowieren lassen, ein Strichmännchen. Nenkov ist einer von Hunderten Tagelöhnern in München, die aus Pasardschik in Bulgarien kommen. Die Kollegen nennen ihn Gringo. Die Polizisten nennen ihn Cowboy.

Der Tag für einen Tagelöhner beginnt um 6 Uhr, an der Kreuzung Landwehrstraße/Goethestraße, vor einem Café oder hinter einer Telefonzelle. An einem Junimorgen sind es rund 20, die hier stehen und warten, dass ein Auftraggeber vorbeikommt, ihnen zuzwinkert, sie mitnimmt. Jeder ist ein Einzelkämpfer. Manche arbeiten mit Papieren, manche ohne, wie es gerade kommt. Mal für Wochen, mal für Tage, mal für zwei Stunden schleppen sie irgendwo irgendwelche Kisten irgendwohin. Ausgebeutet werden sie immer.

Janko Nenkov hat zum letzten Mal im März mit Papieren gearbeitet, er hat alles dokumentiert. Sechs Tage, 48 Stunden, nach Abzug von Steuer und Sozialversicherung bleiben ihm 309 Euro netto. Er bekam 100 als Vorschuss. Auf den Rest wartet er seitdem. Ein Sozialarbeiter von der Arbeiterwohlfahrt versucht seit Wochen, den ausstehenden Lohn zu erstreiten. "Wir sind EU-Bürger", sagt Nenkov, "aber niemand will uns haben." Er ist seit zwei Jahren in Deutschland, in Bulgarien gab es für ihn keine Arbeit mehr. Wenn man ihn fragt, ob er das ungerecht findet, dann sagt er, dass alles Schicksal sei und ein Tag mit einem Job schon okay. Er meint: "Kein Problem."

Janette Fromm, 27, Hebamme aus Osnabrück

Der Traumjob von Janette Fromm stirbt aus. Weil die Geburtshilfe als risikoreich gilt und weil sie Krankenhäusern kaum Profit einbringt, können sie sich viele nicht mehr leisten. "Ich mache meine Arbeit sehr gerne", sagt Fromm und lächelt kurz. "Hebamme zu sein, ist eine Art Berufung für mich." Doch die aktuelle Entwicklung erschreckt sie. "Es gibt Dienste, in denen man es nicht einmal schafft, auf die Toilette zu gehen oder zu essen", sagt Fromm.

Überall sind die bundesweit steigenden Geburtenzahlen zu spüren, auch in Niedersachsen. Janette Fromm arbeitet dort in einem kleinen Krankenhaus. Sie ist eine von zehn freiberuflichen Hebammen, die im Jahr zusammen 750 Babys auf die Welt helfen. Sie arbeitet in der Woche zwischen 45 und 60 Stunden, tags, nachts, am Wochenende. An manchen Tagen betreut sie fünf Frauen gleichzeitig. Dafür bekommt sie netto weniger als 7,50 Euro die Stunde. Nebenbei kümmert sie sich um Frauen aus der Region.

Festangestellte Hebammen rentieren sich für Krankenhäuser erst ab 800 Geburten im Jahr. Per Gesetz aber muss bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein. Treten keine Komplikationen auf, darf eine Hebamme die Geburt alleine leiten. Bei einem Kaiserschnitt dagegen kann ein ganzes OP-Team abgerechnet werden. Weil sogenannte Beleghebammen wie Fromm die Risiken ihrer Arbeit selbst tragen, sparen die Kliniken. Seit Juli 2017 müssen Hebammen mehr als 7600 Euro für ihre Haftpflichtversicherung zahlen, der Betrag steigt jährlich.

Janette Fromm, Hebamme
(Foto: Jan Fromm)

In den letzten 25 Jahren mussten in Deutschland 40 Prozent der Kreißsäle schließen. Der Hauptgrund dafür ist der Mangel an Hebammen. Immer mehr hören wegen der hohen Belastung auf, wechseln den Job, gehen in Rente. Gleichzeitig vergrößern sich die Einzugsgebiete der Kliniken. Mit ihnen steigt die Arbeitsbelastung im Kreißsaal.

Doch Janette Fromm will nicht aufgeben. "In meinem Beruf trage ich die Verantwortung für zwei Leben", erklärt sie, das mache sie stolz. Aber die Fassungslosigkeit in ihren Augen bleibt. "Die Arbeit wird nicht weniger", sagt sie, "es ist wie ein Teufelsrad, das sich immer weiter dreht."

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