bedeckt München
vgwortpixel

Menstruation:Schule schwänzen - aus Scham

Gegen diesen Teufelskreis setzt sich eine Initiative namens "The Red Cycle" ein. Gegründet wurde sie von einem jungen Mann, Arjun Unnikrishnan, damals selbst noch Schüler. Er wollte, wie er sagt, "auch Jungen mit der weiblichen Periode vertraut machen" und Mädchen erklären, "was währenddessen in ihrem Körper passiert und wie sie damit umgehen können". Da er aus dem Unterricht wenig über die Menstruation wusste, las Arjun Bücher und informierte sich bei einer Lehrerin. Er begann, vor Schülern Vorträge zu halten. Bald bekam Arjun Unterstützung von ein paar Mitschülern, Jungen und Mädchen, die Gruppe nannte sich "Der rote Zyklus". Heute besteht sie im Kern aus Arjun, drei jungen Frauen und zwei Männern. Die Studierenden halten Vorträge und veranstalten Talkrunden an Schulen und Universitäten. Sie sind unterwegs im gesamten Bundesstaat Kerala, im Süden des Landes.

Dort leben mehr Menschen mit höherer Bildung in eher urbanen Gebieten, die Bewohner wissen über den weiblichen Zyklus bereits besser Bescheid als im Rest des Landes. Neben Kerala liegt der Bundesstaat Tamil Nadu. Dort sitzt in der Stadt Auroville das Unternehmen "Eco Femme", das waschbare Stoffbinden für Frauen herstellt. Die "Eco Femme"-Gründerinnen, Jessamijn Miedema und Kathy Walkling, sprechen regelmäßig mit Mädchen und Frauen über den biologischen Prozess der Periode, die Nutzung von Hygieneartikeln und deren Entsorgung. Für ihre Gespräche reisen sie auch in entlegene, ländliche Gebiete im Norden Indiens. Immer wieder erfahren Miedema und Walkling, dass dort die Kosten der Monatshygiene "für die meisten Frauen die größte Sorge" seien.

Wie eine Studie belegt, verwenden nur zwölf Prozent der indischen Frauen im fruchtbaren Alter Binden. Viele der Übrigen können sich Hygieneartikel nicht leisten. Eine wasch- und wiederverwendbare "Eco Femme"-Stoffbinde kostet umgerechnet 3,20 Euro, eine herkömmliche Binde zwischen sieben und 16 Cent. Klingt günstig. Doch in einem Land, in dem jede fünfte Person täglich mit weniger als 1,60 Euro leben muss, ist es das nicht.

Wer sich keine Binden leisten kann, verwendet Stofffetzen. Oder behilft sich mit Zeitungspapier, getrockneten Blättern, Moos, mitunter sogar Asche. Auch aus Unwissenheit greifen Mädchen und Frauen dazu - weil sie noch nie eine Binde gesehen und nichts darüber gehört haben. Obwohl der Schulunterricht über menstruelle Hygiene aufklären sollte, tut er das oft nicht. Arjun zufolge sei das Thema vielen Lehrern "unangenehm". Sie würden es auslassen, nur sehr oberflächlich oder erst am Ende der Schulzeit behandeln. In Familien wird wenig oder gar nicht über Menstruation gesprochen.

Mädchen, die zum ersten Mal ihre Tage bekommen, wissen deshalb oft nicht, was mit ihrem Körper passiert. Viele sind besorgt, denken, sie seien krank. Nur wenige sprechen über ihre Blutungen, nicht einmal mit guten Freundinnen. Andere Mädchen suchen in ihrer Hilflosigkeit nach Rat. Eine Zwölfjährige hatte gerade Unterricht, als sie zum ersten Mal ihre Tage bekam. Sie wandte sich an die Lehrerin. Diese ließ das Mädchen den roten Fleck auf seiner Hose den Mitschülern zeigen. Es war das letzte Mal, dass man sie in der Schule sah. Die Schülerin nahm sich das Leben.

Indien sei eine "abstoßende Gesellschaft", empört sich die indische Journalistin Bijsmita Debnath nach dem Selbstmord in einem offenen Brief auf der Plattform Youth Ki Awaaz. "Der Kampf ist noch lange nicht gewonnen", schreibt "The Red Cycle" bei Facebook. Das Beispiel des Mädchens zeigt: Es ist wichtig, dass Arjun und seine Mitstreiter weiter kämpfen. Bis die Menstruation in Indien als das gesehen wird, was sie ist: Ein Zeichen der Fruchtbarkeit - ein Beweis für die Fähigkeit der Frau, Leben zu schenken. Kein Grund, sich zu schämen.

Emanzipation Alle Tage wieder

Menstruation

Alle Tage wieder

Die Hälfte der Menschen lebt jahrzehntelang mit ihr, trotzdem blieb sie hartnäckig ein Tabu. Jetzt wird die Menstruation endlich zum Gesprächsthema. Über Frauen und ihre Periode.   Von Meredith Haaf