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Promis und die Liebe - Schmachtwort der Woche:"Küss mich auf den Mund!"

Die Gefährtin des französischen Präsidenten bestand zuletzt auf diese öffentliche Geste. Weil der Kuss auf den Mund signalisiert: "Alles meins!". Dieses Ritual hat schon in Kindertagen funktioniert: Wer es abschleckt, darf es behalten.

Wir küssen zur Begrüßung. Wir küssen zum Abschied. Wir küssen Hand, Ring oder Fuß. Wir küssen aus Rührung, Respekt oder Dankbarkeit. Und aus Liebe natürlich. Schließlich lieben wir unser Kind, die Geschwister, die Eltern und andere Verwandte. Auch unseren Partner lieben wir. Unser Haustier sowieso. An dieser Stelle wird es allerdings kompliziert. Schließlich küssen wir den Geliebten anders als die Tante und erst recht anders als die Katze.

Schmachtwort Trierweiler Kolumne Liebe

Das Schmachtwort der Woche kommt diesmal von Première Dame Valérie Trierweiler.

(Foto: Sophie Kaiser)

An der Art, wie wir jemanden küssen, erkennt nicht nur der Geküsste, wie man zu ihm steht. Auch die Umwelt soll es manchmal sehen. Unter anderem deshalb knutschen wir Onkel Erich nicht nass auf den Mund, sondern geben ihm ein Küsschen auf die Wange. Und deshalb sollten wir dem Kollegen am besten keines geben, schon gar nicht, wenn der Gatte an der Pforte auf uns wartet. Das gibt nur Ärger. Um ihn zu besänftigen und die Verhältnisse wieder geradezurücken, müsste man mit dem Partner mindestens eine Minute am Stück heftig zungenküssend vor dem Drehkreuz verweilen. Aber was soll dann der Chef denken, der vielleicht zufällig des Wegs kommt?

Frankreichs frisch gewählter Präsident François Hollande hätte all das berücksichtigen müssen, als er sich am Abend des 6. Mai bei der Siegesfeier der Sozialisten seiner Expartnerin Ségolène Royal näherte, um sich bei der Mutter seiner vier Kinder mit einem keuschen Wangenkuss für ihre Unterstützung zu bedanken. Obwohl Frankreich quasi das Land der Wangenküsse ist, fühlte sich seine aktuelle Lebensgefährtin Valérie Trierweiler von dieser öffentlichen Geste derart zurückgesetzt, als hätte er ihrer Vorgängerin die Zunge in den Hals geschoben. Noch bevor Hollande seine Bussi-Bussi-Show bei Valérie fortsetzen konnte, forderte sie von ihm einen ebenso öffentlichen Beweis dafür, dass sie in der Kuss-Hierarchie weiter oben steht als die Sozialistin: "Embrasse-moi sur la bouche - Küss mich auf den Mund!" soll sie ihm zugezischt haben.

Der Präsident gehorchte - oder versuchte es wenigstens. Während Valérie ihm ihre Lippen darbot und triumphierend einen Arm zur Siegergeste hoch riss, rutschten seine Lippen irgendwie eine Etage tiefer. War es ihre schwungvolle Bewegung, die seinen Mund in die Irre leitete oder ein Rest an Widerstand, den er wagte? Wir werden es wohl nie erfahren. Das Bild, das daraufhin durch die Medien ging, eignet sich jedenfall nicht gerade für den heimischen Kaminsims im Élysée-Palast: Ein Mann, der mit zusammengepressten Lippen das Kinn einer Frau küsst, während sie mit ihrer erhobenen Hand zu signalisieren scheint: Alle mal herschauen! Er küsst mich, mich!

Es hätte so schön werden können. Fast so schön wie das Foto "Le Baiser de l'Hôtel de Ville" von Robert Doisneau. Immerhin gelten Franzosen im Gegensatz zu den Deutschen weltweit als naturbegabte Küsser. Stattdessen wurde es zum Dokument verkrampfter, misslungener Zurschaustellung. In einem Punkt immerhin ging Valérie Trierweilers Rechnung auf: Nicht nur Hollande, auch Wähler und Parteikollegen haben in diesem Moment erkannt, an wessen Lippen der Präsident gefälligst zu hängen hat. Der öffentliche Kuss hat damit zumindest eine Aufgabe erfüllt.

Wer es abschleckt, darf es behalten

Selbst in unserer modernen Gesellschaft funktioniert der Kuss auf den Mund also noch immer wie ein Stempel mit der Aufschrift "Privatbesitz". Die Geste hat beinahe etwas Archaisches. Wer in einer Großfamilie aufgewachsen ist, erinnert sich mit wohligem Grausen an die gemeinsamen Abendessen mit den sechs Brüdern: Wer sich das größte Stück sichern wollte, musste es nur abschlecken - dann durfte er es behalten.

Unter anderem deshalb küssen sich Paare in der Öffentlichkeit. Leider übertreiben es einige mit der Signalwirkung und erwecken eher den Eindruck, sich gegenseitig zu verdauen. Statt Zeuge einer intimen Zärtlichkeit zu sein, hat man manchmal das Gefühl, einem kannibalistischen Ritual beizuwohnen. Liegt es an der Schamlosigkeit der Menschen? Oder können sie es einfach nicht besser? So was kann doch keinen Spaß machen - jedenfalls nicht beiden.

Die University of Albany (State University of New York) ging dieser Frage auf den Grund und fand heraus, dass Männer und Frauen sowohl aus unterschiedlichen Gründen als auch auf verschiedene Arten küssen. So kam Forschungsleiter Gordon Gallup zu dem Ergebnis, dass Männer das Küssen zwar nicht sonderlich schätzen, es aber tun, um ihre Chancen auf Sex zu erhöhen. Frauen hingegen betrachten Küssen als vertrauensbildende Maßnahme. Deshalb genügt den Damen auch ein romantischer, gesellschaftsfähiger Kuss à la Charles und Diana, während Männer ihr Gegenüber lieber anfeuchten und es mit der Zunge bearbeiten.

Das erklärt immerhin, warum männliche Kusstechniken manchmal an das Würgen eines Python erinnern, der versucht, ein trächtiges Schaf zu verdrücken: Da wird der Kiefer ausgehängt, gesabbert, geleckt und das Zäpfchen so lange mit der Zunge gekitzelt, dass man sich fragt, wann das Opfer endlich um Gnade bettelt. Kein Wunder, dass jede zweite Frau mit den Kuss-Qualitäten der Männer unzufrieden ist. Dabei glaubt jeder fünfte Mann von sich, er sei ein begnadeter Küsser.

Könnte also durchaus sein, dass Hollande einfach zu dusselig ist zum Küssen, sich selbst aber für ein echtes Genie hält. Vielleicht wollte der frisch gewählte Präsident damals im Rausche des Erfolgs bei seiner Gefährtin gerade die Pythontechnik ansetzen, begann sie einzuspeicheln - und glitschte ab. Dann wäre es kein Wunder, dass Valérie mit ihrer Hand wedelte. Vielleicht wollte sie einfach Hilfe holen.

© Süddeutsche.de/leja/rus
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